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schön, murmelte ein Anderer, und „dle armenEltern" setzte eln Vierter hinzu. Jetzt ver-nahm man das Rollen eines Wagens, er kamnaher und näher, die Menge machte Platz, undder Wagen hielt vor dem Rathhaus. Es wareine einfache hölzerne Kibitke, wie sie in jenenGegenden gebräuchlich sind, mit vier kleinenzierlichen Pferden bespannt, deren gedrungeneGestalt und feurige wilde Augen ihre nordischeAbstammung bekundeten. Tief in einen Pelzgehüllt, das Haupt mit schwarzen Schleierndicht verhüllt, saß in dem Wagen eine weib-liche Gestalt, ihr zur Seite zwei bewaffneteSoldaten. „Seht, das ist sie", flüsterte dieMenge, „das ist Olga, das Weib des Petro-witsch," und als jetzt das verschleierte Weiblangsam sich erhob und gestützt von den Sol-daten den Wagen verließ, durchlief ein Gemur-mel der Bewunderung über die schöne Gestaltder Verhüllen die Menge.
Ruhig und ohne Wanken betrat die Ver-schleierte das Gebäude, und den Soldaten durcheinen langen Corridor folgend, gelangte sie inein hohes weites Gemach, wo ihre Begleiterihr zu harren geboten, und durch eine andereThür verschwanden. Das Weib war allein.Langsam wandte sie das Antlitz, und ihredunklen glühenden Augen durchleuchteten selbstdie schwarzen Schleier, die ihr Angesicht ver-hüllten. Als sie sah , daß Niemand zugegen,seufzte sie wie erleichtert auf, und die Händefaltend, fromm wie ein Kind, das mit gläu-bigem Vertrauen zum Vater betet, flüsterte sie:Mein Vater, mein Vater, gieb mir Kraft! —Die Thüren wurden geöffnet, das Weib er-bebte und ein leiser Schrei entfuhr ihren Lip-pen. Nicht der schwarz verhangene Saal, inden sie jetzt hineinschaute, war es, der sie er-schreckte, nicht erbebte sie vor den finstern undstrengen Gesichter der Richter, die auf erhöh-ten Sitzen am andern Ende des Saales hin-ter dem schwarzen Tische saßen, sondern derSchrei, der sich aus ihrer Brust Hervorrang,und das Zittern , das ihre Glieder durchbebte,galt einem bleichen, zusammengesunkenen, vonThränen überflutheten Weibe, einem zittern-den, weinenden Greise, auf dessen silberweißesHaar ihre brennend heißen Augen drücken zukönnen der armen Verhüllten eine namenloseSeligkeit dünkte, denn dieser Greis war ihrVater und dies in Thränen zerfließende Weibihre Mutter.
Bist Du Olga, das Weib des gemor-deten Petrowitsch? fragte der Vorsitzende derRichter.
Und das verhüllte Weib antwortete: Ichbin es!
Enthülle Dich! gebot der Richter.
Das Weib gehorchte, die Schleier sanken,und Olga's schönes bleiches Antlitz tauchte un-ter ihnen hervor. Sie beachtete aber wederdas Beifallsgemurmel der Schreiber und Un-terbeamten, noch sah sie, daß selbst die strengenZüge der Richter zu einem mildern Ausdruckschmolzen, mit über der Brust gekreuzten Ar-men, die großen dunklen Augen mit einem un-aussprechlichen, fragenden Ausdruck der Angstund Liebe zu dem Greisenpaar, ihren El-tern hingerichtet, flüsterte ihr schöner, bleicherMund: Mein Vater, meine Mutter!
Während diese weinend und seufzend ihrAntlitz verhüllten, fragte der Richter: Olga,Weib des Petrowitsch, den man vor wenigenTagen ermordet in seinem Hause fand, ist Dirbekannt, wer ihn gemordet?
Olga antwortete mit fester Stimme: Esist mir bekannt!
Wer that es? fragte der Richter.
Olga ward noch bleicher als zuvor, ihrirrer Blick schweifte nach jener Seite hin, woihre Eltern, in athemloser Angst ihr ins An-gesicht starrend, saßen.
Wer that es? wiederholte der Richter.
Olga richtete sich aus, fest und ernst. Ichhabe es gethan! sagte sie in gewaltiger Kraft-anstrengung überlaut.
Der Greis bedeckte sein vor Kummer ab-gemagertes Gesicht mit seinen Händen, dasWeib, ihre Mutter, war ohnmächtig gewor-den, der Richter winkte, und man schaffte dieUnglücklichen hinaus in ein andres Zimmer,Olga, als sie dies sah, hatte nicht Kraft sichaufrecht zu erhalten, man mußte ihr einenStuhl geben.
Wer waren Deine Mitschuldigen? fragteder Richter.
Ich habe keine!
Kannst Du dies beschwören im Namen undvor dem Angesichts Gottes?
Ich kann es im Namen und vor dem An-gesichts Gottes, antwortete Olga mit festerStimme.
Und was bewog Dich zu der That? fragteder Richter.
Olga schwieg einen Augenblick, ihre gro-ßen schönen Augen füllten sich mit Thränen,sie drückte die Hand auf's Herz und flüstertekaum hörbar: Die Liebe!
Man tödtet nicht, was man liebt! ant-wortete der Richter.
Und dennoch ist es so, sagte Olga leise wiezu sich selber. Ich habe ihn geliebt mit jedemSchlag meines Herzens, mit jedem Athemzugmeiner Brust.
Erzähle den Hergang Deiner That! befahlder Richter.
Olga schüttelte sanft das Haupt. Wiekann ich erzählen, was tief und unerforschlichin der Seele verborgen ist, sagte sie. Könnteich mein Herz aus meiner Brust hervornehmenund bei seinem schnellen Schlag Euch sagen:Es schlagt für ihn! Ihr würdet es nur se-hen, nicht fühlen, und darum mich nichtbegreifen, wie ich es selber nicht vermag. Ur-theilt aber von den Qualen, die ich gelitten,von den Schmerzen, die ich erduldet, wenn ichso liebend ihn tödten konnte.
War Deine That lange beschlossen?
Ich weiß es nicht, antwortete Olga, eroder ich! dachte ich immer, wenn ich nachdurchweinten Nachten mich von meinem Lagererhob. O, erbarmender Gott, und ihn mußtees treffen, ihn, meinen Geliebten, für dessenLebensglück ich mein Blut tropfenweise hätteverspritzen mögen!
In Thränen ausbrechend verhüllte die Un-glückliche ihr Gesicht, und die Richter, ihrenSchmerz ehrend, verstummten. Eine langePause folgte, nur unterbrochen von dem lau-ten Schluchzen der Armen, die zitternd, hän-deringend auf ihren Stuhl zurückgesunken war.
Endlich ermannte sie sich, sie trocknete ihreThränen, erhob sich von ihrem Sessel, undwandte sich mit amnuthiger Verneigung undeinem engelsgleichen Lächeln zu den Richternhin. Verzeihung, meine Herren, sagte sie mitweicher, flehender Stimme, Verzeihung, o ichbitte Sie. Sie sehen, ich bin schwach ! Dieganze Nacht hatte ich mich auf diese Stundevorbereitet, und nun sie da ist, findet sie michkraftlos. Die weltliche Gerechtigkeit aber mußihren Gang gehen. Fragen Sie weiter, meineHerren!
Wann und warum geschah die That?
Vor sechs Tagen war es, als der finstreGeist mich beschlich, und mich mit wahnsinni-ger Last lehrte, ihn zu tödten. O, ich hatte denTag so viel gelitten, so viel geweint. Ich liebteihn ja so heiß.
Und erwiederte er diese Liebe nicht? fragteder Richter.
Das Weib seufzte schmerzvoll. Bis vor we-nig Monden noch, sagte sie, nannte er michseine Geliebte. Dann, — ja dann begann dieQual! Er liebte eine Andre, die mit Zauber-künsten ihn umfangen, und um deretwillen ermich und sein Haus vermied.
Wußte diese Andre, daß er verheirathet sei?
Ob sie es wußte! Ihre Knie habe ich um-faßt und zu ihr gefleht, ihn freizugeben, ihnmir wieder zu schenken. Umsonst, umsonst