395
des habsüchtigen, reichen Geizhalses zu einemungewohnten Lächeln, und erbleicht das fri-sche Antlitz des lebensvollen Jünglings zurTodesblässe, erschallen Verwünschungen, Freu-denschrei, Hohngelächter, Jubelruf, Todesge-stöhne und Schmerzensschrei. Und der Ban-quier, ruhig und erhaben, die Gottheit, diedämonische, aller dieser Menschen, hebt in un-veränderlichem Gleichmuth Karte nach Kartevon dem Schicksalshaufen, den er in seinerHand halt, und ohne Ansehen der Person,wie die Gottheit, spendet er Unheil und Heil!
Edward fühlte sich wie umgewandelt, diedumpfe Ruhe der verflossenen Monde war vonihm genommen, sein Blut hüpfte wieder inseinen Adern, er fühlte wieder Spannkraft inseinem Geiste, Bewegung und Zittern in sei-nen Nerven, — zitternd vor Freude griff ernach einer Karte und besetzte sie mit einigenGoldstücken. — Die Karte gewann! Das istFortunens Gruß! frohlockte Edward und bogden Paroli. — Die Karte gewann, und Ed-ward bog den 8ixIevA8. Und abermals ge-wann die Karte! — Wechselnd unter Gewinnstund Verlust verging Stunde nach Stunde, Ed-ward dachte nicht mehr daran, warum er spiele,er dachte nicht mehr an seinen Freund, an seinWeib, er dachte nur an das Spiel, und sahnichts mehr als die Karte, die der Banquieraufzeigte. Es schien, als wolle er nachholen,was er in einem Jahr versäumt, und als müsseer alles dies zusammendrängen in diesen ein-zigen Abend. Anfangs hatte er gewonnen,jetzt verlor er. Das Glück will mich necken,murmelte Edward, es ist ein Weib, und willdurch seine Launen mich mächtiger zu sich heranziehen. Ich aber will ihm die Spitze bieten,ich will es zwingen, sich mir zu unterwerfen.Und berauscht von der ungewohnten Freude,wie ein Trunkener, nicht wissend, was er that,rief er laut: vu ksnqiie! — Der Banquiererbleichte, die Spieler drängten sich neugierigund erwartungsvoll näher an Edward hin, unddie Croupiers zählten das vor dem Banquieraufgehäufte Gold. Es betrug 150,000 Pfund.— Mehr fast als mein ganzes Vermögen,murmelte Edward, und ich werde das Dop-pelte gewinnen! frohlockte der Dämon in sei-ner Brust. Vu buuque, wiederholte er, nach-dem er seine Papiere und die Möglichkeit zuzahlen, ausgewiesen.—Lautlose, athemloseStille! Die Karten fallen links und rechts,die gewohnten Worte werden gesprochen, —percku! schreit der Banquier mit triumphiren-dem Lächeln, — Edwards Karte ist gefallen,Edward hat verloren, alles was er besitzt ver-loren! Sein Haar sträubt sich, seine Zähne
schlagen aufeinander wie im Fiebersrost, seineGestalt erbebt und Todesbleiche bedeckt seineWangen. Jetzt ist er zur Besinnung gekom-men, er weiß, daß er Alles verloren hat, undwenn er es nicht wüßte, das Hohnlachen undZischen der Spieler, der Triumph des Ban-quiers würde es ihn lehren! Er hat verlorenalles, was er sein nannte, er ist ein Bettler, istentehrt. Nun denkt er an sein Weib, und mitBlicken des Wahnsinns ruft er mit schrillen-dem , gräßlichen Ton: Ellinor! und stürzt,wie von Furien gefolgt, aus dem Zimmer.
(Beschluß folgt.)
Europäische und deutsche Politik.
Von Dr. F. S.
Das Streben des Menschen hat seiner Naturnach eine doppelte Richtung; es geht nach Innen,und nach Außen. Durch jenes bezweckt er Ent-wickelung, Ausbildung und Vervollkommnungseiner materiellen und geistigen Kräfte und Fä-higkeiten, durch dieses will er äußere Gütererwerben; er strebt nach Verdienst, Ehre, An-sehen, Macht und Besitz, und der Weg dazusteht ihm frei, so weit er nicht durch sein Stre-ben das Rechtsgebiet Anderer verletzt und des-halb, im Naturzustände durch die physische Gewaltdes Letzteren, im gesellschaftlichen Zustande durchdie bestehenden Ordnungen und Gesetze, an derAllsführung seiner Absichten gehindert wird.
Die Gesellschaft ist der Makrokosmus desIndividuums; sie ist auch eine Person, wenngleich nur eine ideale. Ganz natürlich findetsich daher auch in ihr die nämliche zwiefache Rich-tung des Strebens nach Innen und nach Außenwieder, die wir so eben an dem Individuum be-merkt haben. Auch sie steht nicht isolirt da,sondern befindet sich unabhängigen Individuen,oder anderen Gesellschaften, gegenüber. Siefindet daher die. nämlichen Widerstandspunktein Bezug auf ihre Bestrebungen nach Außen,welche dem Einzelnen, wie wir gesehen haben,entgegentreten.
Der Staat ist die höchste, die potenzirte,Gesellschaft. Auch in ihm müssen daher im !Großen jene beiden Richtungen des. Strebens !vorhanden sein und sich erkennen lassen, die wirbei dein Individuum, und bei der Gesellschaft,wahrgenommen haben. Nach Innen erliegendiese Bestrebungen bei dem Staate denselben Ge-setzen, denen die gleichen Bestrebungen der Indi-viduen und der Gesellschaften unterworfen sind.Das Ziel ist unendlich, und wird nicht begrenzt,als nur durch die Stufe der sittlichen Kraft und >
der Intelligenz, auf welcher seine Leiter stehen. Inseinem Streben nach Außen steht er dem Indivi-duum und der Gesellschaft, insoweit wir unsersteres außerhalb der Gesellschaft, letztere außer-halb des Staats — etwa in dem Zustande derPelzhändler-Gesellschaften unter den indianischenStämmen Nordamerikas — denken, ebenfallsgleich, unterscheidet sich aber von ersterem, so fernes Mitglied einer Gesellschaft ist, von dieser, sofern sie in einem Staate bestehet, wesentlich. Fürjenen wie für diese tritt in dem gegebenen Falledie Herrschaft der bestehenden Ordnung und derGesetze ein, welche für den Staat in Bezug aufandere Staaten nicht vorhanden ist, noch ebenvorhanden sein kann, weil der Staat, selbst dasHöchste, keine anderen Gesetze über sich erkennenkann, als die er sich selbst giebt, oder die er,von äußerer Gewalt gezwungen, anzuerkennengenöthiget wird.
Der Staat dem Staate gegenüber befindetsich also im Naturzustände, d. h. er kann, wenner will, nach Außen hin, nach Erwerb und Be-sitz so viel und so weit streben, als ihn derWiderstand anderer Staaten nicht daran verhin-dert. Zwar waltet auch hier das Sittengesetzund gebietet des Anderen Rechte zu ehren, wenner sie auch nicht wirksam zu beschützen ver-möchte. Aber der Widerstreit zwischen: Dusollst und ich will! wird im öffentlichen Leben zuGunsten des Letzteren entschieden, und thatsäch-lich gilt die Regel: Du darfst, wenn Du kannst!
Auch von einem Völkerrechte ist vielfach dieRede, und vieles wird durch Traktaten undVerträge für ewige Zeiten bestimmt. Indessenist jenes so gefällig, den Kriegszustand selbst —also einen Zustand der Gewalt — als einenRechtszustand anzuerkennen, und beschäftigetsich mehr damit, gewisse Regeln zu Milderungdes Uebels, im Interesse der Menschlichkeit, und,um der möglichen Reciprocität willen, im Inter-esse der streitenden Parteien selbst, aufzustellen.Es heiliget also, indem es sie anerkennt, dieAnwendung der Gewalt. Traktaten und Ver-träge aber auf ewige Zeiten geschlossen, enthal-ten schon einen Widerspruch in sich selbst, sofernewig ein Sein außer der Zeit, also einen Ge-gensatz der Zeit, bedeutet. Die Politik erklärtdiesen Ausdruck daher durch „unbestimmte Zeit",und nimmt zugleich an, daß jedweder Vergleichdieser Art stets unter dem stillschweigenden Vor-behalte: sobald Zeit und Umstände günstig sindund es erlauben, wiederum einseitig davon ab-zugehen , abgeschlossen werde. Stellt sie diesenGrundsatz auch nicht ausdrücklich auf, so sehenwir sie doch thatsächlich alle Zeit nach demselbenhandeln. Darum ist auch die Politik mehr derKlugheit als dem Rechte zugewendet.