413
Auf gleiche Weise wird die Farbe mitdem Motive in Uebereinstimmung gebracht,obgleich in diesem Bezüge auch die besten Künst-ler zuweilen dem Effecte die Wahrheit auf-opfern. Ich verweise hier auf die farbenpran-genden Werke der Franzosen. —
Von der harmonischen Verknüpfung derStaffage mit dem landschaftlichen Motive habeich schon an andrer Stelle ausführlich gespro-chen. (Man vergl. meine Malerschule. Lpzg.Wigand 1839.)
Wichtiger noch für die neuere Kunst ist es,daß die Gedanken in einem vernünfti-gen Verhältnisse zusammengestellt wer-den, und das Gemüth des.Zuschauers durchpsychologische Dissonanzen und Unwahrheitennicht verletzt oder betrübt werde. An dieserKlippe scheitern Manche, und in der That istes verzeihlich, da der klare ethische Lebenspunktin unsern Tagen noch zu vacillirend ist. Esbedarf des reinsten Anschauungsvermögens unddes kühnsten Scharfsinnes, um die Auswüchseder Moral und Poesie zu vermeiden und einzigder Natur in's klare Auge zu blicken. — Diebedeutendsten Geister scheinen noch oft den ein-fachen Ausspruch des Horaz:
,, HON ut placläis coeant iminltla, non ut
serpentes avibus Aeininentur, ti^ribus agiii"
nicht verstanden zu haben, und verlieren ihreKunst an widerlichen Darstellungen der Ju-dith, Herodias, des Erzengels Michael mit demDrachen, Abrahams Sohnesopfer, des beth-lehemitischen Kindermordes u. s. f. Der Ma-ler kann bei diesen Süjets nur den bezeichnend-sten d. h. grausamsten oder scheußlichsten Mo-ment Wahlen, wogegen der Dichter vermögedes beweglichen Wortes und der fortschreiten-den Zeit diesen Moment schnell vorübergehend,gemildert und wo möglich selbst motiv irtdarstellen kann.
Auch findet man häufig in sehr gewöhnli-chen und beliebten Darstellungen eine Unbe-stimmtheit im Charakterausdrucke, welchehöchst unangenehm auf das Gefühl des tiefer-Llickenden Zuschauers zurückwirkt. Die reuigeMagdalene z. B. wird bald liebreizend, baldältlich und verblüht vorgestellt; beides wider-spricht der Absicht der Legende, da die liebrei-zende Sünderin in der Brust des Zuschauerszwar Mitgefühl, aber von der profansten Sorteerregt, — die verblühte dagegen die Theil-nahme zuverlässig sehr abkühlt. Hieran schließtsich: soll eine inater ckolorosa alt oder jungsein? Man findet beide Auffassungen, aberdie eine verwirrt den Begriff, indem wir unsdie heilige Jungfrau stets und in allen Ver-
hältnissen jugendlich vorstellen; —- dieandre vermehrt in zu sichtbarem Grade dasUnwahrscheinliche. Aehnlich ergeht es auchmit den fünf thörichten und fünf klugen Jung-frauen. Als Ersatz für die Thorheit wird denerstern zuweilen ein größeres Maß von sinn-licher Schönheit verliehen, und die letztern er-scheinen einfach und unbedeutend. Die Wagedes Beifalls neigt sich nun in der Regel aufdie Seite der Thörichten und verhöhnt dasfromme Symbol. Oder sollte diese Bemerkungblos subjektiv sein? Es wäre möglich. —
Die Erkennung der Schranken des Mög-li ch en in der Malerei ist in unsrer rationel-len und ungläubigen Zeit vielleicht der Haupt-punkt, aus welchen, sich die minutiöseste Auf-merksamkeit der Künstler lenken muß. UnserPublicum im Allgemeinen hält es mit Lon-gin und fordert im Bilde unbedingte Möglich-keit und Wahrheit, während im Gedichte dieWahrscheinlichkeit in allen Fällen genügt. —Die Malerei vermag die feinsten Abstufungendes Gemüthslebens sinnlich zu vergegenwärti-gen, aber nicht die des Phantasielebens. DiePhantasie schweift über Raum und Zeit hin-aus und die Malerei ist wahrlich nicht imStande diesen Naturgesetzen überall nachzu-kommen, geschweige, wo deren Gebiet auf-hört, fortzuschreiten. An die Endlichkeit insehr verkleinertem Maßstabe gebunden, straftsich im Bilde jede Ausschweifung mit Unver-stän dlichke it, der völligen Vernichtung.Es ist nicht wahr, was der Professor Hotho(im Athenäum, April 1839) sagt: „Das ganzemenschliche (?) Dasein, von der Pracht derPaläste bis zur frohen Armseligkeit verfalle-ner Hütten, vonGott, den h immlischenHeerschaaren, der Mutter Gottes an, bishin zur Mutter, welche den vor ihr kauern-den Bettelbuben kauernd laust, bleibt derMalerei unverschlossen."
Gottist nicht darstellbar, und alle Ver-suche von den ältesten Zeiten an bis zu demneuesten Gotte von Cornelius in der „ Welt-schöpfung" sind unselige Abirrungen und bloßeZeugnisse von der eitlen Kühnheit der Men-schen. Das Unendliche oder Universal-Idealekann sich nie bis zur Individualität verrin-gern , ohne den Begriff vollständig zu zerstö-ren, oder bis zur Unkenntlichkeit abzuschwä-chen. Das weite Meer in Gestalt eines ein-zigen Wassertropfens gedacht, könnte nur an-näherungsweise den Vergleich bilden zu demGotte und seiner unendlich beschränkten Ver-körperung. Auch die „himmlischen und hölli-schen Heerschaaren" sind unmöglich, weil sie,in beengter Form gestaltet, sowohl das Himm-
lisch-Höllische als das Heerartige verlieren.Hierzu kommt noch die Unbestimmtheit desSymbols, d. h. einigen Blicken erscheinen siebeschwingt, andern behaart, diesem weiß, je-nem roth, einigen als Jungfrauen, andern alsKnaben oder Hermaphroditen, — aber derMehrzahl erscheinen sie gar nicht, was am fa-talsten für den Maler ist. — Aus gleichenoder ähnlichen Gründen muß die Kunst allerVersinnbildlichung der abstrakten christli-chen Dogmen entsagen, wenn sie ein frischesNaturleben beginnen will. —
Die Ertreme berühren sich, wie Kopf undSchwanz der Schlange, die sich um das ägyp-tische Weltei wickelt. Wenn wir die Darstel-lung Gottes in der Kunst verwerfen, so ver-schmähen wir nicht minder den Hotho'schen„Bettelbuben, der kauernd gelaust wird." Esist den Künstlern zu rathen, der Darstellungdes blos Gemeinen oder Scheußlicheneben so schnell zu entfliehen als des Universal-Idealen. — In dem thierischen Antheil desMenschen oder in seiner materiellen Gebrech-lichkeit ist die Tiefe menschlicher Innigkeit undFreiheit unsichtbar, oder das Menschenlebenerscheint nicht von seiner höhern Seite, der deslebendigen Strebeus und Sinnens, sonderngleichsam in moralisch-geistiger Erstarrung:ein Schmetterling, dessen Seele von der Na-del des Naturforschers durchstochen ist. Einsolcher Anblick macht den Feinerfühlenden un-wohl, und nur die Hartherzigen oder Gesunke-nen erfreuen sich an dieser von der Phantasieentschleierten Wirklichkeit. An Hinrichtungen,körperlichen Schmerzeusscenen, Verstümmelun-gen, schmutziger Armuth rc. kann weder Geistnoch Gemüth sich erquicken und die Wirkungdes Schönen und Wahren in der bildendenKunst auf den edleren Zuschauer: „Behag-lichkeit und geistige Befriedigung" überläßtihre Stelle einem momentanen Schaudergefühlund moralischer Mißstimmung. — Weshalbman heutzutage noch so häufig auf Darstel-lungen des Scheußlichen und Gemeinwirkli-chen trifft, erklärt sich vielleicht aus folgendenGründen. Erstens bestätigt sich der AusspruchPlutarchs (acllil. et umiei ckisc), „daß schlechteMaler, die das Schöne aus Schwachheit nichterreichen können, es in Warzen und Runzeln(also im Ekelhaften) suchen." Zweitens ver-lieren sich oft neuere Künstler, welchen die al-ten abstrakten Hirngespinnste durchaus ver-leidet sind, in unklare Verwechselungen desFreien und Knechtischen in der Natur. Aufdiese Weise lassen sich scheußliche Conceptio-nen, wie Heine's Gefängnißkirche, Wapper'sKarl IX., deBiefve'S Ugolino rc. erklären, aber