AD 11,
Beilage zum Piloten.
184«
Französische Tageszustande.
Von Eduard Arnd in Paris.
I.
Paris, im Februar 1840.
Das Gestirn des Januars hat in dem imEinzelnen zwar immer bewegten hiesigen Lebennichts herausgeführt, was eine mehr als localeBedeutung gehabt hätte, der jetzige Monat be-ginnt dagegen sich in dieser Beziehung etwasreicher zu gestalten. Das Wetter war im Ja-nuar, ungefähr acht Tage lang, für das hiesigeKlima sehr kalt, und es war eine für den Frem-den auffallende Erscheinung, die Pariser, die sichim Innern ihrer Wohnungen so abgehärtet zei-gen, daß die Nordländer oft bei ihren Besuchen,selbst in den ersten Häusern, darüber klagen, daßdie erquickende Flamme des häuslichen Heerdeszu sparsam lodre, im Freien von rauher Luftso angegriffen zu sehen, daß sie sich weit mehrals wir bei großer Kälte verhüllten, in den Stra-ßen mehr liefen als gingen und alle Zeichen desgrößten Unbehagens von sich gaben. Mit unsfindet dagegen der umgekehrte Fall statt und wirkönnen uns, so mild der Winter gewöhnlich hierauftritt, auch bei längerm Aufenthalte in dieserStadt, nicht an ihre feuchten und luftigen Woh-nungen gewöhnen. Es findet hier überhaupt invielen Dingen ein sonderbarer Widerspruch zwi-schen dem Klima und den Sitten, den durch Na-tur, Lage und Verhältnisse von Hause aus ge-stellten Bedingungen des Lebens und dem Ge-schmacke und den Neigungen der Bevölkerungstatt, den man, glauben wir, in solchem Grade,an keinem andern Orte wieder findet. So giebtes z. B. in dem größten Theile der hiesigenWohngebäude, die großen Hotels abgerechnet,wie gewöhnlich im Norden, schmale Treppen,enge von einem Flügel zum andern führende Ga-lerien, wo sich kaum zwei Personen ausweichenkönnen, während ungeheuere mit Balkönen ver-sehene Fenster, große Thüren, die nie vollkom-men schließen, in den obern Stockwerken mit Zie-geln gepflasterte Zimmer, und Kamine statt derOefen, an Italien und Spanien erinnern. DieArchitektur und innere Einrichtung der Häuser,sowie Vieles in den Sitten und Gebräuchenscheint auf das Klima von Rom und Neapel be-rechnet zu sein und man sieht auch hierin, wiein so vielen andern Dingen, den großen Ein-fluß, den Italien nicht blos, wie man gewöhn-lich glaubt, unter den beiden Königinnen ausdem Hause Medici, sondern vom vierzehnten
Jahrhundert an auf die Sprache, die Sitten und,in mancher Beziehung, auf die Gesinnungen derFranzosen, ausgeübt hat. Dies im Einzelnendurchzuführen ist hier nicht der Ort, wir bemer-ken nur, daß die Geld- und Handelsmänneraller Art, von den großen Hoflieferanten bis zuden Wucherern herab, zu denen man erst mit an-brechender Dämmerung gehen konnte, in fastallen großen Städten dieses Landes Italienerwaren, daß vom sechzehnten Jahrhundert anitalienische Maler, Bildhauer und kunstreicheHandwerker aus Toscana und der Lombardei inFrankreich ihr Glück machten, daß die Großenund zwar besonders die Prälaten italienische Ge-sellschafter und Diener liebten, Könige, wie Karlder Achte, Ludwig der Zwölfte und Franz derErste aus allen Kräften und mit einer Art per-sönlicher Vorliebe nach dem Besitze dieses Landesstrebten und die letzten Valö'is, wie Heinrich derZweite, Karl der Neunte und Heinrich der Drittein der Mischung von religiösem Fanatismus undzügelloser Wollust, angeborner Liebe zur Kunstund phantastischer Laune des Gefühls, mehr Ita-lienern als Franzosen glichen. Der vorherr-schende Einfluß der Italiener auf die Sitten, dieGebräuche, die Einrichtungen des Lebens derHöhern Classen dauert durch Maria von Medicisund den Cardinal Mazarin bis zur RegierungLudwig des Vierzehnten fort, wo der französi-sche Genius sich von der langen welschen Vor-mundschaft zu befreien anfängt und in Sitte,Wissenschaft und Kunst sich selbstständig macht,während er es vorher eigentlich nur in Kriegund Politik gewesen. Gleichwohl ist im ganzenDasein der Franzosen und besonders der Pari-ser, der ursprünglichen Verwandtschaft beiderNationen nicht zu gedenken, Vieles, was sie vonden Italienern einst überkommen, geblieben. Ohnedie Kenntniß dieses Einflusses bleibt dem Frem-den manche Erscheinung in der hiesigen Denk-und Lebensart durchaus unerklärbar, denn ob-gleich Vieles in den Einrichtungen und Bedürf-nissen des Lebens die Franzosen den Deutschenund andern Nordländern ähnlich macht, so istihre innere Sinnesart doch vorzugsweise auf denSüden gerichtet, ohne daß dies, wie so oft beiden Deutschen, seinen Grund in einer besondernpoetischen Stimmung der Seele hätte, die in deralten Heimath der Religion, der Geschichte undKunst das melancholische Echo der Vergangen-heit zu vernehmen liebt.
Die Politik bot im vorigen Monat kein In-teresse, da die langweiligen Verhandlungen, dieBeantwortung der Thronrede betreffend, kaum
die Theilnahme des hiesigen, geschweige denn dieeines auswärtigen Publikums erregen konnten.Wer fragt, wenn er nicht zu einer der hiesigenpolitischen Coterien gehört, darnach, ob dieseoder jene Phrase in der Adresse so oder etwasanders gewandt wird? Um hierauf einen großenWerth zu legen, gehört der im Ganzen an derForm pedantisch hängende Sinn des Franzosen,und seine theils aus der Sprache, die er spricht,theils aus seiner Erziehung, dem Unterhaltungs-tone u. s. w. entstandene Vorliebe für epigram-matische Wendungen, denn es gilt hier, nichtohne Grund, für den Triumph des feinen Tonsund selbst der gewöhnlichen Klugheit in etwas er-höhten Kreisen, den Ausdruck zu verschleiern, sodaß der Gedanke zwar im Allgemeinen durch-blitzt, seine einzelnen Bestandtheile aber für denHörer immer noch etwas zu errathen lassen unddem Sprechenden die Freiheit geben, wenn ermißverstanden oder angegriffen wird, sich hinterden vielfarbigen Sinn seiner Worte zu verbergen.Diese Manier, die in einer großen mannigfaltigzusammengesetzten Gesellschaft ihren Werth hatund ohne die sie selbst nicht recht bestehen kann,da eine vollkommene Offenherzigkeit eine wahreFreundschaft voraussetzt, die nie allgemein seinkann, oder so einfache Verhältnisse, daß dieForm des Lebens, die man Gesellschaft nennt,eigentlich keine Stelle findet, wird von dem Fran-zosen auch auf die Politik und zwar die innereund öffentliche, die Debatten in den Kammernübergetragen, wo sie der Haltung eines gesetzge-benden Körpers leicht etwas Theatralisches giebt,was der Würde desselben fast mehr als irgend einandrer Fehlgriff schadet, denn das Theatralischevon großer Wirkung, wo es hingehört, verklei-nert die Dinge , die zu bestimmter Natur sind,wie z. B. die Diskussion der Gesetze, um einenfremden Schein zu vertragen und verliert selbstdabei alle Bedeutung. Die politische Beredsam-keit der Alten und heut zu Tage die der Englän-der ist männlicher und gerader und selbst die inihr vorkommenden Uebertreibungen und Leiden-schaften tragen Noch immer den Charakter einergroßartigen Vermessenheir an sich, während dieKreuz- und Querzüge, - die schlangenartigenSchnörkeleien und halbverhüllten Tendenzen derfranzösischen Redner, einige Wenige' ausgenom-men, den Deklamationen der Rhetoren und So-phisten ähnlich sind. Die einzige Rede von Be-deutung bei allen diesen Verhandlungen war diedes Herrn Thiers, die, obgleich ebenfalls mitfranzösischer Kunst gedacht, zugleich an Inhalt'und Substanz reicher als die andere ausgestattet