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Drittes Buch,
mer was diese Vorurtheile begünstigt, sie sehen niewas ihnen widerspricht.
Selbst die unbeträchtlichsten Hindernisse von die-ser Art machen daß man die Sachen niemals siehtwie sie sind. Die Weiber sollen weit besser in unsernPhyfionomien lesen als wir in ihren; und vielleichtist kein Weib fähig die Physionomie eines Manneszu beurtheilen, wenn sie heßlich ist.
Die meisten Vorwürfe nehmen in den Augen ih-rer Beobachter die Farbe und den Schwung desCharakters mit dem sie beobachtet werden an, oder sieerscheinen in der Gestalt der herrschenden Idee desBeobachters. Die einen sind hypochondrisch, siesehen alles schwarz; andre sind Tadler, sie sehenalles klein; andre sind Bewundrer, sie sehen allesgroß; die einen sehen nur das fehlerhafte, ihre An-zal ist unendlich groß; die andern nur das schöne,ihre Anzal ist unendlich klein. Ein verwöhnter Ver-ehrer des Schimmers und der Ausschweifung derNeuern in der Malerey und Bildhauerkunst bewun-dert ungewöhnliche Stellungen und Handlungen dieein freches Feuer begleitet , weil nach dem Shaf-tesbury ein falscher Geschmack mehr auf das fällt,was die Sinne unmittelbar rührt, als was in derFolge und durch die Betrachtung dem Geiste gefällt,und Nachdenken und Verstand zu seiner Wirkungerfodert; ein Mann von grossem und wahrem aufdie sublimste Natur gegründeten Geschmacke erblicktwas er in sich selbst fühlt, die edle Einfalt und dieruhige Grösse. Der elende Iansenistische Anbellet