Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
Seite
372
JPEG-Download
 

346

Moskau, wo für Millionen Geschmeide, reicheKirchengefäße aller Dimensionen und die schön-sten Gewebe Kaschemirs das Auge des Vorbei-gehenden blenden: nein, hier, statt der ver-führerischen Pracht, findet man nur elendehölzerne Schuppen, die unter einem gemein-schaftlichen Dache stehen, dessen Halbdunkeldem habsüchtigen Krämer trefflich zu Stattenkömmt.

Novo-Moskosk hat jedoch Etwas, dasdieses Städtchen vor andern Neu-Rußlandsauszeichnet und jedem Reisenden, an Markt-tagen besonders, ausfallen muß; ich meine diegroße Zahl naseloser Menschen, die dort ge-sehen werden. Da es leider in unserer Art ist,bei neuen Erscheinungen immer das Schlimmstezu vermuthen, so fiel ich gleich in Versuchung,diesen sonst seltenen Defect dem Sittenverderb-niß beizumessen; allein, nach den Erkundigun-gen, die ich späterhin eingezogen, sind dieNovo-Moscovitaner weder enthaltsamer nochausgelassener, weder bester noch schlimmer,als andere Russen, und dieser Defect ist dortdie Folge einer noch unbekannten, aber ört-lichen Ursache. Man behauptet nämlich, daßdie in dieser Gegend vorherrschende Luft äußerstnachtheilig auf syphilitische Krankheiten wirke,und der leichteste Anfall des Uebels die schreck-lichsten Verwüstungen anrichte, wenn ihm nichtsogleich kräftig gesteuert werde. — Vieles magdaran wahr sein. Venedig und seine Lagunenhaben, wie bekannt, den gleich schlimmenRuf;allein Vieles mag auch eine bis ins Unglaub-liche gehende Fahrlässigkeit der Einwohner dazubeitragen. Aerzte gibt es übrigens dort keineandern, als die militairischen, die in den Re-gimentsspitälern vollauf Beschäftigung finden,und die selbst, wenn dies nicht der Fall wäre,fast nie zu Rath gezogen würden. Weit lieberals an sie wendet sich der Neu- Russe an dieherumziehenden Quacksalber, auf deren sym-pathetische Mittel und wundersame Pulver erjedenfalls mehr hält, als auf alle WissenschaftGalen's.

Der General, den ich schon sprechend ein-geführt habe, und von welchem mir noch man-ches zu melden überbleibt, ist Se. Ercellenz —denn in Rußland ist jeder General eine Er-cellenz, sowie die Feldmarschälle und wirklichegeheime Räthe gar hohe Excellenzen betiteltwerden —- also Se. Ercellenz Peter Petro-witsch, einer der ausgezeichnetsten Officiere derrussischen Armee, der alle Feldzüge gegen Na-poleon mitgemacht, und glücklicher als man-cher seiner Mitstreiter, mit Wunden und Ehrebedeckt, sein Vaterland wieder erreichte. Zuder Zeit 7 von welcher ich gegenwärtig spreche,

befehligte er eine Division Dragoner der Ca- ^valerie-Reserve, die damals im südlichen Ruß- !land cantonnirt war. j

Peter Petrowitsch, wie nach Landessitte !jedermann ihn hieß, den ich aber der Kürzewegen nur den General nennen werde, war imDienste von einer so unerbittlichen Strenge,daß er von seinen Untergebenen allgemein ge-haßt war. Diese Härte, die im schneidendstenContraste mit seinem Betragen im gewöhn-lichen Leben stand, fiel mir um so mehrauf, weil mir nichts Aehnliches in meinenfrühern Verhältnissen unter Frankreichs Fah-nen je vorgekommen war. Man denke sichmein Erstaunen, als ich sah, wie er, in einenSchlasrock gehüllt, sitzend die General-Majoreseiner Division und die Obersten der Regimen-ter mit kurzen Worten empfing, kenn höch-stens entschlüpfte seinen Lippen ein: Lon jour,genllral ! oder Von jour , colonel! und sie niezum Niederlassen aufforderte. Mit der mirangeborenen Freimüthigkeit bezeugte ich ihmeinst darüber meine Verwunderung, und er-laubte mir, da er mir Vieles zu gute hielt,die etwas freie Bemerkung, daß französischeOfficiere sich nicht so saus ia^ous würden be-handeln lassen: das, erwiederte er mir

lachend, das sind aber keine Franzosen, son-dern Russen. Sie kennen, fuhr er fort, meinelieben Landsleute noch zu wenig, um mein Be-tragen richtig zu beurtheilen; später aber wer-den Sie lernen, daß, wenn heute ich meinenUntergebenen erlaubte, sich in meiner Gegen-wart niederzulassen, sie ohne Weiteres mor-gen ihre Beine auf dem Divan ausstreckenwürden."

Diese Aeußerung des Generals bitte ichmeine Leser nicht falsch auszulegen, wie ichselbst dazu geneigt war, als ich sie hörte. Da-mit wollte er seinen Landsleuten keinen Vor-wurf machen, der sie in meinen Augen herab-würdigen sollte; es war im Gegentheil eineAnspielung auf jenen, mir damals noch unbe-kannten Hang zur Gleichheit, der sich lebhaftunter dem russischen Adel äußert, und im Mi-litairstande kaum durch die strengste Subordi-nation gebändigt wird. Wahr ist es, derEdelmann strebt dort wie hier nach Orden undnach Titeln; aber wenn er denjenigen beneidet,

^ der sie schon erhalten, so geschieht es nur ausi Eitelkeit, aus Liebe zum äußern Prunke, denn,

^ überzeugt von der angeborenen Würde, schätzter sich selbst gleich hoch als ihn.

Nun bliebe mir noch die Beantwortungder dritten Frage über, nämlich Aufklärungüber mich selbst. Da sie aber dem Leser höchstgleichgültig sein muß, so bitte ich ihn, mit der

Angabe vorlieb zu nehmen, daß mir als Haus-lehrer die Erziehung des dreizehn Jahre altenSohnes des Generals anvertraut war.

Also Hauslehrer! Bei diesem Worte wirdmancher verächtlich mit der Achsel zucken; alleiner würde sich gröblich irren, wenn er von derStellung eines demüthigen Informators, zwi-schen der Weichsel und dem Rheine, auf die-jenige eines Hauslehrers in Rußland schlie-ßen wollte. Die erstere ist gewöhnlich unerträg-lich, die zweite oft sehr angenehm. Statt deruntergeordneten Rolle, auf die der Informatorbei uns angewiesen, statt des sonntäglichenOchsenbratens, der in der Woche so lange wie-der aufgetragen wird, bis das letzte Stück aus-gezehrt ist, statt des magern Gehaltes von Ein-hundert, oder wenn es hochkömmt, von Ein-hundert fünfzig Thalern, wird der Hauslehrerin Rußland gleich einem Freunde des Hausesbehandelt, er speiset täglich an einer reich be-setzten vortrefflichen Tafel, und jährlich darfer auf zwei bis drei tausend Rubel rechnen, dieihm nicht blos gutgeschrieben, sondern baarausgezahlt werden. Dagegen fordert man vonihm, neben den erforderlichen Kenntnissen einesPädagogen, die Eigenschaften eines gesellschaft-lich gebildeten Mannes: er soll höflich sein,ohne Kriecherei, frei in seinem Betragen, ohneGrobheit, gelehrt ohne Arroganz, und darfnie vergessen, daß jede Assectation, jede Pe-danterie, sie gründe sich auf gerechte Anerken-nung des eigenen Werthes oder aus Ueber-schätzung desselben, gleich lächerlich sind.

Mein Zögling, der sich Pawel Petrowitschnannte, verband mit einem angenehmen Aeu-ßern und vielen natürlichen Anlagen die ge-wöhnlichen Fehler seines Alters; er war neu-gierig, träge zum Lernen, und, als Page desKaisers, zum Militair bestimmt, glaubte erManches entbehren zu können, was ihm zuseinem Berufe überflüssig schien. Die Mühe,die ich mir gab, ihn auf andere Gedanken zubringen, wäre wahrscheinlich an dem Beispieleso vieler lockeren Officiere, die ihm schmeichel-ten, weil er der Sohn ihres Befehlshaberswar, sowie an seinem jugendlichen Eigensinnegescheitert, wenn der General mir nicht treulichbeigestanden; er aber, der Sarmate, wieder-holte oft seinem Sohne: „ In meinem Standebedarf der Mann von Ehre weit mehrereKenntnisse, als in jedem andern, wenn esnicht heißen soll, er verdanke seine Würdenmehr dem blinden Glücke, als seinem eigenenVerdienste." Diese und andere Allocutionender nämlichen Art kamen mir trefflich zu Hülfe.Pawel Petrowitsch vergaß sie wohl zu Zeiten,aber eine leise Erinnerung an dieselben ver-