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men Künstler abnahm, oder dessen Ermüdungwuchs.
Die Unglücklichen waren ausgezeichnete Vir-tuosen, welchen getauschte Hoffnungen verschie-dener Art eine heftige Geistesstörung zuzo-gen, bemerkte der Director auf meine stumme— Drei bis vier Takte des Quartettsgehen in der Regel in meisterhafter Harmonie,dann aber vergißt Zeder das Notenheft, undseine Phantasie regiert den Violinbogen.
Der Director zeichnete mir noch verschie-dene interessante Charaktere seiner unglückli-chen Pfleglinge, und erwähnte z. B. eines sehrgeschickten Schuhmachers, der alle Arbeit derAnstalt ausgezeichnet liefert, im Anfall desParorysmus aber auch sofort Alles, was ihmunter den Handen ist, in kleine Fetzen schnei-det. Ich dachte an Kühne's „Quarantäne imIrrenhause," wo die wunderbar traurige Weltder Geisteskranken so geistreich geschildert wird.Es ist ein Buch, welches, wie kein anderes,die tiefsten Saiten meiner Seele berührte, undder Wahnsinn, dieser grauenvolle Mißton inder Harmonie der Schöpfung, erhielt darinfür mich eine nie geahnte romantische Bedeu-tung.
Die Pralaturstalle und andere Nebenge-bäude dienen seit 1817 dem königlichen Pro-vinzial-Landgestüte, unter dem Landstallmei-ster von Knobelsdorf, und ist der Kulmina-tionspunkt der schlesischen Pferdecultur. DasDepot der Anstalt besteht aus 150 der schön-sten Hengste, die jährlich im Februar auf 50verschiedene Veschälstationen abgeführt werden.Die jährlichen Remontirungen aus Landpfer-den ermuntern die Landleute zu besserer Zucht;besonders aber wirkt der Verein für Pferde-rennen und Thierschau, 1833 durch Fürst Hein-rich zu Karolath-Beuthen gestiftet, wesent-lich auf den Wetteifer in der Veredelung derPferde- und Viehzucht hin.
Die Stiftsgebäude Leubus bilden, nächstder Sand- und Dominsel bei Breslau, diegroßartigste Uferpartie der Oder, welche anNaturschönheiten ärmer als ein anderer deut-scher Strom ist. Mit ihr besteht ziemlich all-gemein die Grenze zwischen deutschem und pol-nischem Leben; in Mittelschlesien wechselt esauf der rechten Oderseite in den Dörfern selt-sam genug ab, und immer entschiedener trittdie Trennung durch den Strom hervor, je-mehr man südöstlich an ihm aufwärts seinemQuell in Mähren zuwandert.
Ich besuchte noch die Kirche des ehemali-gen Stiftes. Ein großes Presbyterium schei-det sie in zwei Hälften, daher sie sehr klein er-scheint. Am Presbyterium stehen die Holz-
figuren des Christus und der Maria, angeblichzur Andeutung ihrer Demuth — mit Lumpenumhängen. Das Altarblatt einer Seitenca-pelle links, Peter und Paul, ist das einzigeschöne Gemälde in der Kirche.
(Fortsetzung fo lgt.)
Spätes Eheglück.
Novelle von A. B. E.
(Beschluß.)
Hier werden die ohnedies fragmentarischenErgüsse auf lange Zeit unterbrochen. Ich hörteauf, mich selbst zu quälen, indem ich mit fastpoetischer Künstlichkeit jede leis aufdämmerndeStimmung dem Papier anzuvertrauen von nunan unterließ. Lange sah ich das Tagebuchnicht an: einmal wollte ich's in's Feuer stecken,um der unsinnigen Quälerei los zu werden:sogleich aber besann ich mich anders, um diesonderbaren Blätter für spätere, vielleicht ruhi-gere Zeiten aufzubewahren als wehmüthigeErinnerung. Allmalig lagen sie fast vergessen.Aber die verzweifelte Stimmung, aus der sieentstanden, dauerte fort. Zwischen Amts-thätigkeit und stiller Grübelei flössen ein PaarJahre hin; immer noch zeigte sich keine Hoff-nung, durch das süßeste Pfand die Ehe bestätigtzu sehen.
Allmalig verschwand uns beiden die Hoff-nung. Wir lebten stille mit einander. Dieleeren Stunden, deren Schwere besonders dasgute Weib drückte, wurden mit Lectüre, musi-kalischer Unterhaltung, seltener durch geselligeZusammenkünfte ausgefüllt. Wir traten unsgeistig näher. Das Band schien durch Ge-wohnheit inniger zu werden, durch geistigeWahlverwandtschaft sogar fester geschlungen,als ich es je hätte ahnen können. Denn inallen Unterhaltungen künstlerisches oder allge-mein menschliches Inhaltes, selbst in religiösenUeberzeugungen zeigte Marie so viel Ueberein-stimmung mit mir, zugleich aber so vielSelbst-ständigkeit des Urtheils, daß meine Achtungmit jedem Jahre zunahm, meine Verehrungzuweilen an Entzücken grenzte.
Doch schössen fortwährend Streiflichter ausjenen Gewitternächten früherer Zeit in meineSeele. Endlich fing ich an, in rastloser ange-strengter Thätigkeit in und außer demGeschäftemein Heil zu suchen. Zwar war damit diegute nun völlig einsame Frau nicht ganz zu-frieden, freute sich aber doch, wenn sie einsah,daß nur so der finstre Dämon schwermüthigerHypochondrie, der auch sie getroffen, wenig-
stens bei mir gebannt wurde, und ich mitdoppelter Heiterkeit die immer sparsamer zuge-messenen Stunden der Unterhaltung genießenund schaffen konnte. Ich wurde Schriftsteller.Schwerlich wirst du künftiger Leser errathen,daß du manches heitere Novellchen eines da-mals vielgelesenen Anonymus, meist mit Dar-stellungen glücklicher Familienverhältnisse oderlustiger Volksscenen angefüllt, einem mit sichselbst Zerfallenen zu danken hattest, der nurlangsam der wunderbaren Genesung entgegenging, die ich Dir jetzt erzählen will.
Ein Jahr hatte ich dieser neuaufstrebendenThätigkeit, die meiner Frau doppelte Freudezu machen schien, da sie mich gehoben, undsich selbst durch den glücklichen Erfolg meineranonymen Schriftchen geehrt fühlte, gewidmet,als mich in Folge ungewöhnlicher geistigerAnstrengung, verbunden mit einem Rückfallein die verderbliche Melancholie, ein heftigesNervenfieber befiel. Ein Paar Monate lagich besinnungslos. Als das Bewußtsein wie-derkehrte, war alle Lebenskraft erschöpft. Siesaß Tag und Nacht unermüdet an meinem Bette.Ich fühlte wenig Lei diesem Anblick: bald,dacht' ich, ist's mit diesem schwachen Leben zuEnde. Was soll ich sie und mich mit Freudeoder Schmerz in Aufregung setzen? Ich werdenie wieder völlig genesen.
Solche Betrachtungen wichen, doch sehrlangsam, als sich im Sommer darauf die ent-schiedene Genesung beschleunigte. Fast einhalbes Jahr gehörte dazu, den zerrüttetenKörper seiner vollen Jugendkraft wieder zu-zuführen. Völlige Stumpfsinnigkeit für jedeshöhere Interesse folgt gewöhnlich auf solcheKrankheiten, deren Nachwirkungen oft ver-derblicher sind, als sie selbst. Kunst, Naturund Wissenschaft waren mir so gut wie erster-ben. Nur zuweilen unterhielt ich mich mitträu-merischen Plänen einer sinnlich genußreichenZukunft. Das war der Anfang des wieder er-wachten Lebensgefühles. Meine Empfindunggegen Marie war im Allgemeinen dankbar,doch das innerste Band der Ehe nicht fester ge-worden. Dagegen empfand ich keinen Schmerzmehr um unsere Kinderlosigkeit, denn das Ge-dächtniß der letzten Jahre war wie ausgelöscht.Lebhaft aber trat als erstes Zeugniß eineredlen geistigen Richtung die Sehnsucht nachder Heimath hervor. Leicht waren die Aerzteüberredet, dem völlig Genesenen die Reisedahin zu erlauben, ja als gründliches Heil-mittel zu empfehlen. Ich äußerte gegen Marieden Wunsch, allein zu reisen, weil das rascher,bequemer, minder kostspielig sei. Noch eheich alle Scheingründe für diesen Alleingenuß