Zweites Kapitol. Die griechische Plastik. Geschichtliche Entwicklung. 201
werden der Parthenonsenlpturen sammt der übrigen äclitgriechischenPlastik auf das richtige Maass historischer und ästhetischer Würdigungzurückgeführt worden ist Wir haben es also an einzelnen Orten, wo dieVerhältnisse der Zeit sich als günstige erwiesen, mit einer höchst bedeu-tenden Nachblüthe griechischer Plastik zuthun, die wir nunmehr gesondertbetrachten.
1. Die Schule von Rhodos.
Die Schule von Rhodos knüpft an die des Lysippos an und ist Schnie vonalso der letzte Ausläufer der peloponnesischen Kunst. DerLindier Chareswar es (S. 194), der als Schüler des grossen sikyonischen Meisters dieKunst desselben nach Rhodos verpflanzte. Sprach sich aber in seinemKoloss des Sonnengottes bereits eine bedenkliche Richtung in’s Ueber-triebene aus, so haben wir dieselbe geradezu aus einer Vorliebe derRhodier zu erklären; denn Plimus erzählt, dass ausser dem Sonnengott,dem riesigsten Werke antiker Plastik, noch hundert andere Kolosse dieStadt geschmückt hätten. Wir glauben darin den Uebermuth einer reichenHandelsstadt zu erblicken, dem es bei künstlerischen Unternehmungen inder Regel mehr auf prunkende Darlegung ungeheurer Mittel, also auf un-gewöhnliche Grösse und kostbare Stoffe, als auf die Idee und die Schönheitankommt. Bezeichnend ist ferner für die Rhodier, dass wir bei ihnen inder frühem Zeit keine Pflege der Kunst nachzuweisen vermögen, sonderndass erst jetzt in ihrer glänzenden Bltithe sie sich auch diesen Luxus —denn anders wird die Kunst bei ihnen nicht angesehen — zu verschaffensuchen. Ausserdem sind erst unlängst auf der Akropolis vonLindos durchLudwig Ross viele Inschriften entdeckt werden, die eine Anzahl vonrhodischen und auswärtigen Künstlernamen ergeben und den Beweisliefern, dass Rhodos während dieser ganzen Epoche der Sitz einer regenplastischen Thätigkeit war, an welcher nicht blos einheimische, sondernauch andere kleinasiatische Künstler betheiligt waren. Meistens beziehensich die Inschriften auf Portraitstatuen von Priestern, mehrmals finden siesich dagegen auf Postamenten, deren Ausdehnung auf grössere Werke,namentlich auf Gruppen hinweist.
Von Bedeutung ist sodann eine Notiz bei Plinius über den rhodischen AristonMas.Bildner Aristonidas, der eine Statue des reuigen Athamas geschaffen. DerHeros, welcher in einem Anfall von Raserei seinen Sohn Learehos getödtethatte, war dargestellt, wie er voll Reue und Scham über seine That dasitzt.
Um aber die Schamröthe auszudrücken, habe der Bildhauer, so erzähltPlinius, dem Erz einen Zusatz von Eisen gegeben. Wenn wir diesenProzess auch für eben so unwahrscheinlich halten, wie jene Silberbei-