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Monatschrift für Helveziens Töchter / von Leonhard Meister
Entstehung
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163
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Liebe. Man mußte sinnreiche Kunstgriffe brauchen,und sehr gut bey ihr stehn, wenn man ihr Geschenkeaufdringen wollte.

Wegen eines Duells zwischen zween von ihren Lieb-habern bedrohte man sie mit der Einschließung insKloster. Dagegen wcnd' ich nichts ein, sagte sie, wo-fern es ein Barfüsserkloster seyn mag. Man sprachvon bußfertigen Jungfrauen. Zu diesen, erwidertesie, gehör' ich wol nicht. Weder jungfräulich nochbußfertig leb' ich. Sie hatte zu viel und zu mächtigeFreunde, um sie in ihrer Freyheit zuhindcrn. Immerfand man an ihrem Tische die beste geistreichste Gesell-schaft. Da sie nicht reich war, so erlaubte sie, daßjeder seine Schüssel durfte Hertragen lassen. Unterihren Liebhabern zählte sie auch berühmte Gelehrteund Philosophen, z. B. einen Huyghens und St.Evremont. Selten gab man sie auf; sie aber dankteleicht ab. Immer aber blieb sie Freundin von denehmaligcn Liebhabern. Gleich weit entfernte sich diePhilosophie dieser modernen Lcontium, so wol vonVvrurtheilcn als von eiteln Grübeleycn. In ihremzwey und zwanzigsten Jahre war sie in eine äusserstgefährliche Krankheit gefallen. Rund um das Lage^wäintcn und seufzten ihre Freunde: Ach, rufte sie aus, in der Welt laß ich ja hinter mir nur Ster-» bende zurük. Unter ihr Bildniß schrieb St. Evre^mont folgende Verse: