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Intriguen ist insofern vorüber, als die öffent-liche Meinung bei Hohen und Niederen sie ver-wirft. Da es einst anders damit bestellt war,mag man bescheiden sich der Gegenwart freuen,und das ermüdende unverdiente Lob der gu-ten alten Zeit abschließen. Es gab niemalsdurchaus gute Zeiten, dürfte auch ferner keinegeben. Jede Zeit hat Schatten, wie jeglicheLicht. Mer die Zeiten, wie sie nun eben aus-fallen, werden besser, je mehr die Zahl solcheranwachst, die darin uneigennützig das Gutewollen. Je mehr Tugend, je mehr Glück.Nun scheint es in der That vorzüglicher, glück-lich zu sein, als viel zu bedeuten, und diejeni-gen, welche unzufrieden sind, weil sie ebennicht so viel bedeuten, als sie gern möchten,sollten einsehen, daß auch die Hochgestellten ihrGlück nur da finden, wo es zuhaben ist fürJedermann, in den Tiefen des Gemüthes, unddaß die Niedrigen um so vornehmer werden,je mehr sie dem nachstreben, wodurch die Hoch-gestellten groß werden, derSitte und Red-lichkeit."
Mit diesem innerlichen Eindruck scheidenwir denn auch von diesem Roman, der durchdie Grazie und Feinheit, mit welcher er dieverschlungensten Lebensverhältnisse behandelt,die Anerkennung einer bedeutenden Darstel-lungSkunst verdient. Ebenso sehr ist an ihmdas Talent der Schilderung zu rühmen, dassowohl an den Lebenszuftanden als in Natur-auffassungen reichlich sich ergeht. Doch möchteauch aus dieser Dichtung und der dramatischenBehandlung derRomanverwickelungen hervor-gehen, daß Friedrich von Heyden vorzugsweiseTalent und Beruf zum Drama und vornehm-lich zum Lustspiel besitzt. Im letzteren hat erschon so Ausgezeichnetes geleistet, daß unserWunsch, es vorzugsweise zum Heil unsererBühne anzubauen, eigentlich zu spät kommt.
Maskenball in Petersburg.
Von I. G. Kohl.
Im großen Theater finden in der Butter-woche große Maskenbälle statt, die ebenfallseine Art Volksvergnügen zu nennen sind, inso-fern einem jeden anständig Gekleideten daranTheil zu nehmen vergönnt ist , weß Ranges erauch sei, und insofern es der Kaiser für seinePflicht bält, jedesmal diesen Bällen persönlichbeizuwohnen.
Ich theilte dieses Vergnügen in der But-terwoche 1839. Das Merkwürdigste dabei warfür mich dieDecorirung des Theaters als Ball-saal. Um 11 Uhr sollte der Ball beginnen, und
bis gegen 10 Uhr dauerte das Schauspiel. Ichwar begierig zu sehen, wie die Russen hier mitihrer gewohnten Schnelligkeit aus dem Theatereinen Ballsaal machen würden, und war aller-dings erstaunt, Alles so rasch vor sich gehenund um keine Minute verspätet zu sehen. So-wie die letzten Zuschauer heraus waren — ichwar der einzige, der blieb, und an einen Pfei-ler der kaiserlichen Loge gelehnt, den Ereignis-sen zusah, ging der Kronleuchter in die Höhe,und Finsterniß fiel in die weiten Räume hinab.Schnell erschienen aber einigeHundert Arbeitermit Kerzen, und wahrend ein Theil anfing,das Orchester und Parterre auszuräumen, kamsogleich der andere Theil ihnen nachdringendmit Brettern und Balken über die Bühne undbegann mit Aerten und Sägen einen Lärm,der nur dann und wann die Stimmen der An-führer und Ordner des Ganzen durchdrungenließ. Diese großen dunkelen Räume, die Ar-beiten der Hämmer, Sägen und Aerte, diesHobeln, Zimmern, Wirthschaften, Zurufen, Be-fehlen und Antworten — es war als hätte ichdas Chaos unter mir, aus dem sich eine großeGeburt Hervorarbeiten sollte. Mit Schnellig-keit rückte die von der Bühne herangebauteBrücke vor, und wie den Ausräumern dieZimmerleute, so folgte Liesen nun eine Schaarschwatzender Frauen, die gleich Alles kehrten,und Staub, Hobelspäne und Schutt zur Seitefegten. Auf der Bühne des Theaters schien essich wie Wolken aus der Luft herabzulassen.Es waren Massen von seidenen und wollenenStoffen, die unten von ordnenden Händen em-pfangen wurden. Sie gestalteten alsbald dar-aus drapirend und nähend die Bühne zu einemhübschen türkischen Zelte um, das nach vornegeöffnet, und in dessen Hintergründe sich danneben so schnell eine Tribune für die Musiker,wie zu den Seiten Bänke für die Zuschauer er-hoben. Indeß ließen andere Zimmerleute zuden Seitenlogen der kaiserlichen Mittelloge,die durch Hinwegnahme der Thüren, Sitzeund Geländer in bloße Durchgänge verwan-delt wurden, Treppen hinaufsteigen.
Die Uhr hatte in schnellen Tempos 10, einViertel und ein Halb der eilsren Stunde ge-schlagen; aber in eben so schnellen Tempos hat-ten auch die Arbeiter die einzelnen Theile ihresWerks vollendet, und als das dritte Viertelschlug, waren schon die letzten Töne der Werk-zeuge verhallt. Der Boden war geschaffen, dieFesten gegründet, die Staubwolken hatten sichverzogen, die Arbeiter verlaufen, und nunöffnete sich der Himmel und gab die prächtigeSonne des Kronleuchters von sich, welche durchdie Räume herabschwebte und über die junge
Schöpfung des geputzten Ballsaals, in derMitte dieser schönen Ordnung sich freuend,ihre Lichter ergoß. Zugleich entzündeten sichauch rund herum an den Galerien der Rängedie vielen tausend Sterne der Wachskerzen.Unten schritt dann ein gallonirter Lakai überden Boden, der Wolken von Wohlgerüchenaus einer Pfanne in die Lüfte schwenkte, alswäre er der erste Mensch, welcher die jungeWelt, der Sonne huldigend, beträte. Undnun, so schnell sie entstanden war, so schnellbevölkerte sich auch diese Schöpfung. Gegen11 Uhr strömten die Thiere und Menschenkin-der jeglicher Art von allen Seiten herbei, siezu beleben. Frösche, Vögel, Vier- und Zwei-beiniges, Behaartes und Gefiedertes, Negerund Weiße, Türken, Pariser und rothe Ame-rikaner und es fehlte hier, wie es auf einemMaskenballs zu sein pflegt, an keinem Cha-rakter. Auch der Staat war bald erfunden.Denn schon gegen Halb 12 Uhr trat der Kaiserein, und da donnerte plötzlich die erste Musiklos. Es war ein Chor-Gesang mit Begleitungdes ganzen Orchesters. Es ist gewöhnlich inRußland, öffentliche Bälle, die irgend einenAnstrich nationeller Wichtigkeit haben, miteiner solchen Hymne, wobei das Orchester das-selbe spielt, was die Sänger vortragen, zueröffnen. Gewöhnlich ist es die russische Na-tional-Hymne: „8a raia 8Ä kuss swntnjn"(für den Kaiser und das heilige Rußland).
Sobald der Kaiser eintrat, war es mitmeinen Chaos- und Schöpfungs-Gedankenvorbei, und ich hatte nichts mehr in Augeund Sinn, als ihn, den Repräsentanten einerMacht, die anf dem Erdboden ihres Gleichennicht hat, und die mit so unversiegbarer Kraftjede Phantasie zur Uebung an dem unerschöpf-lichen Stoffe elektrischen muß, daß ich es durch-aus nicht begreifen würde, wenn es nicht jedemdenkenden Kopfe eben so gehen müßte, wie mir.Mit demBallpublicum schien denn dies freilichauch der Fall zu sein. Denn wo der Kaisersich einen Augenblick hinstellte, da ordnete ergleich die Menschen von selbst durch unsichtbareKraft, wie ein starker Magnet die Eisenfeile.Ueberall bildete sich dann weit von ihm ent-fernt ein respektvoller Kreis von Gaffern, die— freilich mehr obstnpefacte, als denkendeKöpfe — ihn, wie durch eine unsichtbare Bar-riere zurückgehalten, von weitem anguckten.Doch, wo er nur konnte, mischte sich der Kai-ser immer mitten unter sie und stieg ruhigTrepp auf Trepp ab. Die jungen Damen inDominos machten sich begierig zu ihm heran.Er nahm jede freundlich am Arm, und spa-zirte mit ihr unter allerlei Scherzen im Saale