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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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Zweites Buch.

Künstler um150 v. Chr.

Die neu-attischeSchule.

Torso desBelvedere.

zu Werke gellt und die göttliche Inspiration der Zeiten eines Pliidias,Skopas und Praxiteles nicht mehr zu erreichen vermag. Denn da liegtdie Grenze, welche selbst der geistvollsten Reproduction gezogen ist.

Unter den Künstlern, durch welche um 150 v. Chr. der griechischeEinfluss in Rom zur Herrschaft gelangte, werden mehrere genannt, dieallem Anscheine nach durch Metellus aus Griechenland berufen waren.Dahin gehört Tirnarchides, welcher für den von Metellus erbauten Por-ticus der Octavia eine Statue des Apollo mit der Kithara schuf, dahinsein Sohn Dionysios, welcher in Verbindung mit dem Athener Polykiesdas GoldeIfenbeinbild eines Juppiter für den in der Nähe befindlichenTempel des Gottes arbeitete. Von demselben Polykies wird die Statueeines Hermaphroditen gepriesen, ein Gegenstand, der gewiss schon früherin der griechischen Kunst behandelt worden war, durch das Weicldich-Ueppige der sinnlichen Auffassung aber gerade dieser Spätzeit besondersZusagen mochte. Das scheinen die vielfachen Denkmale solcher Art, be-sonders die mehrfach vorkommende Statue eines in unruhigem Schlafedaliegenden Hermaphroditen (zwei Wiederholungen allein im Louvre zuParis) zu bezeugen.

Wichtiger als diese vereinzelten Nachrichten von untergegangenenWerken ist eine Reihe vorzüglicher Denkmäler, in welcher uns die Thä-tigkeit der neuattischen Schule in ihrer ganzen Bedeutung entgegentritt.Ueberwiegend im Kreise idealer Anschauungen sich bewegend, bietensie uns in mehr oder minder freier Nachbildung, oder doch in treuerAnlehnung glänzende Reproduetionen von Meisterwerken der Blüthezeit.Dies gilt in erster Linie von dem berühmten Torso des Belvedere zuRom, inschriftlich einem Werke des Atheners Apollonios (Fig. 93).Wahrscheinlich ist dies derselbe Künstler, der zu Sulla’s Zeit für dennach einem Brande erneuerten Tempel des capitolinischen Juppiter dieGoldelfenbeinstatue des Gottes arbeitete. Der Torso, welcher im Anfängedes 16. Jahrhunderts an einer Stelle gefunden wurde, wo ehemals dasTheater des Pompejus gestanden hat, giebt uns höchst wahrscheinlichnach dem Vorbild eines lysippischen Originals die Gestalt des von müh-seliger Arbeit ausruhenden Herakles. Auf einem Felsen sitzend, denmächtigen Oberkörper nach vorn neigend, scheint der Heros sich aufseine Keule gestützt zu haben. So grossartig die Anlage des Ganzen, somächtig und ideal im Allgemeinen die Auffassung der Formen ist, so zeigtsich doch in der übertrieben weichen und auf den Effekt berechnetenDurchführung die Richtung einer Kunst, welche die erhabne Einfachheiteiner früheren Zeit nur auf dem Wege einer äusserlichen Manier wieder-zugeben vermag. Es versteht sich, dass dies Urtheil nur auf einem Ver-