Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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373
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mochte ihn stets eifriger seinen Studien obzu-liegen und so allgemach die Vorkenntnisse zuerlangen, die heut zu Tage einem Stabs-Ossi-ciere unumgänglich nothwendig sind.

Wenn russische Familien eine Reise vor-haben, so werden die Zubereitungen und dassonst so langweilige Einpacken mit einerbewundernswürdigen Schnelligkeit betrieben.Hundert Hände sind beschäftigt, nicht um stö-rend in die Arbeit zu greifen — wie anderswoausDienstbestissenheit es wohl oft geschieht —sondern, da jeder bestimmt weiß, was ihmobliegt, um, gleich den Arbeitern einer guteingerichteten Manufactur, rasch und emsig zumallgemeinen Zwecke beizutragen. Uebrigenssteckt noch viel Nomadisches in diesem Vol^e.Wagen, Mobilien, kurz alle Geräthschaftensind so zweckmäßig gebaut, daß Hunderte vonGegenständen, die uns West-Europäer aufRei-sen beschweren würden, mitgenommen und ganzbequem transportirt werden können. Selbstdie russischen Frauen reisen mit einer Leichtig-keit, die den unsrigen als Beispiel znr Nach-ahmung dienen sollte, denn wenn diese schoneinen thränenvollen Abschied von ihren Be-kannten nehmen, wenn sie für drei Monate aufeinen Garten ziehen, so besteigen die Russinnenfröhlich den Wagen, der sie vielleicht auf Jahrezweitausend Wersten weiter bringen soll.

Nach dieser Einleitung wird es NiemandWunder nehmen, wenn schon früh am drittenTage Alles zur Abreise bereit war. Schonhatten wir das Haus verlassen und wollten indie Wagen steigen, als der bärtige Hausherr mitgravitätischem Schritte und trauriger Mieneentgegentrat. Der Herr des Hauses! — Ichbediene mich dieses Ausdruckes nur, um demSprachgebrauch zu huldigen, denn so lange derGeneral, seine Familie, und seine Bedientenin dessen Hause wohnten, war im Grunde Nie-mand darin weniger, als Uermolai Borni-koff der anerkannt rechtmäßige Eigenthümerdesselben.

Unglücklicher Weise für ihn und seineRuhewar sein, nur aus dem Erdgeschoß bestehendesHaus das schönste und größte am Marktplatze;er mußte es daher zum Quartier des comman-direnden Generals hergeben, der sogleich fünfbis sechs der besten Zimmer bezog, und demHauswirthe und seiner Familie nur drei klei-nere übrig ließ. Zwar standen im weitläu-figen Hose noch zwei niedrige hölzerne Häuser,wo die Küchen nebst einigen wenigen schlechtenKammern sich befanden; aber diese wurdenauch in gleichem Verhältniß, wie das Hauptge-bäude von der zahlreichen Dienerschaft in Besitzgenommen, so daß Bornikoff und die Seinen

sich bisher mit einem sehr beschränkten Raumehatte begnügen müssen. Und nun, nach Ver-stuß von anderthalb Jahren, war er endlichgekommen der sehnlichst erwartete Tag derBefreiung von seinen lästigen Gästen, die Zeit,wo er endlich seines Eigenthums froh werdensollte und — dennoch bezeugte er ein so herz-liches Bedauern über unsere Abreise, daß jedermit der Verstellungsgabe der untern Classen inRußland noch unbekannte Fremde darauf ge-schworen hätte, es sei des Abschiednehmendenbitterster Ernst. Nach einem Schwalle honig-süßer Worte wünschte er uns am Ende mithellklingender Stimme Glück und Heil! Hieraufbückte er sich tief, wirklich so tief, als wenn ermit seiner Stirn die Erde berühren wollte, undfortrollten wir, bevor er sich wieder aufge-richtet hatte. Dem guten Manne — wennman anders einen Menschen gut nennen will,der Niemanden frei ins Angesicht blicken durfte,und jedes seiner Worte mit einem zierlichenBücklinge zu begleiten pflegte — dem gutenManne kann ich es wahrlich nicht verargen,wenn im Geheim er uns oft ganz was andersan den Hals gewünscht hatte, als Glück undHeil; denn er wurde von uns allen so sanseomplimens behandelt, als wenn kein Uermo-la'i Bornikoff auf dem Erdbälle eristirt hätte.

Zur Jubelfeier der Buchdrucker-kunst.

Skizze ihrer Entwicklung in der Schweiz.Vorn Professor Dr. Trorler.

( Fortsetzung.)

2) Magister Ulrich Gering und die erstenBuchdrucker in Paris.

Unter Ludwig XI. kamen die schönenKünste und Wissenschaften in Paris in Auf-nahme. Johann von Stein oder S t e i -ner, Impickauus genannt, nach begründetenVermuthungen ein Schweizer, Prior der Sor-bonne und Wilhelm Fichet, Rector derUniversität, scheinen vorzüglich dazu beigetra-gen zu haben. Auf des uns übrigens unbe-kannten Fichets Betrieb ward aus der SchweizUlrich Gering mit zwei Gesellen, Mi-chael Friburger und Martin Cranz,zur Errichtung einer Buchdruckerpresse nachParis berufen. Ulrich Gering stammte vonMünster und scheint Caplan an der Stift ge-wesen zu sein. Nach Bude's und Cre-vi er's Geschichten der Universität Paris kamendiese Kunstmänner, die man mit dem allge-meinen Namen als Deutsche bezeichnete, schon

im Jahre 1470 nach Paris und nahmen, umdie neue Kunst einzuführen, zuerst ihre Woh-nung in der Jacobsgasse bei der goldnen Sonnein vico 8orl>ouico. Die Herkunft der zweiGefährtendes Ulrich Gering ist nicht nurzwischen mehrern Orten der Schweiz, sondernauch zwischen der Schweiz und Deutschlandstreitig. Doch bleibt der Schweiz Hauptmannohne alle Einrede gesichert.

An dieser Stelle können wir nicht umhin,— um so weniger, da die Frage, ob die Buch-druckfeier ein gewerblich oder gelehrtesFest heißen soll, auch von der Geschichte herAntwortswinke erhalten kann, — eine unbe-fangene und lehrreiche Bemerkung von Göld -lin anzuführen.

„Dem Leser, sagt Göldlin, wird esnicht unangenehm sein zu vernehmen, was fürein erstes Werk Gering mit seinen Helfern ge-druckt habe, indem der Beobachter darin nichtselten das Gepräg der Nationalgelehrsamkeitund des damit verbundenen Geistes und Ge-schmacks einer Nation auffindet. Sehr vieleder ersten Buchdrucker waren Gelehrtein Kenntniß der Sprachen, in Wissenschaftund Kritik, die also mehr als nur zu setzenund zu drucken wußten. Wenn daher bei Deut-schen, die Erfinder der vortrefflichen Kunst,der Druck mit Psalmen begonnen, und mitBibeln und Rechtsbüchern fortgesetzt wurde,so ließen die Italiener durch die aus Deutsch-land berufenen Drucker meistens die alten Clas-siker abdrucken."

Die drei deutschen Artisten unter Steiner'sLeitung druckten nun Heiliges und Profanes.Eine große Menge von Werken der verschie-densten Art gingen aus ihren Werkstätten her-vor, welche wir selbst bei Göldlin nicht voll-ständig verzeichnet finden. Die Namen Mi-chael, Martin und Ulrich wurden hoch-gefeiert und durch Sinngedichte verewigt. Sohieß es in einem derselben von den drei Män-nern :

Uos Zenult dsrmanla, nuno IlUtetla. pasclt,

Orbis mlratur totus eorum Opera!

in einem andern von der neuen großen Kunst:

Uoe lullt lnventum kellx Oermanla terrls

Xrtls et lnAknll nodlle scbema sui.

Bis zum Jahre 1477 arbeiteten Gering,Friburger und Cranz gemeinsam unterSteiner's Leitung. Als aber dieser, an dieUniversität Tübingen gerufen, Paris verließ,löste sich der Artistenverein auf. Fortan kommtMagister Ulrich Gering allein vor, erst spaterin Gesellschaft mit ihm Berthold Ren-b olt. Als ums Jahr 1482 in Paris die go-thischen Typen zu gefallen anfingen, welche