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so ist es im Verhältniß des Ertrages der ihnenabgetretenen Ländereien noch so geringe, daßes gar nicht in Betracht gezogen werden darf.Und — man höre — dieses wahrhaft glück-lichen Zustandes erfreuen sich ohne Ausnahmealle im Reiche zerstreuten Niederlassungen derDeutschen.
Nie hört man eine Klage, weder hier, nochin irgend einer der verschiedenen Colonien, dieich späterhin zu besuchen Gelegenheit hatte;wohl aber sagte mir einst ein alter Bauer, beidem ich mich über seine Lage erkundigte: „Achwie glücklich wäre mein seliger Vater — deroft seinHierherziehen bereute — wenn er heutewiederkäme, und statt der Verwünschungenseiner Kinder, die er befürchtete, nun unsernDank dafür einernten könnte!"
Gleich hinter Josephsthal trafen wir aufdie Ruinen eines Forts, eines Gliedes derKette von Befestigungen, die noch zur Zeit derKaiserin Elisabeth zum Schutze der südlichenGrenze unterhalten werden mußte. Nun sinddie Wälle geschleift, die Gräben halb verschüt-tet und die Sap»ragen, jene wilden Nomaden-ftämme, die früher so oft das Reich verwüste-ten, aus der Reihe selbstständiger Nationenverschwunden.
Von diesem zerstörten Fort bis an dieUfer des Dniepers ist der Boden völlig, stach,wüste, unbebaut und von Bäumen ganz ent-blößt. Nichts beschränkt die Aussicht, und sowie auf offener See der Schiffer nur Wasserund Himmel sieht, so erblickt hier der Reisendenur Himmel, und nach allen Seiten hin unab-sehbare Ebenen, deren trockene Einförmigkeitsein Herz mit Mißbehagen erfüllt. Nur hieund da wird das starre Einerlei durch abge-rundete konische Erdhügel unterbrochen, dieaugenschetnlich von Menschenhänden aufgewor-fen sind. Aehnliche Erderhöhungen findet manauf der ganzen ungeheuern Ebene, die sich vonden Ufern des Pruths bis an den Fuß desKaukasus erstreckt. Die Russen nennen sieLui-AAn. Allgemein ist im Volke der Glaubeverbreitet, daß unter denselben die Häuptlingeder vorigen Herren nebst großen Reichthümernbegraben liegen. Grunds genug, um sie abzu-tragen, wenn der Aberglaube nicht da wäre,welcher sie gegen die Habsucht schützt. DieEinwohner glauben nämlich und erzählen esden Fremden mit heimlichem Grauen, diesereichen Schätze seien durch unterirdische Geisterbewacht, die keinem Sterblichen erlaubten, sieanzutasten. Diese Idee erhält sich, wie wei-ter westlich manch andere Thorheiten — tuttoil muucko 6 tstto como In nostra casa — trotzdem, daß schon einige Kurgane durch frei-
denkende Edelleute oder neugierige Reisendesind ungestraft eröffnet worden. In einem die-ser Hügel fand man einen steinernen Hammer,in dem andern eine Art von kleiner kupfernerSchaufel, welche die Antiquare eine stumpfeLanzenspitze zu nennen beliebten, in allenübrigen aber gar nichts. Und nun triumphirteder Aberglaube, der oft schlau genug die Waf-fen seiner Gegner gegen sie selbst zu führenweiß. Nun hieß es: „Da haben wir's! Längstschon sagten wir, daß es so kommen würde, sokommen müßte! Es fällt ja in die Augen jedesMenschen, der seine Sinne zu gebrauchen weiß,daß die Geister, als sie die Schatzgräber an-rücken hörten, zur Strafe der Entheiligungihrer Ruhestätte, sogleich mit Sack und Packdavoneilten, und den gottlosen Räubern dasleere Nest hinterließen."
Was mich betrifft, obgleich ich meiner fünfSinne noch mächtig bin, ich pflichte der Mei-nung einiger Neuerungssüchtigen bei, die vonder obigen etwas abweicht. Nämlich, ohne zubeftreiten, daß früher hie und da ein Kurganals Grabmal eines Nomaden-Khans gedienthabe, wollen sie in diesen künstlichen Erd-erhöhungen nichts weiter als eine Art vonWarte oder militairifchen Posten sehen, welchedie Saporagen auswarfen, um von diesen Hü-geln die Bewegungen feindlich gesinnter Hor-den bequem übersehen zu können. Diese Mei-nung, die viel Wahrscheinlichkeit für sich hat,ist aber zu einfach, und zu natürlich, um Ein-gang zu finden. Der Mensch des Ostens, dem-jenigen des Westens ähnlich, hat, sowie dieser,einen Köhlerglauben für alles Abenteuerliche,und sieht mit Hohn auf die schlichte Wahrheitherab.
Ich sehnte mich nach dem Anblick desDniepers, den ich ein Jahr zuvor bei Smo-lensk überschritten hatte. Dort nur wenigeWerften von seiner Quelle entfernt, ist er nochschmal und seicht, so daß der Reisende in Ver-suchung geräth, zu zweifeln, den Borysthenesoder Oonapris der Alten vor Augen zu haben,und nun sollte ich ihn breit, tief und seinesantiken Rufes würdig wieder erblicken. Ichempfand etwas von den Gefühlen desjenigen,der mit Ungeduld einen Jugendfreund erwar-tet, der während einer langwierigen Trennungzum großen und berühmten Manne herange-reift ist. Lange sah ich mich in meiner Er-wartung getäuscht. Stunden verflossen, Wer-stenpfähle in großerZahlschwanden vor unsernAugen dahin, und noch immer schien das voruns liegende Land dem so eben durchreiseten soähnlich wie ein Ei dem andern, als Plötzlichunser Kutscher mit der Linken nach Westen hin
zeigte, und zugleich jubelte: Wott AeLutLri-noslaw! (Hier ist Ekatarinoslaff.)
In der That! die ermüdende Einförmig-keit ward endlich durch einen schwärzlichenPunkt unterbrochen, der vom fernen Hori-zonte uns freundlich entgegenwinkte. Baldverwandelte sich derselbe in eine weit ausge-dehnte Hügel-Kette, und wir konnten — zwarmit Anstrengung unserer Sehorgane — jedochschon ziemlich deutlich die weitläufigen Ruinenunterscheiden, womit der höchste ihrer Gipfelbedeckt ist. Unsere Pferde schienen meine Un-geduld zu theilen, sie flogen dahin in saufen-dem Galopp, schon erblickten wir die vielfar-bigen Kuppeln der Kirchen, hell glänzten dievergoldeten Kreuze in der Abendsonne, schonschienen Reihen weißer Häuser vor uns ausder Erde zu steigen und endlich — endlicherblickte ich den herrlichen Strom, der in sei-nem breiten Bette majestätisch dahin floß. SeinAnblick war erquickend, und das Mißbehagen,welches die Senegalhitze des Tages in mir er-regt hatte, war plötzlich verschwunden.
Vermischte Nachrichten.
? Berlin. Es hieß anfangs, daß in denersten vier Wochen nach der Wiedereröffnung der Thea-ter auf den königlichen Bühnen nur ernste Stücke, undzwar meistentheils Trauerspiele und tragische Opern,gegeben werden sollten, und es hatte hier einmal ge-golten , zu zeigen, was die Kräfte dieses Kuustinsti-tuts vermögen. An dem Publicum hatte es gewißnicht gefehlt; man sieht bei guten Tragödien immergefülltere Häuser, als bei den ausgewaschenen Fami-lienstücken und abgeschmackten Possen, mit denen unsereBühnen in der letzten Zeit überschwemmt worden; aberes scheint, als ob man vor einer ernsteren Richtungder dramatischen Kunst eine völlige Scheu bekommenhabe und nicht den Muth besäße, dem Geschmack desPublicums zu vertrauen, denn kaum sind acht Tagevorüber, so kündigt uns der Zettel schon wieder soeine Haus- und WirthschafiZ-Misere, den „Fabrikant",und eine allerdings zu den besseren komischen Pro-ducten gehörende Posse, „dieVertrauten" von Müll-ner, an. Der jetzige König ist indeß längstes einbesonderer Freund des Erhabenen in der Kunst bekanntund wenn derselbe auch, wie man glaubt, deshalbdie anderen Gattungen nicht gerade zurücksetzen, ita-lienische Musik, Ballet und Posse nicht verbannenwird, so ist doch wohl zu erwarten, daß die vorherr-schenden artistischen Neigungen des Monarchen aufden königlichen Bühnen den Ton angeben werden.Vielleicht sehen wir nun auch einige lange entbehrteMeisterwerke deutscher Tragiker, Goethe'S Egmont,Schiller's Wilhelm Tell und Räuber, die doch in frü-herer Zeit hier gegeben wurden, wieder in Scenegehen. Und wie viele von Shakspeare's herrlichstenTragödien und Lustspielen sind theils noch gar nichtzur Aufführung gekommen, theils seit längerer Zeitvom Repertoir verschwunden, theils ungünstig besetztund selten gegeben! Romeo und Julia, Hamlet, Lear,