Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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422
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Die äußere Politik der Staaten erliegt dahernur dem Naturgesetze, welches uns nichts ver-kündiget, als die Thatsache, die wir überall be-merken: der Starke zerreißt den Schwachen, derMächtige unterdrückt den Ohnmächtigen. Dasist das wahre, wenn auch unter mannigfachenFormen verhüllte, Gesetz der europäischen Politik,wie sie ist; die Norm aller Normen, so künstlichsie auch verdeckt werden mag.

Das Streben nach außen ist bei dem Einzel-nen, bei der Gesellschaft und bei dem Staate,ein tief in der Natur begründetes, und somitnicht abzuweisendes. Eben so gegeben und be-dingt sind bei dem Staate, Lei der Gesellschaftund bei dem Individuum, die Grundsätze, nachdenen es sich nothwendig regeln muß. Für denStaat liegen sie theils in seinen inneren Zustän-den, theils in seiner geographischen Lage, theilsendlich in den Verhältnissen der übrigen an ihngrenzenden Staaten und in seinen Beziehungenzu denselben. Einzelnes kann sich darin in kurzerZeit ändern, das Ganze aber ändert sich, imgewöhnlichen Laufe der Dinge, erst in längerenZeiträumen. Bis dahin aber, und so lange alleübrigen Verhältnisse dieselben bleiben, muß auchdie Grundlage der äußeren Politik der Staaten,wenn auch Einzelnes modificirt wird, im Ganzenund Großen dieselbe bleiben. Darum giebt eseine natürliche und nothwendige Politik der Staa-ten, von welcher sie, ohne ihr Ziel aus den Au-gen zu verlieren, zwar zeitweise, niemals aberohne Nachtheil aus die Dauer, sich entfernenkönnen.

Dies ist die wahre und wirkliche Ursache,warum wir Staaten oft Jahrhunderte lang, beiallem Wechsel der Regenten und Minister undihrer persönlichen Ansichten, dennoch nach wievor mit Beharrlichkeit dieselbe äußere Politikverfolgen sehen, dies ist das Geheimniß, nachwelchem, wie Friedrich der Große von Oester-reich sagte, der Minister nicht stirbt. In diesemSinne stirbt er in keinem Staate.

Der Grund der äußeren Politik liegt inSachen und Verhältnissen, die oft sehr langedieselben bleiben und nur beharrliche und festeVerfolgung des Zweckes führt zum Ziele. Wieverschieden daher auch die persönlichen Ansichtender Regenten und ihrer wechselnden Minister seinmögen, wie sehr sie auch vermöge derselben ineinzelnen Punkten zuweilen von der gegebenennatürlichen Politik ihrer Staaten abweichen mö-gen, immer werden sie sehr bald, ungeachtetihrer persönlichen Ansichten ja wider dieselben,durch die Verhältnisse selbst gezwungen werden,zu ihrer natürlichen Politik zurückzukehren.

Cultur, Reichthum, Bevölkerung sind dieinneren Zustände, durch welche die äußere Po-

litik bedingt ist. Sie strebt nach Macht, weilMacht es ist, was Könige lieben. Der Geistbeherrscht die physische Kraft, die Massen führenaus, was der Geist ersinnt, und der Reichthumgiebt die Mittel, sie in Bewegung zu setzen, undzu den beabsichtigten Zwecken zu sichren. Cul-tur, Reichthum und Bevölkerung sind daher dieersten Factoren und Vehikel der äußeren Politikder Staaten. Je weiter sie in einem Staatefortschreiten, desto größere Mittel hat er zuseiner Verfügung, um seine politischen Zweckenach Außen zu verfolgen; desto eher kann er hof-fen, äußeren Widerstand zu besiegen, seineMacht und sein Ansetzn nach Außen zu erhaltenund zu vermehren. Nur in dem Maße, in wel-chem sie dem äußeren Widerstände gewachsen undgeeignet sind, ihn zu überwinden, wird äußerePolitik vernünftig. Kleine Staaten haben sichauf ihr Inneres zu beschränken, und folgen,nach den Naturgesetzen, dem Stoße der größerenMasse.

Aber die Mittel, der äußeren Politik Nach-druck zu geben, bedürfen der Leitung; je kräf-tiger, je einiger die Leitung ist, desto mehrkann geleistet werden ; ein König - Feldherr wirdnur durch seines Gleichen, oder durch Verrath,besiegt. Kraft und Einheit der Leitung bedingtdemnach die Größe der Wirksamkeit.

Wenn Macht das Streben nach Außen recht-fertiget, so ist die zweite Frage: wohin soll esgerichtet sein? Dahin, wo der größte Zuwachsan Macht zu erwarten stehet, dahin, wo demStaate die meisten Vortheile winken. Hier istes, wo die geographische Lage und die politischenVerhältnisse der Nachbarvölker eintreten und ent-scheiden.

Diese sind bei den verschiedenen Völkern ver-schieden; darum ist auch ihre äußere Politik eineverschiedene. Zwar scheint es auch politischeWahlverwandtschaften zu geben, und in demgroßen europäischen Staatensysteme ziehen sichmanche Staaten gleichsam wechselseitig an. Aberdiese politischen Wahlverwandtschaften beruhennicht, wie die natürlichen, auf den ewigen Ge-setzen der Natur, sondern auf den wechselndenund vorübergehenden der Convenienz und desVortheils, und sind daher weder eben so unver-änderlich, noch eben so dauernd, wie jene.

Die auswärtige Politik will erhalten odererobern; erobern aber kann man in der Regelnur von seinem Nachbar. Der Nachbar alsofürchtet und mißtraut am meisten dem Nachbar,unv die nächsten Nachbarn sind gewöhnlich amwenigsten geneigt, sich mit einander zu befreun-den. Je mehr zwei Staaten von einander ent-fernt sind, je mehr sie unmittelbarer Berührungs-punkte ermangeln, desto mehr — ich möchte sagen

— lieben sie sich, wenn Liebe nicht aus demHerzen käme, dessen die eiskalte Politik gänz-lich ermangelt. Ich will also sagen: je weiterStaaten von einander entfernt sind, und je we-niger sie unmittelbare Berührungspunkte habenkönnen, desto weniger haben sie noch von ein-ander zu fürchten, desto mehr trauen sie einander,desto eher ist eine gelegentliche Vereinbarung der-selben gegen den zwischen beiden liegenden Drittenmöglich. Je näher sie einander rücken, destomehr steigen Furcht und Mißtrauen, desto arg-wöhnischer wachen sie darüber, daß nicht einereinseitig sich vergrößere und ein Uebergewichterlange, desto näher rückt der Augenblick, wodann der eine nur noch sich auf Unkosten des An-deren vergrößern kann.

Das so oft verlachte Streben nach dem,was man politisches Gleichgewicht nennt, ist da-her ein thatsächlich gegebenes und nothwendiges;es wird ein dauerndes sein, trotz aller Verspot-tung, wäre das politische Gleichgewicht selbstauch nichts anderes als das, wofür man es zu-weilen ausgeben will — ein bloßes Phantom;auch die Einbildung hat ja ihre Folgen!

Die Macht der verschiedenen Staaten Euro-pas ist verschieden. Aber der mächtigste Staatdesselben vermöchte dennoch nicht zu widerstehen,wenn sich alle andere Staaten gegen ihn ernst-lich vereinigten. Daß dies nicht geschehe, mußdie Politik fürsorgen; äiv 16 s st imper«, ist daherdie Klugheitsregel, die zu beobachten auch derMächtigste nicht ungestraft unterläßt. Darumschmeichelt der Mächtige dem Schwachen undbietet ihm schon aus der Ferne seinen Schutz an.Doch wehe diesem, wenn er sich bethören läßt;aus dem Schirmherr» wird gelegentlich der Un-terdrücker, und er wird besten Falles, wie Ulys-ses in der Höhle des Polyphem, zur letztenMahlzeit bestimmt, nur daß er nicht, wie jener,seinen Gegner blenden und dann entrinnen kann.

Zwar wird besonders in neuerer Zeit auchin der Politik viel gesprochen von Recht, Pflichtund Moral, und der edle Alerander von Ruß-land versuchte es gar, sie mtt der heiligen Allianzzu kanonisiren. Aber der aävocMus cüaboli,diesmal glücklicher als gewöhnlich, hat den Pro-ceß gewonnen, und die Politik ist ein Weltkindgeblieben wie früher. Das Wort ist Schall,nur die That hat Bedeutung. Wo Wort undThat sich widersprechen, da entscheidet die That.Die Rechtssphäre ist nicht die, in welcher sich diePolitik bewegt; wo das Schwert Richterstellevertritt, da entscheidet nur Gewalt oder List.Daher ist auch in der Politik überall wenigervom Rechte als vorn Besitze die Rede, und esgilt die Regel: die Thatsache ist unabweislich.Wie viel auch über das, was vermeintlich Rech-