446
des Stoffes, Thatsächliches, wirkliche Handlung fehlthier ganz. Von der großen Verschwörung, die dochder Grundstoff des Ganzen ist, erfahrt man nichtsals einiges hinter der Scene aufblitzende Kolophonium,alles Thatsächliche geschieht hinter der Bühne, undnur die darüber angestellten Reflexionen oder die dar-aus entspringenden Seelenzustande werden auf derBühne dargestellt. Soll man aber die Wahrheit einesSchmerzes, wie z. B. den des Sertus mit empfin-den und sich davon hinreißen lassen, so muß mandessen Entstehen gesehen, muß ihn in sich selber ha-ben wachsen lassen, man muß mit ihm gelebt ha-ben. Hier aber lebt der Zuschauer nicht mit, er re-flectirt nur mit dem Sertus, und das ermüdet aufdie Länge. Aller Wechsel, aller Glanz der Scenerieist durchaus verschmäht, und die langen Recitativegeben der Oper zuweilen etwas Monotones, um somehr, da sie an durchgehenden Melodien eben nichtsehr reich ist. —
Was nun die Darstellung auf hiesiger Bühnebetrifft, so gehörte sie zu den weniger gelungenen.Es hat schon etwas nicht Einnehmendes, zwei Lie-bespaare, die doch in dieser Oper die Hauptrollensind, durch vier Damen dargestellt zu sehen, und soden ganzen Abend der Abwechselung männlicher undweiblicher Stimmen zu sehr zu entbehren. Die Rolledes Publius, die Herr Zschieschc sehr schön durch-führte , ist zu klein und unbedeutend, und der Titus,von Herrn Eichberger gut, wenn auch etwas steifund ungelenk gesungen, hat manches lange Recitativ,eigentlich aber keine einzige Arie zu singen, so hörtman also drei Stunden fast nur Sopranarien undsehnt sich zuweilen nach „des Baßes Grundgewalt".Mad. Grünbaum, als AnniuS, war, wie immer,lieblich und einnehmend, erregte aber in ihrer kriege-rischen Tracht, mit dem hohen Helm auf dem kleinenzarten Mäbchenkopf, fast Mitleiv, so, als wenn derkleine Hans in den Krieg ziehen will. Und schwörtder kleine Hans, daß er sterben will vor Liebesgram,und schwört er's noch so heiß und in so wohlgesetztenWorten, so glauben wir's ihm nicht, sondern wirnehmen es für einen Scherz und lachen. Noch dazuder Liebesgram um eine solche Serta, wie derberMademoiselle Galafrss, die mit vollkommener Schü-lerhaftigkeit, zuweilen sogar bedeutend detonirend,sang. Armer AnniuS, wärst du ein Mann, du wür-dest um diese Serta weniger gelitten und geseufzthaben! — Fräulein Schulz als Vitellia ist durch-aus genügend und lobenswert!), und zu beklagenwäre, wenn die junge Künstlerin, nach kaum über-standener Krankheit, die sich noch hin und wiederdurch einige Heiserkeit bcmerklich machte, bei der be-deutenden Kraftanstrengung, die ihre Rolle erheischt,sich, zum Besten des Publicums, zu viel zuge-muthet.
Fräulein Agnese Schebest gab den Sertusals letzte Gastrolle uud ward am Ende der Vorstel-lung einstimmig gerufen. Die Gesangsweise dieserKünstlerin ist in mancher Beziehung ausgezeichnet zunennen und bekundet die treffliche Schule, aus derFraulein Schebest hervorging. Sie ist eine Schüle-rin von Miecksch, dem Lehrer der Schröder-Devrient,und war dann später ihrer weitern Ausbildung we-gen einige Jahre in Paris, wo sie den UnterrichtBordogni's genoß. Bei aller Fülle und allem Um-fang dieser gewiß einst ausgezeichneten Stimme ver-mißt man leiver die erste Jugendfrische, namentlichin den Mitteltönen. Dieser Mangel an Gleichmä-ßigkeit der Stimme trägt Schuld, daß manche Töne
etwas das Ohr Verletzendes, Kreischendes bekommen,denn die Sängerin sucht das fehlende Gleichmäßigedurch Kraftaufwand zu ersetzen und durch eine zugrelle Tonbeleuchtung die Schatten zu verdecken. Esgelingt aber damit, wie mit allem Uebertünchen, nurschlecht, und man merkt es diesen Fortissimo's sehrbald ab, daß nicht die Kraft und Gewalt der geisti-gen Leidenschaft, sondern der Aufwand körperlicherKraft und Anstrengung sie so gewaltsam und schril-lend macht. Dies ist aber der Fehler, in den etwasab- und ausgesungene Sängerinnen so leicht verfal-len, daß sie Stimmen st är k e mit Stimmen fülleverwechseln und nicht bedenken, daß man stark schreienkann, ohne deshalb auch nur einen einzigen Gesang-ton in der Brust zu haben. Dieser Tadel trifft aberauch zugleich die ganze Gcsangsmanier unserer Zeit,wo das grelle Auftragen der Farben die eigentlicheMethode ist. Vom Forte Fortissimo geht man zumPiano Pianissimo, und so umgekehrt. Man soll abermit Tönen nicht blos singen, sondern malen, undwelcher Maler weiß nicht, daß das Halbdunkel unddas Abschattiren freilich das Schwierigste, aber auch,wohlgelungen, dasjenige ist, was dem Bilde seineSchönheit und seinen dauernden Werth sichert!
P Aus Schleswig-Holstein. —> DieVersammlung der Holsteinischen Stände in Jtzehoehat schon in der Antwortsadresse auf die königlichenEröffnungen ihre Wünsche an den Tag gelegt, indemsie darum anhält, daß ihr das Budget zur Begut-achtung vorgelegt werde, daß das neue Criminalge-setz, da^ßder Eröffnung zufolge mit dem für das Kö-nigreich Dänemark auszuarbeitenden wo möglich über-einstimmend werden soll, nur den Verhältnissen unddem Culturzustande des Herzogthums Holstein ange-messen sein könne, wenn es sich den neueren deut-schen Strafgesehgebungen anschließt. Der Graf vonHolstein stellte eine Präposition wegen Einführungder Ministerial-Verwaltung und Erweiterung desStaatsrathö durch Zuziehung der ausgezeichnetstenMänner aller Klaffen der gebildeten Einwohner desHerzogthums; der Kammerjunker von Neergaardmachte eine Proposition wegen derjenigen Abänderungdes allgemein«: Gesetzes vom 28. Mai 1831 (Ein-führung der Provinzialstände), welcher dasselbe noth-wendig bedürfe, um dem Herzogthum Holstein eine,durch die am 16. Juli 1823 abgegebene Erklärungder Holstein-Lauenburgischen Bundestags-Gesandt-schaft zugesicherte Verfassung zu geben, welche dieälteren Rechte möglichst berücksichtigen und den ge-genwärtigen Zcitverhältnissen angepaßt werden solle.Der Proponent suchte in einem kurzen Vortrage denZweck, das Wünschenswerthe, das Recht des Lan-des und das Zeitgemäße in Bezug auf seinen Antragauseinanderzusetzen und bezeichnete als die wesentli-chen noch anwendbaren Punkte des Grundvertragesdes Landes mit Christian I.: Keine Trennung derbeiden Herzogthümer, keine Aufhebung bestehenderRechte, keine Schätzung oder Abgabe, keine Schul-den auf's Land ohne die Zustimmung des Landes,kein fremdes Recht, keine fremden Beamten, keinefremden Münzen im Lande, keinen Kriegsdienst au-ßerhalb des Landes und keinen Regenten über diesesLand, der dieses Landesrecht zu wahren nicht be-schworen habe. Eine Proposition von nicht geringe-rer Wichtigkeit stellte der Kammerjunker d'Aubertwegen der Vereinigung der Standeversammlungen derbeiden Herzogthümer in eine, welche Proposition auch
sehr lebhaft unterstützt wurde. Auch in der dänischenStändeversammlung zu Rothschild sind schon Vor-schläge um Veränderungen in den Institutionen derProvinzialstände eingebracht worden, und es gewinntden Anschein, daß man diese Stände, soviel nurthunlich, der Regierung gegenüber erstarken wolle,damit sie dem Lande eine größere Garantie gäben,wenn eine Repräsentativ-Verfassung vorläufig nichterzielt werden kann, vorläufig, weil nicht anzuneh-men ist, daß das Land darauf resigniren werde, wassich besonders in der nächsten Diät, wozu ganz neueWahlen vorgenommen werden müssen, beurkundenwird. x.
Französische Zeitungen über deut-sche Kunst. —> Die französischen Zeitun-gen beschäftigen sich jetzt viel mit dem Königevon Preußen und berichten alle sehr wichtig, derKönig habe an alle Theater des preußischen Staatesden Befehl erlassen, nichts, was irgend auf die Re-ligion bezüglich, auf die Bühne zu bringen. Na-mentlich sei das Stück Schwärmerei nach derMode — der Temps nennt es „Schwärmen ach Mode," der Constitntionell „ Schwärnachder Mode" — gänzlich verboten. — Der Con-stitutionell will wissen, der König von Preußen habeeine neue Uebcrsetzung der Athalie des Racine be-fohlen und Meyerbeer aufgefordert, die Chöredes Racineschen Meisterwerks mit Musik zu versehen.
* Aus Leipzig. — Unser verehrter Musik-direktor Mendelssohn-Bartholdy gab am 6. Augustin der Thomaskirche ein Orgelconcert, bestehend auslauter Backfischen Kompositionen; die Einnahme warzu einem Denkmale Bach's in der Nahe der Thomas-schule, dem Wirkungsorte des ehrwürdigen, unsterb-lichen Meisters, bestimmt.
Von dem ersten Tenoristen unserer Oper, HerrnSchmidt, erwartet man nächstens eine tragischeOper. ^
Nach Weisung über ein Bild von Ru-bens. — In einer der neuesten Nummern desKunstblatts zum Morgenblatt wird die Frage gestellt:Wo und in wessen Besitz ist jetzt dasberühmte Bild von Rubens: SalomonsUrtheil? Dies Bild, eins der schönsten von Ru-bens , ist im Besitz des Königs von Dänemark undbefindet sich auf der königlichen Bildergallerie in Ko-penhagen unter der Nummer 185 im Schlosse Chri-stiansburg. Es ist von einer bedeutenden Größe undstellt mehr denn 10 Personen in Lebensgröße dar.Salomon auf dem Throne sitzend, umgeben von Hof-leuten und Dienern. Zu den Stufen des Throns diebeiden gegen einander streitenden Weiber, in derenMitte ein Mann, der das noch lebende Kind an denBeinen in die Höhe hält und mit der andern Handein Messer erhebt, um, wie Salomon mit erhobenemArm ihn zu bedeuten scheint, das Kind in zwei Hälf-ten zu schneiden und so den Streit zu enden. Daszweite, todte Kind liegt zu den Füßen der Weiber.Der Ausdruck in den Zügen dieser Weiber ist vonwunderbarer Kraft und Schönheit. Während dieje-nige, zu deren Füßen das todte Kind liegt, mit voll-kommener Ruhe die Vollstreckung des Urtheils erwar-tet , in ihrer ganzen Haltung nur denjenigen Antheilverrathend, den eine oberflächliche Neugierde und