LZ4 d' ^
und Erbauung zu schöpfen; den gleichen Vorsatzhat auch der welcher eine Predigtstunde besucht: Inbeyden Fällen waltet also die beste Absicht, so daßkeiner der im Seneka oder Antonin liest, eine bes-sere haben könnte. Aber, da liegt das Punktumdes Unterschieds; derjenige, welcher etwas von un-sern einheimischen Quacksalbern liest oder hört,fühlt sich von Schlaf und Hochgähnen angegriffen,am End aber ist und bleibt er was er zuvor war;§us der Lectur des alten Heyden hingegen schöpftder andere Trost, und kann für eine Zeitlang demSturm seiner liebsten Leidenschaften Stille gebie-ten. So ist es ja sonnenklar , daß dieser Unter-schied nicht von der Verkehrtheit des erstgedachtenLesers oder Zuhörers, sondern von dem Unverstanddes Autors oder des Redners herrühre. Aber laßtuns auch den Fall setzen, es sey wie die Herrensagen: Ist es wohl auch der Verkehrtheit der Leuthezuzuschreiben, daß wenn wir über den gleichen Ge-genstand ein französisches Buch lesen (in der Ur-sprache nämlich; denn die Übersetzungen welchetäglich von den unwissendsten Schmierern zum Vor-schein kommen, sind über allen Allsdruck elend) wirdie gleiche Wirkung wie bey dem Lesen der Alten em.pfinden, zuweilen sogar noch mehr Nutzen als ausdiesen letzter» selber ziehen? Was kann die Ursachedavon seyn , als daß bey diesen Ausländern mehrgute Moral, Kenntniß der menschlichen Natur,gründliche und männliche Beredsamkeit zu findenist ; da hingegen unserseits Schwachheit und Unsinn