Band 
1840, Januar-Juni.
Entstehung
Seite
17
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sich auch als ein Gegner der jüngsten deutschenLiteratur, die er gern perfifliren möchte, unddoch ist er in gewisser Beziehung wieder vonderselben abhängig, indem er, mitten in derWelt seiner kleinstädtischen Hofzirkel, plötzlichSchreibart und Pointen der sogenannten jungenLiteratur imitirt. In dieser Beziehung kannüber den sich dergestalt selbst in den Haarenliegenden Herrn von Sternberg wohl nichtsTreffenderes gesagt werden, als was eine Hof-dame in Weimar äußerte, in deren Gegenwarteine andere hochgestellte Dame die Bemerkunggemacht hatte: „sie habe gehört, daß unser Herrvon Sternberg auch zum jungen Deutschlandgehöre!" — „achnein, erwiederte die geistreicheDame — zum alten Frankreich!" — Die Wahr-heit in dieser verbürgten Anekdote ist, daß in derThat eine Mischung von jungem Deutschlandund altem Frankreich in dem Verfasser dieserzahlreichen Romane thätig ist, eine Mischungum so seltsamerer Art, als man darin leicht ver-sucht werden kann, das Eine für das Lindere zunehmen, und das Junge für das Alte wie dasAlte für das Junge zu halten. In diesem seinemneuesten Erzeilgniß „Samt - Sylvan" ist es demVerfasser an einer Stelle (Thl. 2. S. 81 flgd.)sogar begegnet, eine kleine Koketterie mit demDemokratismus zu treiben, welche Sünde abernur wie ein leichter Modekitzel, den man sich aucheinmal nicht hat versagen wollen, in dem Inter-esse des ganzen Romans, der es nur mit Hof-schilderungen aus dem achtzehnten Jahrhundertzu thun hat, sehr sanft wieder verwunden wird.So ist in diesem Autor ein trübseliges Gemischweltmännischer Blasirtheit und poetischer Affecta-tion, eine erheuchelte Originalität, die sich ei-nen Anschein von Tiefe giebt, welche ihr alsLeerheit nachgewiesen werden kann, und fürDichtung an sich ausgiebt, was ein in Eigen-sinn verhärtetes Talent genannt werden muß.Als den Grundzug einer solchen Erscheinungkann man leider nur die Eitelkeit erkennen, dieihren größten Lebenstreffer darein gesetzt hat, sicheinen ganz absonderlichen Standpunkt zurecbt zumachen, auf dem sie es anders treibt wie dieübrigen Zeitgenossen, gegen die sie sich in ihremgekünstelten Stolz recht etwas dünkt und welchensie die Thorheit zutraut, daß sie das als Naturan ihr anerkennen werden, was so deutlich alsAffe der Vergangenheit und als Narr der Zu-kunft dasteht. Dieses eigenthümlich fabricirteGenre bildet sich vielleicht sogar auf seine höhereMoralität etwas ein, die es vor andern Produ-kten der neuesten Literatur voraus habe, und dochkann man sich nicht anders als mit Ekel abwen-den, wenn man seine Ansprüche an den innern

Fonds und sittlichen Kern der Lebensgebilde rich-tet, welche den Horizont dieses Alltors bevölkern.

Da offenbart sich denn, hinter den altmodischenTapeten, auch manches fashionable Laster, so daßman alle Augenblicke versucht wird, wie Hamletmit deilt Schwert hineinzustechen. Eine Ratte!Eine Ratte!

Dieser neueste Roman: Saint-Sylvan, tragtden Typus der früheren, obwohl in einem be-deutend abgeschwächten Grade, da ihm durchausjede poetische Erfindung und alles höhere In-teresse der Begebenheit abgeht, indem sein einzi-ger Zweck ist, in einem Gelände flüchtiger Bilderdas Hofleben und die diplomatische Jntriguen-welt des achtzehnten Jahrhunderts zu skizziren.

In dieser Weise ist die Schilderung des geistli-chen Hofes von Trier vorzüglich gelungen zunennen. Aber mit dem oberflächlich erfaßtenCharakter seinerHöse ist der Charakter des acht-zehnten Jahrhunderts keineswegs abgethan, undwenn der Verfasser in seinem Roman ein Ge-sammtbilv desselben zu geben sich vorgesetzt, sofehlt ihm dazu vor allen Dingen eine Totalan-fchauung des Jahrhunderts, dessen bewegendeLebensmächte bis zu ihrer Spitze, der Revolu-tion, zu gewaltig und originell waren, um siemit den hergebrachten Phrasen, mit denen ge-wöhnlich das achtzehnte Jahrhundert in Bauschund Bogen verdammt wird, abzufertigen. Einegewisse Weltkenntnkß ist dem Verfasser auch indiesem Roman nicht abzusprechen, aber es isteine bloße Detailkenntniß der Weltformen, der al-les höhere und allgemeine Princip der Anschauunggebricht. Wo er allgemeine Anschauungen giebt,da sind dieselben vorzugsweise charakteristisch inBezeichnung derjenigen Lebcnssphäre, welchersich dieser Autor ausschließlich zugewandt hat,wie z. B. folgende Stelle im Saint-Sylvan,Th. 2, S. 114 ssg.: „Ein kleiner Hof, an demder Anstand und die Ernsthaftigkeit das Scepterführt, erlahmt bald und verliert den Gebrauchseiner Kräfte. Die Interessen, die die Recht-lichkeit und die Tugend geben, sind bald erschöpftund eine gewisse Biederkeit der Gesinnung ver-trägt sich mit nichts schlechter als mit der Gran-dezza eines Keinen Hofes. Um nicht zu vertrautzu werden, muß man für eine Aufrichtigkeit sechsFalschheiten in Bereitschaft halten, und immer-während muß die Miene auf dem Antlitz wech-seln, wenn auch kein edleres Motiv dazu da istals das Verlangen, dem Auge ein angenehmesSpiel veränderter Formen darzubieten. DieTugend ist immer anspruchslos, die Geduld istewig milde und die Festigkeit verändert nie eineMuskel, allein diese erhabenen Eigenschaften inden geräuschvollen Kreis der Gesellschaft ge-

bracht, würden ihre Würde einbüßen, und fürApathie, Jndifferentismus und sorglose Trägheitgelten. Die Schminke der Leidenschaft muß oftdie Wange des redlichen Mannes überziehen,aus keinem andern Grunde, als um die Zeich-nung, die die Philosophie und die Tugend zueinfarbig angelegt, mit bunten Lichtern zu erhö-hen. Es ist nicht drum die Folge, daß eine Un-wahrheit auf der Wange mit einer Unwahrheitim Herzen correspondire; der Firniß der geselli-gen Schwächen, Uebertreibungen und Heuche-leien wird nur in dünner Lage aufgetragen; erdurchzieht nicht den Kern des Holzes, und daherbleibt dieser gesund. Die Gesellschaft ist in derRegel verschrieen wegen ihrer Laster, aber wüßteman, wie unschuldig dieses Maskenspiel ist, manwürde ihm nicht zürnen!"

Da hat man ein Bekenntniß dieser verzwick-ten, raffinirten und gleißnerischen Weltan-schauung , in welcher sich die Romane A. vonSternberg's bewegen. —

Fragmente über den Eid.

Der ehrliche Jacob Andressen - Sie-mens hat Wort gehalten und seine Schrift überden Eid, von der früher im Freihafen gesprochenworden, wirklich vollendet, wenigstens das erste Heftderselben (Alton« und Hamburg 1839) erscheinenlassen, das er „auf Thatsachen im Seewesen begrün-det" überschreibt. Dieser Helgolandische Schiffsbauer, *in den, wir einen eigenthümlichen und charaktervollenMann kennen lernen, wendet die einfachen und kör-nigen Anschauungen des Naturmenschen in einer sehrschneidenden Weise auf den heutigen Gesellschaftszu-stand an, der vor diesem Maßstab allerdings Ursachehat, zusammenzuschrecken. Man hat seinen Vaterins Verderben gestürzt, indem falsche Eide gegen ihngeschworen wurden, welche die von dem Gesetz ihnenzuerkannte Beweiskraft gegen den rechtlichen Mannausübten. Dies brachte unsern Andressen - Siemenszum Nachdenken über die Gewalt des Eides in derbürgerlichen Gesellschaft, und indem er die Geschichteseines Vaters in der naiven Sprache, die er sich selbstgebildet, vortragt, geht er von ihr aus zu allgemei-nen Betrachtungen über, und bezeichnet die Mehrzahlder gesellschaftlichen Uebel als „Folge der fatalenKraft des unchristlicheu Eidgebrauches." Dies istohne Zweifel ein sehr eigenthümlicher Gesichtspunkt,um von ihm aus einenBlick auf die Schaden der gan-zen heutigen Gesellschaft zu thun, und dieser Blickdürfte sich, wenn Siemens ein zweites Heft erschei-nen laßt, noch weiter auf die politischen Verhältnisseder Gegenwart ausdehnen, um das Verhältniß desEides auch in dieser Sphäre zu beleuchten. Mandarf von dem unftudirten Sohn der Insel nicht immereine klare und erschöpfende Durchdringung seines Ge-genstandes verlangen, aber er giebt häufig Gedanken-blitze, die aus der Trübe einer schweren Sprachesich mächtig emporringen und ganze Gebiete desLebens scharf beleuchten. —