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Von der Erfahrung in der Arzneykunst / Joh. Georg Zimmermann
Entstehung
Seite
140
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zweytes Capitel.

des Werkes von dem Geiste der Gesetze glaubte des,selben unsterblichen Verfasser ertappt zu haben, weiler in diesem Werke nicht von der Erbsünde und derGnade gesprochen. Montesquieu antwortete / einMensch der alle Artickcl eines Buches angreifen will,und nur eine herrschende Idee hat, ist dem Dorf-pfarrer gleich, dem einige Sternkundiger den Monddurch ein Sternrohr zeigten, und der in dem Mon-de nichts sah als seinen Kirchthurn.

Noch mehr begrenzen den Beobachtungsgeist dieLeidenschaften. Jedes Vorurlheil wird eine Lei-denschaft sobald es den geringsten Widerstand sindt,und man weis wie groß die Zal der Leidenschaftenohnedem ist. Alle Arten der Leidenschaften bemu-stern sich der Gemüther so sehr, daß ste nicht fähigsind etwas mehr zu sehen oder zu fühlen als ihreLeidenschaft. Ein Mensch kann bey dem aufgeklär-testen Verstände unfähig seyn dem Verstände undden Gesinnungen seiner Freunde Gerechtigkeit wic-derfahren zu lassen , wenn etwas in seiner Brustliegt das ihm diesen Verstand und diese Gesinnun-gen beschwerlich macht; auch ist immer etwas in demUnglük solcher Freunde, das ihm nicht mißfällt. Eineigennütziger Arzt sieht tausend niederschlagende Be-gebenheiten nicht, sobald sie seine Pralcreyen wider-legen ; er wird eher sterben als etwas gutes an ei-nem Arzte sehen wollen, den er haßt.

Wie mehr sich unsere Leidenschaften in die Beur-theilung eines Gegenstandes mischen, desto unge-schickter sind wir denselben wohl;n beurtheilen. Es