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dann verstummten die Seufzer und das Aech-zen, und in der heiligen, erhabenen Stille töntefort und fort in einfacher, rührender Melodiedie glockenreine Stimme des schönen Weibes,das mit verklärtem, durchsichtigen Angesicht andem Lager des Kranken kniete.
III.
Olga, Du bist so bleich, so schön! Mitjedem Tage gleichst Du mehr den Engeln, vondenen ich als Kind geträumt. Nein, sieh michnicht an mit diesem verklärten Lächeln, mitdieser erhabenen Ruhe, — ich fürchte dann,daß Du entschwebst zum Himmel und meinearmen Augen Dich nicht wieder sehen! Steigeherab von Deiner Höhe, sei ein Weib, fühlemenschlich, sei minder groß, minder engel-gleich. Laß Dich erweichen, Olga, dulde mich,erbarme Dich mein, ich liebe Dich ja so heiß!So siehete der Gouverneur von Omsk, undkniete nieder vor dem Weibe, das er verehrteund liebte wie eine Heilige.
Olga schüttelte sanft das Haupt und sagteleise und schmerzvoll: Sie täuschen sich, undSie vergessen, wer ich bin.
Ein Engel bist Du! rief der Gouverneur,so lieben Dich die Kranken, so verehren Dichalle, die Dich kennen, und wo Dein Name er-schallt, ist er von Segnungen begleitet! Olga,höre mich an! Sage, daß Du mich liebst, daßDu mein Weib sein willst, und noch heute eileich fort, hin nach Petersburg, hin zu den Fü-ßen des Kaisers, und erflehe von ihm Gnadeund Befreiung für Dich!
Olga schreckte zurück. Nein, nur das nicht,nur das nicht! flehte sie leise.
Olga, willst Du mein Weib sein?
Ich kann nicht, sagte sie leise, aber be-stimmt. Und was sollte Ihnen auch dies Weib,fuhr sie fort mit weicher klagender Stimme,was sollte Ihnen dies gebrochene Herz? Ichkann nichts mehr geben, nichts mehr nehmen,denn ich bin lange, lange gestorben! MeineAugen haben keine Thränen mehr und meineBrust keine Qual, meine Hände kann ich nichtmehr wund reiben, sie sind empfindungslos ge-worden, und auch verzweifeln kann ich nichtmehr, denn es giebt für mich keinen neuenSchmerz!
Du sollst aber wieder glücklich werden,Olga, glücklich und froh!
Glücklich! sagte Olga, und ein verzweif-lungsvolles Lächeln umzog ihren bleichenMund. Glücklich soll ich sein, und doch leben!Glücklich mit meinem brennenden, nie rasten-den Gewissen, glücklich in dieser Oede des Le-bens, glücklich, während die Erinnerung mit
Scorpionenbiß an meinem Herzen nagt undall mein Denken vergiftet hat, glücklich, wäh-rend dies Blut ungesühnt an meinem Herzenruht, dies Blut, das mit Thränen hinweg zuwaschen, meine Augen zu arm sind.
Während sie so sprach, zog Olga aus ih-rem Busen ein weißes Tuch hervor, indessenMitte ein großer, dunkelrother Fleck befind-lich war.
Was soll dies Tuch ? und von wem ist dasBlut? fragte der Gouverneur.
Und Olga drückte das Tuch an ihre Lip-pen und sagte mit geisterhaftem Flüstern: Esist das Blut meines Geliebten, das ich, ichselber vergossen habe, es ist meines GattenBlut, meines Petrowitsch, den ich ermordethabe! — Sie faltete das Tuch wieder sorgsamzusammen, und es wieder an ihrem Busenverbergend, fuhr sie fort: Siesehen, ich lebenicht, ich büße nur! Horch, vernehmen Siedas Klagegeschrei, den schrillenden Wehelautvorn nächsten Gemache her. Dorthin ruft michmeine Pflicht! Lassen Sie mich den Todes-schweiß von der Stirne dieses Sterbenden trock-nen, und seine Verzweiflung zu lindern ver-suchen!
Mit unhörbaren Schritten schwebte sie da-hin, und die schlanke ätherische Gestalt, her-niederbeugend über das Bett des Kranken,trocknete sie den Schweiß von seiner kaltenStirn, und der Leidende lächelte beruhigt.Dann kniete sie nieder, faltete die Hände, undsang:
Armer Dulder, weine nicht,
Kurz ist nur das Leben!
Schließt das müde Aug' sich zuWird Dir Friede, wird Dir Ruh,
Wird Dir Glück gegeben.
Darum Dulder, weine nicht!
Armer Kranker, hoffe Du,
Dorten winkt Dir Freude!
Nur noch kurze Spanne Zeit!
Dorten in der Ewigkeit,
Weißt Du nichts vom Leide!
Darum, Kranker, hoffe Du!
Armer Dulder, bete nur.
Betend fält' die Hände!
Bet', daß Gott, der Schmerzen gab,
Nehme sanft die Bürde ab,
Deine Qualen ende!
Armer Dulder, bete nur!
IV.
Ermattet und erschöpft von nie nachlas-sender Mühe und Krankenpflege ruhte Olgain ihrer finstern, dunklen Kammer auf ihremharten, hölzernen Lager, außer dem nichtsim düstern niedrigen Zimmer enthalten war,nichts, als ein Crucifix, das über dem Bette
hing, und zu dem Olga oft mit zerrisse-nem, verzweifelnden Herzen aufgeschaut. Olgaschlummerte, aber ihr Kummer und ihre Peinmußte selbst bis in den Schlaf sie verfolgt ha-ben , denn ein unendlich gramvoller Ausdrucklag über ihrem bleichen, klaren Angesicht aus-gebreitet, und ihre schmalen Lippen warenschmerzlich verzogen. Ihre schlanken, abge-magerten Hände hatte sie über der Brust ge-faltet, die in schweren Seufzern, nicht in ru-higen langen Athemzügen des Schlummers,sich hob und senkte. Zuweilen flüsterte sie inder Aufregung des Traums einige unverständ-liche Worte, und grausig klang dies Flüsternin der Stille des einsamen Gemachs, grausig,wie Geisterlaut. Auch mußte Olga in der Un-ruhe ihres Schlafs seltsame Gesichte sehen undmit Geistern sich besprechen, denn ihre Zügeverklärten sich Plötzlich zu einem freudigen Lä-cheln, sie breitete beide Arme aus und rief mitklarer, Heller Stimme: Ich danke dir, Gott!Petrowitsch, mein Geliebter, ich komme!
Jetzt ließ sich außen an der Pforte dasGeräusch von Schritten vernehmen, Olga flogempor, die Thüre ward geöffnet und mit freu-deglühendem Angesicht stürzte der Gouverneurherein. Olga, rief er jubelnd, Olga, Dubist frei!
Frei? wiederholte Olga, und man wußtenicht, ob der Schrei, mit dem sie dieseFrage ausstieß, von Freude oder Schreckenerzeugt war.
Sieh hier, hier dies Papier, rief der Gou-verneur, es ist ein Handschreiben des Kaisers,den ich um Deine Begnadigung angefleht. Sieist gewährt. Nimm das Papier, es enthältDeine Befreiung.
Olga aber stand da, unbeweglich, bleichund zitternd. Thränen, die ersten, die sie seitlange geweint, traten in ihre Augen und ran-nen langsam über ihre eingefallenen Wangen,sie neigte das Haupt auf ihre Brust und seufzteleise: Also frei!
Der Gouvernuer starrte sie an und suchtein den Zügen dieses wunderbaren Weibes zulesen, was in ihrer Seele sich bewege. Olga,sagte er dann, minder freudig, Olga, nimmdies Papier!
Sie antwortete nicht, sondern starrte zurErde nieder, unbeweglich.
Und der Gouverneur, sich im Uebermaßder Freude und des Schmerzes niederwerfendvor dem Weibe, das er liebte, flehte: Olga,sieh mich hier zu Deinen Füßen. Sieh, wor-nach Andere Jahrelang flehen und seufzen,was sie mit ihrem Herzblut erkaufen möchten,ich biete sie Dir an, diese Freiheit. Kniend