umher. Manche Damen, die sonst nicht soberechtigt sind, um sich der Person des Kaisersnahen zu können, besuchen blos diesen Mas-kenball, um einmal an seinem mächtigen Armegehangen zu haben. Es muß ihnen das frei-lich auch eine merkwürdige Sensation verur-sachen. Der Kaiser nahm Altes gütig auf,was ihnen die Damen vorschwatzten, wußteimmer treffend zu erwiedern und blieb nie eineAntwort schuldig, obgleich sich jene zuweilenmehr herausnahmen, als ich es erwartet hatte.Als ich einmal bei ihm vorüberging, sagte eineDamen-Maske zum Kaiser: „Oomme tu esdenn." — „Oul! Ouü" antwortete der Kai-ser, ab, et si tu uuruis vu, eomiuent jel'etais I'uutrelois!" — Eine andere Maskebemerkte: P6U cle llnines mijourckRui."
— „Oui, umis pour moi je sms content, je teprencls xour eeut." — Nur eine Maske schienihn etwas zu sehr mit ihrer Zudringlichkeit zulangweilen, und als er einen seiner Generalesah, hing er sie ihm gn den Arm: „Voiln—u — une jolie petite (laine pour toi." DieserHerr führte sie eine Zeit lang im Saale herum,und ließ sie gelegentlich fahren, und ich fühltemich in der Stelle der armen Schönen rechtglücklich, daß sie so dicht maskirt war. —Lady Morgan bemerkt in ihren Reisen beiGelegenheit eines Balles, dem sie beigewohnt,die sonderbaren Gruppirungen, welche wäh-rend der ganzen Ballnacht vorkamen. Auchauf diesem Petersburger Maskenball, wo au-ßer dem Kaiser auch noch mehre deutsche Prin-zen und die meisten russischen Großen zugegenwaren, fügte der Zufall zuweilen wunderbareGegensätze zu einer Gruppe zusammen. Wiez. B. „der Erbe eines deutschen Königreichsund der präsumtive Erbe einer Krämerei aufdem Newschen Perspektive." — „Der Kaiservon Rußland und eine französische Gouver-nante." — „Der Minister der Finanzen einesReichs von 60 Millionen Einwohnern, undder Commis eines deutschen Handelshauses,als Frosch gekleidet." — Dann wieder in ei-nem andern Winkel des Hauses ein Gedrängevon Eingebornen der ewig grünen Insel Al-bion, und solchen aus dem Scythen-Lande,von den Gipfeln des Kaukasus und aus denphiliströsen Krähwinkeln Deutschlands, undmitten unter ihnen Arm in Arm Studenten,Handwerker, türkische Kaufleute, Ambassa-deurs und Generäle. — Uebrigens war dieserBall, als Maskenball, ziemlich ebenso wenigbelebt und interessant, wie alle solche öffentli-chen Maskeraden außer Italien zu sein Pflegen.Die meisten Leute waren unmaskirt. Und dieCharakter-Masken, welche hier die eigentlichen
tollen Herren hätten spielen sollen, schienensich zwischen allen den vernünftigen unmaskir-ten Leuten sehr gedrückt zu fühlen, und wie dieGenarrten hier vorzukommen, wo sie die Nar-renden sein sollten. Die Unmaskirten blicktendagegen zuweilen recht verächtlich auf die Har-leguins-Jacken jener herab, recht närrisch stolzauf ihre vernünftige Erscheinung einherschrei-tend. Die vornehmste Welt nimmt aber docheigentlich natürlich nicht an diesem Masken-bälle Theil. Der Kaiser nur des Publicumswegen, und die Minister, Generäle u. s. w.des Kaisers wegen. Nur die Logen sieht manvon einigen der ersten Familien besetzt, diehier nur eu pussunt erscheinen, um doch aufdem eleganten Privatball, zu dem sie sich nochspäter verfügen, etwas Frisches erzählen zukönnen.
Unter diesen Pr iv atb ällen, die sich dievornehme Welt den ganzen Winter hindurch— mit Ausnahme der Fastenzeit — giebt,pfleget immer in die Butterwoche der brillan-teste zu fallen, von dessen Glanz alsdann dieganzen Fasten hindurch, wo man Athem genughat, die athemlosen Feste der Maßlanitza zukritisiren, gesprochen wird. In dem Winter1837 wurde einstimmig einem Balle des GrafenBrannitzky die Siegespalme gegeben, als demglänzendsten Feste, was die damalige Butter-woche gesehen. Denn es war dabei nicht nurAlles zugegen gewesen, was Petersburg ankaiserlichen und königlichen Personen, sondernauch Altes aufgewandt, was nur die Handels-verbindungen unseres Erdkreises an LuruS undPracht gewähren konnten.
Ein Hauptlu.rus-Artikel der Großen be-steht an einem solchen Abende in der Entwicke-lung einer zahlreichen Dienerschaft. Bei demFeste jenes Grafen waren blos 100 Lakaienallein für die prächtige Treppe des Hauses ver-wendet. Die Diener des Hauses reichen dazunicht aus, und man zahlt einer hübschen Figurfür einen solchen Abend 10 Rubel. Dabei istdie Livree der Lakaien, versteht sich, jedesmalneu und eigens zu diesem Feste geschneidert.50 jener Treppen-Lakaien waren in violettemSammet gekleidet mit silberner Brodirung und50 in Purpursammet mit Gold, jenes die Far-ben der Gräfin, diese des Grafen. Auf einerStufe der Treppe stand ein Orangen- oderCitronen-Baum, auf der andern ein solcherwie ein Fürst gekleideter Bedienter, und so ab-wechselnd bis oben hinauf. Eben so waren dieHaus- und Saalthüren von solcher südlichenVegetation und solchen Sammetbedienten be-setzt. Jene Orangenbäume miethet man gleich-falls von den Blumenhändlern, die in Peters-
burg so wohl assortirte Lager haben, wie viel-leicht in keiner zweiten Stadt der Welt. Siekosten 6 bis 10 Rubel für den Abend. Rech-net man nun die Livree eines Lakaien, in Rück-sicht darauf, daß sie auch nach dem Feste nocheinigen Werth behält, nur zu 100 Rubel, undnimmt man nur 100 Orangenbäume und 100Diener an, so muß die Decorirung der Treppeund Thüren allein 12,000 Rubel (Franken)gekostet haben, wobei die Illumination nochnicht einmal in Anschlag gebracht ist, die aberauch für etwas zu rechnen ist, da es Sitte ist,bei solcher Gelegenheit das ganze Aeußere desHauses von oben bis unten prachtvoll zu illu-miniren. — Die Kaiserin von Rußland isteine große Blumenfreundin, und insbesonderehat sie sich die Rose zu ihrem Liebling erkoren.Alle jetzigen Bälle Petersburgs schwelgen da-her immer in einer großen Fülle von Blumen.Gewöhnlich ist ein eigener Saal als Gartenarrangirt, in welchem Rosengebüsche und Ro-senlauben überall einladende Erholungs-Plätz-chen beschatten. —
So reich also nach dem Allen der ganzerussische Carneval an Vergnügungen für alleClassen ist, so steigert sich doch noch die Luftder letzten Tage der Butterwoche zum Doppeltenund Dreifachen, weil sie ihren nahen Tod inden bald folgenden Fasten voraussieht. Dieletzten 3 oder 4 Tage der Maßlanitza sind wahreFest- und Jubel-Tage, wo alle Geschäfte enden,und aller Ernst aus Rand und Band geht. DieSchulen hören auf, die Behörden werden ge-schloffen, die großen Theater geben 2—3 Vor-stellungen und das Dutzend Bajazzo's auf denKatschelis kündigt alle 5 Minuten eine neue an.Die vornehme Welt giebt um 12 Uhr ckejeü-ues (lunsants, die um 5 oder 6 Uhr Abendsendigen, läßt sich kaum einige Stunden zurRuhe und zur Anlegung einer neuen brillantenToilette, die alsdann um ii Uhr Nachts zumzweiten Ball des Tages führt. Bei den ge-ringen Leuten schließt sich an die Trunkenheitdes Abends die Entnüchterung des Morgens,und das ganze Petersburger Publicum istüberall aufs Beste gelaunt, und klatscht AllemBeifall zu, wo es zuschauend erscheint. Aufden Rutschbergen der Katschelis schurrt esSchuß auf Schuß herab, daß die Eisbahn vonHitze glüht, — die Schauckeln fliegen und dre-hen sich so geschäftig, als gälte es, die Passa-giere mit der Schnelligkeit des Dampfwagensan Ort und Stelle zu bringen, — der Schlan-genwärter, der die Löwen und Boa's zeigt,plappert seine Lection wie eine Klappermühleher, und spedirt seine Besucher so geschwindals möglich , um gleich wieder neue aufzuneh-