Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
Seite
389
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tini, macht glückliche Euren nach psychologi- jschen Principien. Er geht von dem Grundsatz ^aus, daß jede Negation des Vernunft-, daher 'rechtgemäßen Handelns schon die Folge einergelinden Geistesstörung sei. Dahin rechneter also auch jede wirkliche Sünde, und theiltdie Menschheit nicht ein in Sünder und Tu-gendspiegel, sondern in Verrückte und Nicht-verrückte, wobei für die menschlichen Zuständefreilich nichts gewonnen wird.

Unter den schönen Linden des Klosterhofesfand ich einen alten merkwürdigen Bekanntenaus Vreslau. Es war der dort einst wegenseines Cynismus berüchtigte Franciscus N.,Doctor M ineclicina et cbirurAin, wie er breitüber seine Recepte drucken ließ. Nie durftesein Arbeitszimmer gescheuert werden; seineBibliothek lag in malerischer Unordnung aufder Erde, wie Alles umher, auf Stühlen undTischen , und er selbst saß, den Hut auf demKopfe, im Sommer in bloßen Hemdärmeln,vor dem Arbeitstische. N. liebte nicht weißeWäsche, und trug ein Hemd von schwarzemLevantin, bis es ihm vom Leibe fiel. Eben sowenig liebte er fremde Dienste, wollte Allesden eigenen Kräften verdanken, und holte sichdie Victualien zu seinem kärglichen Mittags-und Abendmahle eigenhändig zusammen. Datraf es sich denn bisweilen, daß irgend ein be-bänderter Medicinalrath im bequemen Phae-ton stolz die Straße herabrollte, wenn unserDoctor, ein Brod unter dem Arme, Heringoder Kuhkäse in der einen, den gefüllten Bier-krug in der andern Hand, auf dem Bürger-steige hinschlich, und dieser hatte nun die Bos-heit, dem vornehmen Aeskulapsjünger, derihn ignoriren wollte, laut zuzurufen: „Gu-ten Abend, Herr College! " —

Halb mit Verdruß, halb mit Neid blicktendie Mediciner auf diesen ignobeln Repräsen-tanten ihrer heiligen Kunst. Denn im Styledes damals grasstrenden neuen Altdeutschthumsließ N. das Haar lang wachsen; er trug dasHalstuch, wie derDelinquentseinenStrick; seineHaut kannte die Seife, sein Rock die Bürstenicht; und doch zeigte er sich so an den besuch-testen öffentlichen Orten. Einmal sah ich ihnsogar, in eine grüne Friesdecke gewickelt, inseinem charakteristischen Gange, mit vorgebo-genem sich wiegenden Oberleibe und weitenSchritten, murmelnd auf mich zukommen.Aber eben diese ganze baroke Erscheinung, dieselange spinnenartige Figur mit den hohlen Au-gen und dem barschen kurzen Wesen, dieseUnempfindlichkeit gegen alle äußere Lebens-schönheit und der Mangel an städtischem An-stande waren es, worin der Bauer den Doctor

zu sehen wünschte; denn er schloß daraus, dasviele Studiren lasse solch einem Manne garkeine Zeit zu der Sorge für Äußerlichkeiten,und bei ihm dürfe er auf die meiste Wissen-schaft, daher auf die gründlichste Hülfe rech-nen. Dabei durften Hans und Kunz saus genoin dessen Stube treten, ohne die Stiefeln vor-her vom Straßen - und Düngerkothe sorgfältigreinigen zu müssen, und mit ihm vom Herzenweg reden, wie mit seines Gleichen. Daherhatte N. eine bedeutende Praris vom Landeher, überhaupt aber unter den niedern Clas-sen; er war eine Volksfigur geworden, wieProfessor Rau in Leipzig. Nichtsdestowenigerverschmähten auch vornehme Kranke seine Hülfenicht, namentlich sobald die des Hausarztesnicht mehr ausreichte, denn N. hatte sich, mit-tels seines diagnostischen Scharfblicks, durcheinige überraschend gelungene Euren in sehrbedenklichen Krisen bei dem großen Publicumin einen gewissen Respect gesetzt.

Ob des Doctors saloppe Originalität wirk-lich von einem moralischen Princip ausging,welches die Gewohnheit allmälig immer aus-gedehnter ins Leben treten ließ, oder ob derBauer in gewissem Sinne Recht hatte, wenner des Doctors Wesen aus dem Ueberstudirenerklärte, oder endlich, ob dieser gar nur ausorigineller Speculation die Maske eines medi-cinischen Diogenes annahm, ist schwer zu ent-scheiden. Wenigstens erzählte man sich, einangesehener Arzt habe ihm einst Vorstellungenwegen der unschicklichen langen Haare gemacht,und daraufbie vertrauliche Antwort erhalten:„Werthester Herr College, meine Haare brin-gen mir in diesem Zustande mehr ein, als Ih-nen Ihre Equipage!"

Wirklich sollN. ein ansehnliches Vermögendurch seine große Praris erworben haben. Erkaufte ein Haus, wurde Bürger von Vreslau,und ignorirte die ärztliche Welt, wie diese ihn.Allein die langen Haare und deren Consequen-zen, wodurch er die öffentliche Aufmerksam-keit für seine Person stets wach, und mittelbardadurch seinen Wohlstand erhielt, wurden auchdas Netz zu seinem Untergänge. Die hohe me-dicinische Aristokratie, indignirt durch seineauffallende äußere Erscheinung, konnte dieGefahr, welche der dabei offenbar wirre gei-stige Zustand des Mannes in ungestörter Prarisfür das Publicum fürchten ließ, nicht längermit dem zarten Gewissen verträglich finden.Man wußte bedenkliche Thatsachen aus demVerfahren des Sonderlings nachzuweisen, diesemit dessen Aeußerungen und Aeußerlichkeitenin Verbindung zu bringen, und daraus ent-scheidende Symptome seiner geistigen Gestörtheit

zu documentiren. So war N.'s Schicksal ent-schieden; man brachte ihn, alles Sträubensungeachtet, hierher nach Leubus, wo er be-reits eine Reihe von Jahren auf die Emanci-pation zum gesunden Menschenverstand harrt,wie — die ganze Welt, welche den Mangeldaran so wenig eingesteht, als dieser Doctor.Am meisten bedauerten seinen Abgang die Her-ren Apotheker, denen er mittelst seiner langenund möglichst theuern Recepte stets innig be-freundet war. Man hat diesen Recepten vor-geworfen, daß ihre Anfertigung meist die größ-ten chemischen Schwierigkeiten, ja biswei-len geradezu Unmöglichkeiten gefordert hätte.Indeß — man lasse von hundert verschiede-nen allopathischen Aerzten hundert verschiedenefremde Recepte prüfen, und man wird erstau-nen über die Correcturen!

Doctor N. wird nicht als geisteskrank be-handelt, wenn man ihn auch nicht ganz ohneAufsicht läßt; er dient sogar dem Director indiagnostischer Hinsicht bisweilen zum Anhalts-punkte. Dies merkwürdige Opfer des Cynis-mus ist ein sehr reinlicher Mensch geworden.Malerische graue Locken sind an die Stelle derFrisur L Iu Paganini getreten; ein anständi-ger brauner Frack und braune Hosen in denblanken Stiefeln machen seinen Anzug aus,den ein civilisirtes spanisches Rohr, statt desfrühern Bauernknüttels, vollendet. Im Laufedes mit ihm angeknüpften Gespräches, welcheser sofort auf das undankbare Vreslau hin-lenkte, hatte er sich eben der Cholerazeit undder ärztlichen Rath- und Hülstosigkeit dabeierinnert, ließ auf diese seine sarkastischen Blitzespielen, und behauptete, er hätte die Welt-noth mit einer Kleinigkeit heben können; datrat Hosrath Martini zu uns.

In diesem Augenblicke begann im drittenStockwerk des Gebäudes ein herrliches Violin-O-uartett. Ich lauschte mit verhaltenem Athem,damit er nicht meinem Ohre einen der süßenTöne entführe. Allein die Hörlust verwan-delte sich nur gar zu bald in völliges Ohren-entsetzen, als aus diesem reinen Tonhimmelplötzlich die schreiendste Disharmonie gleicheinem Gewittersturm niederbrauste, und alledie zarten Zauberfäden zerriß, welche Euterpesiegreich durch meine Seele zog. Und immerschneidender wurde das Tongewirr, immerwilder arbeiteten die Instrumente, doch ließselbst in diesem Chaos die bedeutende Technikder Spieler sich nicht verkennen. Ich starrtedeshalb fragend bald den Director, bald denDoctor an, bis die Musik in einzelnen zer-rissenen Sätzen allmälig erstarb, jenachdemdie Laune des Einen und Andern der seltsa-