447
Theilnahme ihr einflößt, hat die andere in allemSchrecken bewegter Mutterliebe den Mund wie zumSchrei geöffnet, die schönen Augen überfließend inThränen, sich weit vorwärts geneigt, mit erhobenenArmen, als wolle sie dem Manne das mörderischeMesser entreißen. Colorit und Färbung ist vortreff-lich , und die Kraft der Ausführung verräth die Mei-sterhand. Weniger gelungen ist auch bei diesemBilde, wie bei so vielen von Rubens, die Zeichnung,die nicht immer ganz correct zu nennen ist. DerSchimmer der Formen galt ihm mehr, als dieSchönheit derselben, und dem Energischen, Glutvol-len und Gewaltigen mußte oft die Grazie und Zart-heit weichen. Wie sehr Rubens aber Meister warin der Darstellung menschlicher Leidenschaften, wiekühn seine Auffassung und wie effectvoll seine Kom-positionen , davon zeugt auch dies Bild: das UrtheilSalomon's. L. Mühlbach.
Aus Posen. —.Bereits am 15. d. sindin Folge der königlichen Amnestie sämmtliche Ge-fangene, welche hier auf dem Fort Viniary seit meh-reren Jahren in Haft saßen, frei gelassen wor-den. Einem jeden von ihnen wurde die lithographirteAbschrift der königlichen Cabinetsordre mitgetheilt,die auch in ihrer Form so sehr den cdeln und großar-tigen Sinn des Monarchen ausdrückt, daß es sehr zubedauern wäre, wenn dieselbe, wie bestimmt seinsoll, nicht zur Publication gelangen sollte. Auchunsere polnische Bevölkerung ist von Freuden überdies Ereigniß erfüllt, da auch sämmtliche Processeund Geldstrafen, die gegen mehrere hiesige Polenverhängt sind, gleichzeitig in Folge des Amnestiede-crets niedergeschlagen worden. Am Abend des Be-freiungstages illuminirten die Bürger der Stadtihre Häuser. Die ehemaligen Gefangenen, welchejetzt in den Schooß ihrer Familien und zu der ihnenwieder frei gegebenen bürgerlichen Wirksamkeit zu-rückkehren, sind sämmtlich noch so jung, daß keinerunter ihnen das dreißigste Jahr erreicht hat.
Berliner Briefe.
Zweites Päckchen.
1 . Der Weltkampf.
Die militairischcn Rüstungen in Frankreich habenhier zwar einen großen Eindruck gemacht, aber durch-aus keine Besorgnisse erregt. Unsere Staatsschuld-scheine behalten fortwährend ihren hohen Standpunktum einige Procente über Pari, was um so Lemer-kenswerther ist, als in diesem Augenblick eine Mil-lion durch'ö Loos gezogen und ohne Aufgeld zurückge-zahlt wird. Niemand denkt hier an einen allgemeinenKrieg. Die Gründe dazu sind gewichtig und mannig-faltig. Jeder hat das unbedingteste Zutrauen zu derMäßigung und Regiernngsweisheit unseres neuenMonarchen, der uns schon hinreichende Beweise ge-liefert hat, wie sehr er die öffentliche Meinung undihre Wünsche achtet. Man kann es aber wahrlichdem ruhigen Deutschen nicht zumuthen, daß er seinenhäuslichen Comfort, dessen er sich erst jetzt zu erfreuenbeginnt, plötzlich verlassen soll, um das Staatswohldes Großtürken zu befördern. Dann rechnet manauch eben so stark auf die Gewandtheit und Beson-nenheit des wiener Kabinets, das jetzt die Hauptzü-gel der orientalischen Frage in die Hände bekommenmuß, nachdem John Bull die ermüdeten Rosse dereuropäischen Politik, ohne Noth, ganz abgejagt hat.
Es giebt bei uns sogar Publkcistcn, die nicht ohneinnere Wahrscheinlichkeit behaupten, das Ganze seieigentlich eine feine diplomatische Malice des gewand-ten wiener Staatsmannes, der seine Kollegen ab-sichtlich mit ihrer Quadriga in einen politischen Kampfgeleitet hat, theils um sie dafür zu strafen, daß siefrüher auf seine Projekte nicht haben hören wollen,theils um den Ruhm sich zu erwerben, sie wiederherausgezogen zu haben. Endlich wird man doch auchbei den andern deutschen Bundesstaaten höflichst an-fragen, ob sie geneigt wären, für den Großtürkenzu kämpfen und ihre christlichen Länder für Heidenauf'S Spiel zu setzen? Wie die Antwort in Baiern,Baden und Würtemberg ausfallen wird, kann sichJeder wohl leicht denken. Bis jetzt hat bei uns inseinen Voraussetzungen Niemand eine Niederlage er-litten, als die preußische Staatszeitung. An demsel-ben Tage nämlich, als sie in ihren großen Spaltenaus Paris meldete, daß es bis jetzt an der Seinenur bei einem großen Wortgeschrei geblieben sei, trafdie Ordonanz über die Aushebung von 150,000 Mannhier ein. Dieser Umstand beweist aber auch sonnen-klar , wie wenig die Regierung, welche durch die Te-legraphen schon zwei Tage früher diese wichtige Nach-richt haben mußte, sich um die Sache bekümmert hat.Bleiben wir aber immer bei unserm germanischenPhlegma und lassen wir uns nicht aus unserer ange-bornen Ruhe reißen, so wird sich gewiß das bekannteSprichwort verwirklichen: cku sublim« rur rieliculsII n-^-u gu'uu pas.
2. Der geistliche Kampf.
Die preußischen Kirchenwirren haben durch dieEinsetzung des Herrn von Dnnin einen bedeutendenSchritt zu ihrer gänzlichen Beruhigung gemacht: obaber die Ruhe nur auf der Oberfläche zurückkehrenund der Groll im Innern fortwähren wird, kann unsnur die Zukunft lehren. Indessen auch letzterer wirdbei einer so weisen und wohlgemeinten Behandlungnach und nach verschwinden. Ueber den Geist und dieschöne Sprache der Einsetzungs-Cabinetsordre, inwelcher man den gewandten Styl einer hohen Personerkennen will, herrscht eine allgemeine freudige lle-berraschung. Es war nicht möglich, mit mehr Würde,als geschehen ist, zu handeln. Die Versuche, dierömische Hierarchie über den preußischen Thron zustellen, wie es im Mittelalter in Spanien und infast allen Staaten factisch der Fall war, wird beiuns sobald nicht wiederholt werden. Allein Romschläft nie und es hängt lediglich von der Regierungab, in ihrer geistigen Entwickelung nie abzulassenund stets höher und höher zu steigen, so daß ihr dierömische Curie wenigstens in ihrer jetzigen Organi-sation nie folgen kann. Artet aber die protestantischeReligion selbst aus und verläßt sie die Grundlage derfreien Forschung, und versenken sich ihre Priester inein vorherrschendes materielles Leben, dann ist esnicht mehr der Vatikan, der sie verdunkelt und ihreKraft lähmt.
3. Der industrielle Kampf.
Lebendig bewegt sich auch bei uns der commer-cielle Kampf. Seit Errichtung des deutschen Zoll-vereins haben unsere hiesigen Fabriken wenigstenseine vierfache Ausdehnung erhalten. Es giebt Fabriken,nach englischer Art eingerichtet , die täglich an tau-send Stück Cattune liefern. Alles ist Bewegung undThätigkeit. Jetzt nehmen die Eisenbahnen am meistendie öffentliche Aufmerksamkeit in Anspruch. Zu einer
baldigen Verbindung nach dem Rhein, Wien undHamburg haben wir die frohesten Aussichten. Dannwerden die Eisenbahnen nach Ost- und Westpreußen,sowie nach Posen an die Reihe kommen. Sind diesefertig, so hat Preußen ein beinahe vollkommenesEisenbahn-System, wodurch es nicht allein mitden Rheinprovinzen, sondern auch mit Oesterreichund Süddeutschland eng verbunden wird. Dieseschnellen und nicht mehr zu entbehren-den Communicatio ns mittel würden eintreffliches Retorsionsmitt el gegen Ruß-land, das uns noch immer hartherzigden Transitohandel nach China gegenalle Billigkeit versperrt, wenn der deutsche Zoll-verein den Transport aller russischen Waaren undPersonen auf den deutschen Bahnen streng verbietenmöchte. Wie Rußland von dem in Europa neu er-wachten öffentlichen Staatsleben, an dem es durch-aus keinen Theil nehmen will, immer enger und en-ger umkreiset wird, so wird es immer mehr von dereuropäischen Industrie, mit der es auch nicht im ent-ferntesten concurriren kann, blokirt. Wir glauben,es würde besser für seine Zukunft sorgen, wenn esmit beiden einen lcivlichen Frieden abschlösse, als siemit steigender Erbitterung zu bekämpfen.
4. Der Redactoren Kamps.
Unsere Zeitungsschreiber sind in der Regel sehrfriedlicher Natur, und etwanige Ausnahmen weisetschon die Censur in die gehörige Schranken, obgleichsie mehr die Ehre des Staats als der Mitbürger zuschützen bemüht zu sein scheint. Bei dem sichtbarenMangel an eigenen literarischen Fehden nehmen wirdesto lebhafteren Antheil au auswärtigen. Besondersinteressirt uns der Zweikampf zwischen dem Redacteurder Allgem. Zeitung Gustav Kolb und dem wie-ner Korrespondenten der Allgem. Leipziger Zeitung.Der erstere hat nämlich in neuerer Zeit die Unsittesich angewöhnt, seinen schwachen publicistischen Kopfmit seiner Faust zu unterstützen. Diesmal aber trafer einen Gegner, der seine öffentliche Herausforde-rung (die ihn bei uns schon bloß wegen Bereitwillig-keit zum Zweikampf auf einige Jahre nach dem Zucht-hause gebracht hätte) auch öffentlich annahm. UnsereLiteraten sind nun alte höchst neugierig, ob sie sichgeschlagen haben oder nicht, und möchten nun gernwissen, was daraus geworden ist. Ich kann ihreNeugierde befriedigen und ihnen sagen: daß nichtsdaraus geworden ist. Der Friede scheint zwischen deralten augsburger Base und der jungen Nichte inLeipzig wenigstens dem äußern Anscheine nach herge-stellt zu sein; indem erstere letztere jetzt citirt, wasfrüher nie der Fall war. Auch deutet eine Anmer-kung der alten Matrone, auf die wir gelegentlichnoch ausführlicher zurückkommen werden, ziemlichdeutlich' an, daß sie sich ganz auf ihr journalistischesGebiet, das sie nie hätte verlassen sollen, zurückge-zogen habe. So viel steht mithin mit hoher Wahr-scheinlichkeit fest, daß aus diesem Zweikampf ebenso wenig, als aus dem allgemeinen Weltkampf et-was werden wird. Noch unwahrscheinlicher aber istes, daß Wolfgang Menzel, der seit zwanzigJahren auf die Franzosen weivlich schimpft, ohne aufihre geschichtliche Entwickelung irgend eine billigeRücksicht zu nehmen, ein Regiment Freiwillige errich-ten wird, um das gute Schwabcnland, das ihn sogastlich aufgenommen hat, mit seinem Gut und Blutzu schützen. *8*