Band 
1840, Januar-Juni.
Entstehung
Seite
180
JPEG-Download
 

167

diese moralische Erhebung der ganzen Nationeintreten wird, kann besonders, wenn absicht-liche Störungen veranlaßt werden, eine geraumeZeit hingehen, und bis dahinist der ZustandFrankreichs für das Ausland allerdings ge-fährlich.

Fragen wir nun, welche Stellung das Mi-nisterium jetzt gegen die auswärtigen Völkereinnehmen wird, so ergiebt sich die Antwort vonselbst aus seinen parlamentarischen Kräften, überdie es gebietet. Diese gehören hauptsächlich denneuern fortschreitenden Ideen an, die jedoch vonder Gegenwart ausgehen, und eine organischeEntwickelung nicht verschmähen.

Das neue Ministerium wird daher SpanienLei der Lösung seiner konstitutionellen Wirrenhülfreich unterstützen; in Italien zwar keineVolksaufstände hervorrufen, jedoch den italie-nischen Regierungen den ernsten Rath ertheilen,denselben auf legislativem Wege zuvor zu kommen.Sich fest mit England verbindend, wird es zwkrin der orientalischen Frage denselben Weg gehen,jedoch hier nationale Vorurtheile für den Paschavon Aegypten im eigenen Lande zu überwindenhaben. Auch diese, wenn auch nicht leichte,Aufgabe wird ihm besonders dadurch gelingen,daß es eine größere Thätigkeit in Algier ent-wickeln wird. Gegen Deutschland wird es sich vor-läufig passiv verhalten, weil erst Spanien erstarktsein muß, bevor es mit Erfolg gegen uns unter denjetzl obwaltenden Umständen operiren kann. Zweiwichtige Umstände halten es für den Augenblickab, seine unverhüllten Pläne auf die Rheingrenzeauszuführen: der afrikanische Krieg in Algier,wo alle ruhmsüchtigen jungen Leute ein hinrei-chendes Feld für ihre ritterlichen Thaten finden,und die Zerwürfnisse mit Rußland, welche schoneine nationale Begründung erhalten haben undnicht so leicht mehr zu heben sind. Könnte sichFrankreich mit dem nordischen Koloß verstän-digen, dann wäre es um die Selbstständigkeitder deutschen Staaten geschehen. Man sieht,daß für jetzt noch ein kräftiger Arm der Vor-sehung für Deutschland wacht. Indessen manmuß sich auch dieses Schutzes würdig machenund nicht vergessen, daß andere mächtigere Er-eignisse Frankreich sehr leicht gegen den Rheintreiben können, ja wahrscheinlich treiben müssen.

IV.

Um dieser Gefahr vorzubeugen, müssen zu-nächst alle aufreizende Aeußerungen, welche nurvon gemüthlosen und oberflächlichen oder bös-willigen Schriftstellern kommen können, sorgfäl-tig vermieden werden. Ist es nicht unbillig,statt über die moralischen Vorzüge sich zu freuen,über die Fehler einer ganzen Nation zu spotten,

deren Entstehung in einer historischen Nothwen-digkeit nachgewiesen ist. Danken wir lieber derVorsehung, daß wir mit seltener Ausnahmevon gemüthlichen Fürsten regiert worden, unddaß die Wissenschaften schon frühzeitig und eifrigbei uns gepflegt wurden. Solche unüberlegteund maßlose Ausfalle verletzen nicht allein dasNationalgefühl, sondern dienen auch bei einemVolke, das in fortwährenden Uebergangen be-griffen ist, sehr leicht zu Verwänden, um neueEroberungen, wenn auch nicht zu rechtfertigen,doch zu bemänteln.

Eben so verkehrt und kurzsichtig wäre diePolitik, die regierende Dynastie in der Hoffnunggegen die Nation zu treiben, daß aus der Spal-tung beider nothwendig eine Schwäche hervor-gehen müsse, die sie für Eroberungen unfähigmachte. Die Zeiten solcher materiellen Berech-nungen sind längst vorüber. Die Nationalkrastentspringt bei den neuen Völkern aus dem öffent-lichen Staatsleben, und solche Reibungen könnennur dazu dienen, sie noch mehr zu erhöhen, wieuns Frankreich angenscheinlich seit der Restaura-tion gezeigt hat.

Ersprießlicher als diese bereits abgenutztenKünste wäre es offenbar, wenn man sich dereigenen und französischen Presse kräftig bediente,um Frankreich in seiner moralischen Regenera-tion aufzumuntern und zu unterstützen, undnamentlich nach staatsökonomischen Gründennachzuweisen, daß ein Krieg selten, am aller-wenigsten in dem vorliegenden Fall, das Glückeiner Nation begründen kann. Wir sind innigstdavon überzeugt, daß ein im deutschen Interessegut geleitetes französisches Journal der deutschenUnabhängigkeit viel größere Dienste leisten würde,als die zahlreichsten Gesandtschaften in Paris.Nicht die Dynastie, welche keine Kriege wünscht,sondern die Nation ist es, die man überzeugenmuß.

Eben so unerläßlich ist aber auch ein engesAnschließen an England, in dessen Interesse esebenfalls liegt, daß Frankreich nicht auf demRhein sich festsetze. Alan würde aber sehr irren,wenn man durch einen bloßen Handelsvertragoder gesandtschaftliche Beziehungen eine solcheenge Verbindung zu erzielen glaubte. Wennauch diese Mittel nicht zu vernachlässigen sind;so kann nur dann eine aufrichtige und kräftigeAlliance herbeigeführt werden, wenn wir unsmit dieser kräftigen Nation auch in unsermStaatsleben ausgleichen. Nur zwischen gleich-artigen Nationen können dauernde Bündnisse mitErfolg und Glück bestehen. In unsern Sittenund Social-Verhältniffen stehen wir ihnen, ausgermanischen Völkern entsprossen, jetzt schonnäher als jede andere Nation und kein Ereigniß

I könnte uns von ihnen mehr trennen, wenn wirauch in unsern Staats formen uns ihnen nä-herten.

Ein solcher Entschluß würde noch außerdemeine große Kraft-Entwickelung im Innern erzeu-gen. Dann würde der Osten und derWestenjede Hoffnung aufgeben müssen, uns je mit Erfolgangreifen zu können. Ein friedlicher und freund-schaftlicher Verkehr, auf einer billigen Reciprocitätbasirt, würde dann unter allen civilisirten euro-päischen Staaten naturgemäß eintreten und selbstauf Frankreich wohlthätig zurückwirken. DieseNation würde sodann im Besitze eines consolidir-ten öffentlichen Staatslebens, daö Niemand mehrzu unterminiren wagte, gefahrvolle innere Kri-sen nicht mehr zu befürchten haben. Die geistigeund materielle Bildung würde bald Riesenschrittemachen, so wie auch die öffentliche Sittlichkeitund ein reines gemüthliches Privatleben von selbstsich einfinden. Dann könnte auch Frankreichmit der Armee - Redaction beginnen und eineallgemeine europäische Entwaffnungeintreten, deren längere Unterlassung nicht alleineine krästigeEntwickelung unsers National-Reich-thums aufhält; sondern auch mit der Zeit ganzEuropa, Amerika gegenüber, in eine schiefefinanzielle Stellung bringen und in eine allge-meine Armuth stürzen muß.

Aus Paris.

Das Ministerium Thiers.

Das Ministerium Soult ist nach zehnmonatlicherDauer durch einen Handstreich der Deputirtcnkammerzum Abtreten bewogen worden. Schon bei der Bil-dung des Ministeriums Soult warvon Thiers die Rede,allein sein Ministerium scheiterte an den Antipathiendes Hofes. Die auswärtige Diplomatie mochte ihnnicht, weil er ein Kind der Revolution ist, und, sei-nem Ursprünge nach, weder den höheren Salons an-gehört, noch sich an die Formen derselben gewöhnthat; die Henriquinquisten verabscheuten ihn als einenFeind der Legitimität und des Königthums; die Jour-nalistik verdächtigte ihn, kurz — er stieß überall aufAntipathien. Wie denn kommt es nun, daß er, ob-schon seit jenem Zeitraume nur 10 Monate verflossensind, dennoch an die Spitze eines Ministeriums sichgestellt steht, das von ihm seine Farbe erhält? Sinddie Antipathien denn plötzlich verschwunden? Nein,sie eristiren noch in der vorigen Stärke. Was hater gethan, um sie zu beseitigen, oder frühere Besorg-nisse zu zerstreuen? Er hat nichts dazu Geeignetesgethan, und dennoch — haben wir ein MinisteriumThiers. Wir fragen, wie dies möglich gewordenist? und unö wird die Antwort: wir haben es, weilThiers für den Augenblick eine politische Nothwendig-keit geworden ist; weil diese Betrachtung die haupt-sächlichsten Antipathien für den Augenblick zum Schwei-gen gebracht hat; wir haben es, weil die erschütterteVerbindung Frankreichs mit England und ihre Wie-