Band 
1840, Januar-Juni.
Entstehung
Seite
178
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MZ 14

Beilage zum Piloten.

184V

Die heutige Stellung -er Par-teien in Frankreich.

i.

Kein Volk ist in neuerer Zeit, besondersvorn deutschen Standpunkte aus, so falsch undbitter beurtheilt worden, als die französische Na-tion. Unter ihren Gegnern nehmen Wolf-gang Menzel in Schwaben und Eck-stein*) in Paris den ersten Rang ein; je-ner gemüthlos und geistesbeschrankt,' jedochwie es scheint aus Ueberzeugung, dieser geist-und Phantasiereich aus zweifelhaften Gründeneine schmähende Richtung nehmend. Der Erstezog aus kurzsichtiger Deutschthümelei auf dieganze Nation mit einen: so zahlreichen Heer-bann von Schimpfreden los, daß ihm wohlNiemand den Prasidentenstuhl unter den Hö-ckerfrauen oder Fischweibern wird streitig ma-chen können. Der Zweite ließ die Verhältnisseund die historischen Entwickelungen unangefoch-ten, während er mit desto größerer Wuth mitseinen Schmahworten die Personen verfolgte, umauf diese indirekte Weise das deutsche Volk vondem neuen öffentlichen Staatsleben, das sich inFrankreich, aller Hindernisse ungeachtet, fort-während -entwickelt, abzuziehen. Beide haben,wenn auch nicht direct, doch indirect in der neuernZeit ihren Fehltritt bekannt oder sind wenigstensgezwungen worden, es zu thun. Wolf gangMenzel hat in seinem publicistischen Versuch:„Europa im Jahre 1840" ausdrücklich aner-kannt, daß man den Franzosen Vaterlandsliebenicht absprechen könne; während Eckstein inNr. 48 der Beilage zur allgemeinen Zeitungwörtlich schreibt: „Noch sind Energie des Geistes,Güte des Gemüths, ritterlicher Muth in Frank-reich so schwer nicht anzutreffen. Noch befindensich in Frankreich Tausende, die sich mit Ent-sagung aller Weltgenüffe der Pflege des Unglücksund der Belehrung der Armen widmen." —-Wenn es schon merkwürdig ist, daß der eine vonden engen Grenzen seines Germanismus aufeinige Augenblicke sich losmachen konnte; so istes eben so auffallend, daß der andere, ein ge-wandter Spötter, wie die ganze Erde viel-leicht einen zweiten in diesem Augenblick nichtauszuweisen vermag, vor Aufreizungen ernstlichwarnt. Er, dessen Feder bis jetzt in Gift ge-taucht gewesen, scheint endlich einzusehen, daß

*) Herr Eckstein schrieb vor der Juli-Revolutionin der allg. Zeitung die Artikel aus Paris mitzwei Kreuzen, jetzt aber mit dem Weltz eich e n.

sowohl die loyale Presse, als auch die Regie-rungen nicht den richtigen Weg gegen Frank-reich eingeschlagen haben. Ihm selbst wird nunbange für die Nh ein grenz e.

Wir schätzen die Nationalitäten, welche aufGröße des Geistes und Tiefe des Gemüthes basirtsind, gewiß sehr hoch, glauben aber nicht, daßdeshalb die den andern Nationen zukommendenguten Eigenschaften verkannt, und die ihnen ge-bührenden Rechte der Menschheit mit Füßen ge-treten werden dürfen. Geschieht dies, so ist dieso hoch gepriesene Nationalität weiter nichts, alseine geist- und gemüthlose Grimasse, welche dieLaune des höher Gebildeten doppelt anregt,wenn sie aus Ueberzeugung angenommen wird.

Ein Volk ist stets das nothwendige Resultatder socialen Verhältnisse und der Gesetzgebung,unter welchen es sich entwickelt hat. Diese undnicht die Menschen sind daher anzuklagen, wennein Volk ausartet und die innere geistige Stimmeverkennt, die ihm zum Führer gegeben wor-den ist.

Gehen wir auf die historische Entwickelungdes neuern französischen Volks nur einigermaßenzurück, so hat wohl schwerlich eine andereNation mehr Unglück, als diese auszuweisen.Ludwig XIV. im Bunde mit dem geistes-starken Cardinal Richelieu riß alle Stände-Garantien mit leichtfertiger Hand nieder, umtriumphirend ausrufen zu können: „I'etat e'estmoi." Was er niedergerissen hatte, fandenseine Nachfolger nicht für gut, wieder aufzu-bauen. Eine einflußreiche Presse gab es damalsnicht, welche die Dynastie vor den unvermeidli-chen Folgen eines solchen Absolutismus hättewarnen können. Was in der Natur der Sacheliegt, trat auch wirklich ein. Es entwickeltesich ein schamloses Hofleben, wie die Geschichteein zweites Beispiel gar nicht auszuweisen hat.Nachdem Ludwig XIV. eine Schuldenlastvon vierTausend fün f Hund er t Mil-lionen Franken hinterlassen und die Sitten-losigkeit des Hofes unter der Regentschaftdes Herzogs von Orleans die höchsteStufe erreicht hatte, stürzte die Maitreffenregie-rung Ludwigs XV. die Staatsgewalt in einegrenzenlose Verwirrung und das Volk in diedrückendste -Armuth. Nachdem man durch Aus-schweifungen und Finanzdruck die Bürger zumPöbel herabgewürdigt hat, muß man sich nichtmehr wundern, wenn sie pöbelhafte Handlungenbegehen. Die französische Revolution ausdiesen Grundursachen entstanden, konnte so wenigdie Sitten erheben und das unter so vielen Leiden

erloschene Gemüth wieder herstellen, als Na-poleons strenges aber materielles Regiment.Mit vieler Geschicklichkeit bemächtigte er sich zwarder physischen Kraft, welche der allgemeine Volks-Enthusiasmus erzeugt hatte, verkannte aber dieMacht des Geistes und des Gemüths und glaubtenur durch materielle Kräfte und Belohnungenallein regieren zu können. Als die Urkraft allerKraft, die Nationalbegeisterung ganz ersticktwar, fiel auch er bei dem ersten Unfall, derseinen militairischen Glücksstern traf. Nocheinmal versuchten es seine Veteranen, als dieganze Nation in dem neuen Herrscher aus derlegitimen Dynastie sich getäuscht sah, ihn zu er-heben, aber auch in dieser so schwankenden Lagevermochte es sein verhärtetes Gemüth nicht, dieRechte und die Freiheit seiner Mitbürger anzu-erkennen. Seine vorübergehende Erscheinungnöthigte zwar Ludwig XVIII. zur Mäßigung,aber desto entschiedener begann sein Nachfolger,K arl X., von adeligen Emigranten ermuntertund unterstützt, den Kampf gegen die Nation.Nach feinern Sturz bildete sich auch um denThron Louis Philipps eine Hofpartei,welche, alle Fehler des alten Adels ohne seinegroßen Erinnerungen irr sich vereinigend, nurdurch materielle Mittel und Intriguen eine mehrund mehr durch ein öffentliches Staatsleben sicherhebende Nation glücklich zu beherrschen sich ein-bildete.

II.

Den Rathgebern der jünger« Dynastie fälltzunächst zur Last, daß sie die Wichtigkeit einesThronwechsels auch nicht im entferntesten in allenseinen unendlichen Folgen zu würdigen verstandenhaben. Sie haben denselben mit einem gewöhn-lichen Sterbefall in einer fürstlichen Familie ver-wechselt und geglaubt, daß die jüngere Dynastieeiner klugen und umsichtigen Begründung garnicht bedürfe *). Durch diese falsche Ansicht

*) Ein Publieist der Allg. Zeitung in einemneuern Aufsätze über „die gegenw ärti geKrisisv o n Fr ankr eich " spricht sich über diese Stellung,welche die neue Dynastie nach ihm so sehr verkannthat, wörtlich, wie folgt, aus: „ Die erste Ursacheder neuen französischen Krisis fanden wir darin, daßder Jnliusthron aus Verkennung oder Mißachtungseines Verhältnisses zu der vorherrschenden französi-schen Meinung über das Königsthum, seine Familien-interessen nicht dieser unterzuordnen weiß; sondernmit ihnen sich in die Gewohnheiten und Forderungender feudalen Monarchie pflanzt."

„Die zweite und eben so wichtige Ursache derVerlegenheit liegt in dem Verhältnisse des Königs zuseinem Ministerium, in der Art und Weise nämlich.