Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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598
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Ein italienischer Jnde war auch uns derCicerone für die Innerlichkeiten Algiers. Ichmachte seine Bekanntschaft schon am erstenAbende im Mondscheine auf der plncs äs 1si'LFence, el)e ich noch in die Oberstadt hinaus-gekommen war, und er erbot sich sogleich zumersten Pröbchen seiner Gassen-, Sitten- undManren-Kenntniß. Er bot sich nämlich zumFührer an in das Eingeweide der Oberstadt,und zwar in eine Spelunke freier maurischerMädchen. Ich bin aus dem Unterschiede nichtklug geworden, den man in Algier behauptetezwischen gemeinen Freudenmädchen und zwi-schen Mädchen, denen die Landessilte einenfreien Verkehr gestatte. Von letzterer Artsollten die sein, die er uns zeigen wolle. EinFranzose aus dem Dauphine, Namens La-monta, mit dem ich schon einige Zeit zusam-men reiste, und der mir alle französische Hu-manität angedeihen ließ, ging lebhaft ein aufden Vorschlag, auch weil wir das innere Algiersolcherweise unter romantischster Beleuchtungzum ersten Male betreten könnten. Romantischgenug war es. Durch finst're Bogengängetritt man ein, und man bemerkt es kaum, daßdie Bogengänge aufhören, denn die steil auf-steigenden Straßen sind so eng, daß oft nichtdrei Personen neben einander gehen können,und die Häuser drängen sich oberwärts nochenger zusammen, daß nicht Sonnen- nochMondesstrahl sich hinein findet. Das ist demKlima angemessen; der Maure rühmt sich derStraßen, in welche nicht Sonne noch Regendringe, und sieht höhnisch dem Franzosen zu,welcher unten leichtsinnig lichtet, europäischeHäuser baut, breite Landstraßen anlegt, stattder frühern Hohlwege. Nachts sind jene Stra-ßen der Oberstadt allerdings halsbrecherisch;aber wer baut Straßen für neugierige Fremd-linge? Von Zeit zu Zeit kommt eine Stufe,oder ein Mensch liegt im Wege, der sein Betthier aufgeschlagen hat; denn der wollene Lap-pen um seinen Leib ist ihm hinreichender Laken,der Erdboden hinreichendes Lager. Der Cice-rone rieth uns, nicht zu sprechen, und so kro-chen wir denn wie in endloser Höhle dahin,alles Rückweges unkundig und unmächtig, wennuns der Führer verließ. Todtschlag und Raubkam Jedem von uns zu Sinne; man war jedochin Algier selbst vor nichts Derartigem gewarntworden; ja ich erinnerte mich des Ausdrucks,den ich in Paris gehört: Im engsten Gedärmvon Algier sind Sie des Nachts sicherer, alsauf dem freien O-uai Voltaire in Paris. Diewahrscheinliche und epochenweis gewisse Ge-fahr beginnt vor den Thoren Algiers.

Vorhinein dieser sogenannten Häuser, die

nach außen alle blind und stumpf aussehen,und nur ein Paar Löcher, groß genug fürEulen, zeigen/blieb der Führer steh'n undklopfte. Man antwortet, man fragt, eineThür springt uns unvermuthet zur Seite auf,eine alte Mannn leuchtet uns eine enge Treppehinauf. Man weist uns in ein kleines, hellerleuchtetes Zimmerchen, was, meines Erin-nerns, auch nicht ein Guckloch für den Tages-schein besaß. Es stand ein Himmelbett darin,vor welchem auf Kissen ein Paar maurischehalbnackte Mädchen kauerten. Mit einem neu-gierigen Kichern empfingen sie uns, zeigtensich aber in keiner Weise auffordernd oder garzudringlich. Die eine war sehr jung und ziem-lich hübsch, ihre Haut war fein und klar gelb-weiß, ihre Beine bis an das Knie, ihre Armebis an die Schulter waren nackt, und der Ober-körper bis unter die Taille war nur mit einemdurchbrochenen Spitzenhemde bedeckt. Geld-münzen trug sie als Halsband. Die kleinen,feingeformten Hände und Füße, letztere mitPantöffelchen spielend, waren äußerst sauber,und an den Nageln gefärbt, wie man dies hierüberall findet. Unser Cicerone wurde vonihnen als Bediente in Anspruch genommen,mußte Cigarren besorgen, und die wunderlicheSchlauch-Wasserpfeife in Stand und Gangsetzen. Dies Instrument von Pferdehaarenmachte angezündet die Runde: die Garstigereichte es nach einigen Zügen der Hübschen,die Hübsche reichte es uns, bis es wieder zuden Mädchen zurückgekommen war. Wir zo-gen Cigarren vor, die hier von Spanien herso wohlseil und gut, wie sie in Frankreichtheuer und schlecht sind, und das hübsche Mäd-folgte unserm Beispiele. Sie rauchte tapferwie ein deutscher Student. Nach einem Blickeauf die ärmliche Hauseinrichtung, und nacheinigen Opfersranks, die auf irdenen Tellernniedergelegt wurden, überließen wir sie dieserBeschäftigung, und tappten wieder hinab durchdas Straßengcwinde, öfters strauchelnd überdie Straßenschläfer. Abwärts ist der Wegleichter, denn links oder rechts, gerade oderkrumm führt er immer nach dem Platze oderden beiden Straßen links und rechts, die nachdem Thore des Ostens und dem des Westensgeh'n.

(Beschluß folgt.)

*ch* Italiens politische und kom-merzielle Wichtigkeit.

Während man bemüht ist, die politischenund socialen Zustände fremder Welttheile und

heidnischer Völker zu ordnen, droht das Feuerin eigenem Hause auszubrechen. Italien ruhtauf einem politischen Vulkan, dessen innererBrennstoff noch immer zunimmt und täglich,wie schon mehrmals geschehen, zur hellenFlamme auszubrechen und das schöne Land vonneuem zu verwüsten droht.

Alle Völker Italiens sind von einem doppel-ten Wunsche beseelt: auf der einen Seite wün-schen sie innigst, ihre Nationalunabhängigkeitzu bewahren, auf der andern aber eben so sehn-lich, zu einem öffentlichen Staatsleben baldigstüberzugehen. Letzteres ist nicht mehr aufzuhal-ten, nachdem Frankreich und Spanien, dieihnen so nahe liegen, dies Ziel erreicht haben.Nur von der Weisheit der Cabinette wird esabhängen, ob diese Umwandlung, welche inallen italienischen Gemüthern schon längst voll-endet ist, sich friedlich entwickeln oder gewalt-sam ausbrechen wird. Je länger die Lösungdauert, desto schwerer wird hier, wie überall,die Aufgabe sein.

Zuerst müssen Oesterreich und Frankreich,als die am meisten interessirten großen Staatenfeierlichst erklären, daß sie nur bei der Constitui-rung ihre Rathschläge ertheilen, demnächst aberaller Einwirkung sich enthalten wollen. TretenOesterreich und Frankreich nicht auf diese Weisezurück, so werden die Franzosen in Italien immerdas Uebergewicht haben, weil ihnen oder viel-mehr ihrer Regierungsform die Sympathie derItaliener gesichert bleibt.

Will man nun ernstlich zur politischen Re-organisirung des schönen aber unglücklichenLandes schreiten, so müssen die ersten Bemü-hungen dahin gerichtet werden, die materielleBasis zu sichern. Sämmtliche italienische Staa-ten, mit Ausnahme der Lombardei, müssen un-ter sich einen gemeinschaftlichen Zoll-und Han-delsverein errichten. Diese neue italienischeHansa würde bei der Wohlhabenheit der Ein-wohner und Fruchtbarkeit des Bodens vongroßer Bedeutung werden.

Dieser erste Schritt, der aber ohne Zeit-verlust geschehen müßte, würde schon für sicheine finanzielle Centralverwaltung nach sichziehen, mithin auch den Weg zu einer freienpolitischen Constituirung Lahnen.

Es giebt aber zwei Gattungen eines öffent-lichen Staatslebens: ein direktes und ein indi-rektes. Erstere besteht in einer Nepräsentativ-Verfassung, welche die Regierung durch Ver-weigerung der Steuern und Verwerfung dervorgelegten Gesetze zu ihrem eignen Systemzwingt; die andere aber ist vornehmlich in derFreiheit der Presse, in der Oeffentlichkeit desGerichtsverfahrens und aller Regierungshand-