Band 
1840, Januar-Juni.
Entstehung
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139
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war. Ihre vorherrschende Tendenz für die Al-lianz mit England wird mit Herrn Guizot's Er-nennung zur Botschaft in London wahrscheinlichsehr bald ihre Wirkung zeigen. Es sind jetztelf Jahre her, daß wir Guizot's Vorlesungenüber moderne Geschichte in der Sorbonne hörten,ihrer Mangel ungeachtet die gehaltvollsten undideenreichsten Mittheilungen über Geschichte, dievielleicht je von einem französischen Katheder aus-gesprochen wurden und die damals in den gebil-deten Classen der ganzen Nation ein tausendfälti-ges Echo fanden. Damals war Guizot nochnicht einmal Deputmer. Seitdem ist er dies undsogar mehrmals Minister gewesen, bald wird erden ersten diplomatischen Posten im Auslandeeinnehmen, wie viel aber hat der dessen ungeach-tet nicht an wahrem Ruhm verloren oder ver-säumt! Anstatt einige treffliche und dauerndeWerke mehr zu hinterlassen, hat er die ephemereRolle eines Politikers gespielt, von der gewöhn-lich nichts als die Befriedigung der Eitelkeit unddie vorübergehende Bewunderung der unwissen-den Menge übrig bleibt, die- bald ebenfalls,mitdem, der jene hegt und an den diese gerichtet ist,spurlos verschwinden. Seine Vorlesungen inden letzten Jahren der Restauration haben aufdas gebildete Publstum überhaupt und dann aufden Eifer für ernste Studien in dem bessern Theileder Jugend, und selbst aus die politische Gesin-nung der Nation einen großem Einfluß ausge-übt, als es irgend einem andern französischenGelehrten und Staatsmanne jener Zeit vergönntgewesen! Er war es, der eine Menge radicaler ^Vorurtheile in der Geschichte, die das achtzehnte IJahrhundert in die französischen Köpfe gebracht, !die folgenreichsten und hartnäckigsten aller Irr-thümer, ausrottete und das Feld für eine bessereSaat frei machte, seine Wirksamkeit ist in dieserBeziehung größer als die irgend eines gleichzei-tigen deutschen Gelehrten gewesen. Seine histo-rischen Arbeiten werden sein Monument sein.Wer wird künftig einmal darnach fragen, daß erMinister gewesen, da kein einziges bedeutendesGesetz, wozu auch keine Möglichkeit war, vonihm als solchem ausgegangen, wer wird sich ein-mal um jeine Botschasterstelle bekümmern, derenenge und geheime Wirkung sobald spurlos ver-schwinden wird. Wer fragt z. B. heute inFrankreich nach dem Fürsten Talleyrcnw, derkaum seit zwei Jahren todt ist, dem Ideal einesmodernen Diplomaten? — Er hat seine Eitel-keit befriedigt und seine Tasche gefüllt und damitgut, er hat seinen Lohn dahin; Gurzot ist aberein Mann von edlerer Natur und hat zu viel Ge-leit, um sein Leben in bloßen Formen abzu-» nutzen. Das politische Talent auf einer großenHöhe ausgeübt, ist allerdings das einflußreichste

und umfassendste, aber auch das seltenste. Dasfranzösische Volk, dem man ohne'Zweifel nichtGeschick und Kraft für die Angelegenheiten derWelt abspricht, hat in einem Jahrhundert nureinen großen und einen bedeutenden Staatsmannhervorgebracht, Richelieu und Colbert, alle an-dern waren Geschäftsleute, Räder in der Ma-schine, die von selbst ging. Die diplomatischeLaufbahn ist, so wie sie heute besteht, gewiß dieverflachendste und läßt zu höherer und allgemeingeistiger Beschäftigung keine Freiheit und Muße,da ein denkender und unabhängiger Kopf in ihrseine Kraft in lauter Formet: aus- und abreibt,und bei den Dramen, denen sie beiwohnt oder diesie spielt, sind die Scenerie und die Decorationgewöhnlich mehr als die Personen und die Hand-lungen selbst werth. Es ist für Frankreich zuwünschen, daß Herr Guizot sich nicht zu langein diesem Verhältnisse gefalle, für das so vieleihm untergeordnete Talente ausreichen. Wirerinnern uns aus Alfieri's Leben der Stelle, woer von deur Anerbieten des sardinischen Ministers,ihn in die diplomatische Laufbahn zu ziehen,spricht, und wie hoch er seine Tragödien, mit !Recht, über die „ " der Turiner Politiker

stellt. So sollte Jeder denken, dem ein so bedeu- >tendes Talent und ein so unmittelbarer dauernderEinfluß auf die Gesinnung und Bildung Andrer,wie Guizot besitzt, verliehen ist. Sein letztesWerk „ Washingtons Leben " trägt übrigens be-deutend die Spuren seiner zehnjährigen, in demformellen Treiben des französischen politischenLebens ohne wahren Gewinn, ohne großes Re-sultat, sich verzehrenden Thätigkeit. Es ist sophantasielos, wie seine frühern Arbeiten, aberlange nicht so reich an großen Martinen, andurchdringendem Scharfsinn, an wahren systema-tischen Betrachtungen, als das, was er frühergeschrieben.

Die Depntirtenkammer war durch den Man-gel an Kraft und Unabhängigkeit der meistenihrer Mitglieder beim Publicum seit langer Zeitin so großen Mißcredit gekommen, daß es schien,

! als habe sie es sich zur Ausgabe gemacht, denI Feinden der Reprasentativregierung den Beweisin die Hände zu geben, daß diese Form des po-litischen Lebens nichts als ein kostspieliger, dieEitelkeit und den Eigennutz Einzelner an sichlockender Köder sei. Man begann Louis Phi-lipp als einen andern Octavian anzusehen, be-stimmt die Wunden seines Landes zu heilen unddie Bürgerkriege zu beendigen, zugleich aber dieüberkommenen politischen Formen, die aus derZeit der Freiheit stammten, so abzunutzen, ihreUnzulänglichkeit und Hohlheit, besonders durchden häufigen Wechsel der an ihre Spitze gestell-ten Personen, unter denen, wer sie auch sein

mochten, die Lage der Sachen immer dieselbe,gleich gut oder gleich schlecht blieb, dem Volke soklar vor Augen zu stellen, daß es sie allmäligvon selbst aufgeben und ihn endlich von jeder lä-stigen Controle befreien sollte. Dieser Verdachtist so absurd nicht, wenn man den Gang deröffentlichen Angelegenheiten in diesem Lande be-obachtet hat, wo, seit zehn Jahren, bei aller Be-wegung, weder eigentlich etwas Neues noch we-sentlich Gutes geschehen ist, sondern Alles sichum die Verleihungen von Aemtern, Orden undPensionen, um die Befriedigung verletzter oderanspruchsvoller Persönlichkeiten gedreht hat, ohnedaß die Masse des Volkes durch dies Alles ma-teriell glücklicher oder moralisch besser gewordenwäre, die einzigen Beweise für eine gute Re-gierung. Es würde indessen zu wenig mit derbekannten Klugheit des Königs der Franzosenübereinstimmet:, wenn man bei ihm die Meinungvoraussetzte, daß er die Nation, an deren Spitzeer steht, auf die Länge durch den Formalismusdes konstitutionellen Lebens, ohne wahre innereErfüllung, tauschen, oder ihr den Genuß der po-litischen Freiheit gleichgültig machen könne. Eskönnte dies vielleicht die Meinung eines Theiles> seiner Hosleute und Beamten, nie aber seine ei-^ gene sein, da seine lange Erfahrung zu sehr den! leicht abzuspannenden, aber sich auch ganz vonselbst wieder aufspannenden Sinn dieses kraft-vollen und rauschenden Instruments kennt, dasman die französische Nation nennt, die eine sogroße Rolle in: allgemeinen Weltconcert spieltund die man auf die Länge am Schwerstentäuschen kann, da sie sich am wenigsten an einedauernd feste Gewohnheit und Gesinnung bindet,sondern leicht von einem Tone auf den andernüberspringt. Es wäre dies eine halsbrechendeProbe! Die Tendenz dieses scharfblickenden Für-sten ist wahrscheinlich keine andere, als wahrendder durch die letzte Revolution und die Kampfeder Parteien in der Masse eingetretenen Abspan-nung sich und seine von einem Theile des Jn-und Auslandes angefochtene Dynastie zu befesti-gen, er hat aber gewiß im Ernst nie daran ge-dacht, sich als den Dictator Frankreichs, son-dern sich nur, zur Zeit, als dessen Orakel anzu-sehen. Die Kraftlosigkeit der hiesigen Deputir-tenkamrner, ihr geringer Eifer für das öffentlicheWohl, ihr bureaukratischer Geist, kam ihn: Leiseinem Bestreben sich der Aufsicht derselben, be-sonders in Bezug auf die Führung der auswär-tigen Angelegenheiten, zu entziehen, trefflich zuStatten, machte aber auch, daß jene in der öf-fentlichen Meinung immer tiefer sank. Die sy-stematischen Feinde der gegenwärtigen Regierungin Frankreich, die Legitimsten und Republikaner,verlangten deshalb, obgleich in verschiedener Ab-