Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
Seite
599
JPEG-Download
 

571

lungen enthalten und übt mithin nur einen mo-ralischen, indirekten Zwang aus. Meistens sindLeide Systeme mit einander eng verbunden, ob-gleich sie auch getrennt bestehen können. Sosehen wir das neuere Griechenland im Besitzder vollsten Preßfreiheit ohne Repräsentativ-Verfassung, wahrend im Mittelalter alle deut-sche Staaten sehr umfassende ständische Verfas-sungen ohne Preßfreiheit und öffentliches Ge-richtsverfahren besaßen. Weil man den neuernVölkern gegen alles Recht und alle Billigkeitdas indirekte öffentliche Staatsleben verweigerthat, wurde ihr Verlangen desto entschiedenerund heftiger nach einer direkten Repräsentativ-Verfassung. Oft sind schon deshalb die trau-rigsten Revolutionen ausgebrochen, die ent-weder ganz vermieden worden wären, odernur in eine friedliche Reform sich verwandelthätten, wenn man nur die Offenheit und denMuth besessen hätte, den Völkern — gegenVerantwortlichkeit für den Mißbrauch — dieFreiheit der Presse zu gestatten. Letztere wirdin neuerer Zeit für einen so kostbaren und in-tegrirenden Theil eines rohen öffentlichenVolkslebens gehalten, daß der geistreiche säch-sische Abgeordnete von Watzd orf in dem öf-fentlichen Berichte an seine Committenten zwei-felhaft war, ob er nicht einem Staate mit derbloßen Wohlthat der Preßfreiheit den Vorzugvor einem Repräsentativ-Staate ohne dieselbegeben solle?

Mit der finanziellen Constituirung des ita-lienischen Staatenbundes müßte wenigstens dieEinführung eines indirekten öffentlichen Staats-lebens verbunden sein und mit Offenheit aus-geführt werden. Die Zeit der diplomatischenPerfidien ist längst vorüber. Wer mit der ei-nen Hand das untergräbt, was er mit der an-dern aufbaut, endet in der neuern Geschichteimmer damit, daß er sich selbst stürzt. Wirhaben davon so sprechende und zu Tage lie-gende Beweise selbst erlebt, daß es unnütz er-scheint , dieselben noch namentlich anzuführen.Triumphirend kann das neuere Europa aus-rufen, daß ihre Civilisation schon jetzt so weitfortgeschritten ist, daß nur Recht, Freiheit undAufklärung die Völker zu einem glücklichenZiele führen können.

Selbst für den Fall, daß das reine konsti-tutionelle Leben in Italien bei dem Beispielvon Frankreich und Spanien nicht mehr auf-zuhalten sein sollte, so ist es für Deutschlandnoch immer vortheilhaster, daß die italieni-schen Staaten einen unabhängigen freien Staa-tenbund unter sich bilden, als daß sie dieApanage eines fra n zösisch en Prin-zen werden. Dahin muß es aber bald kom-

men, wenn man noch fortwährend glaubt,daß diese lebhaften Völker mit den alten ge-heimen Formen zu regieren seien.

Oesterreich ist allerdings bei jeder Verän-derung in Italien am meisten interessirt, alleindas Unvermeidliche muß sich jeder Staat ge-fallen lassen. Indessen ist die Nachbarschafteines freien Staates nicht so gefährlich als esbei'm ersten Blick den Anschein hat. Je freierein Volk ist, desto unfähiger wird es zu Er-oberungen, weil es sich stets ernsthaft, gründ-lich und vielseitig berathet, bevor es sein er-rungenes Bürgerwohl auf's Spiel setzt. Au-ßerdem bietet Oesterreich der Lombardei so vielkommerzielle Vortheile dar, daß sich die wohl-habenden Bürgerclasfen wohl schwerlich nachliberalen Umwälzungen sehnen würden. Kämezu einem solchen materiellen Wohlstand nochdas unbedingte Auswanderungsrecht — wel-ches eigentlich kein Staat streitig machen darf— hinzu, so hätte der Kaiserstaat, der sichselbst immer mehr und mehr reformirt und mitden andern deutschen Staaten sich auszuglei-chen sucht, gewiß nichts zu befürchten.

Bei der Errichtung eines freien italieni-schen Staatenbundes würden aber auch alle an-dern auswärtigen Staaten nicht unbedeutendgewinnen. Zunächst würde dadurch das euro-päische Gleichgewicht nicht gestört werden undItalien in Verbindung mit Spanien ein Ge-gengewicht gegen Frankreich bilden können,wenn dasselbe gegen den Rhein vorschreitensollte. Die Mittelstaaten Europas handelndaher gegen ihr eigenes Interesse, wenn sieSpanien und Italien in ihrer Kraftentwicke-lung aufzuhalten streben. Die Venetianer er-kannten zuerst die Richtigkeit dieser diplomati-schen Marime der indirekten Einwirkung. Siegaben ihren Gesandten stets die Weisung: mitdem Nachbar sich gut, mit dem Nachbar desNachbars aber immer noch besser sich zu stellen.Der Zweck aller Diplomatie kann kein ande-rer sein, als seinem Vaterlands starken aus-wärtigen Einfluß zu verschaffen. Ob dies Zielauf aristokratischem oder demokratischem Wegeerreicht werden soll, hängt nicht von dem Wil-len der Gesandten, sondern lediglich von denUmständen, die sie geschickt benutzen müssen, ab.Abgesehen von dieser politischen Wichtigkeitwürde die freie Constituirung Italiens demAuslande die größten kommerziellen Vortheilegewähren. Rußland, Oesterreich und Preu-ßen würden daselbst einen guten Markt für ihrGetreide und England für seine Manufaktur- !Waaren finden.

England ist bei der neuen ConstituirungItaliens so sehr interessirt, daß zu erwarten

steht, daß eS dieselbe Politik, wie in Spanien,befolgen wird: die darin besteht, eher dieWünsche starker Völker, als ohnmächtiger Re-gierungen zu fördern.

Der neue Weg nach Ostindien, der wiederüber das mittelländische Meer geht, die NäheFrankreichs und Spaniens, der Fortschrittaller andern Nationen in einer nicht mehr zuhemmenden Umwandlung der alten Verhält-nisse und Regierungssormen, der eigene Wohl-stand und der starke Wille der Bewohner kannin Italien ohne bedeutende Folgen nicht blei-ben. Ob die unvermeidliche und baldige Ver-änderung auf friedlichem Wege, wie wir vonjeher gewünscht haben, eintreten wird, hängtlediglich von der Weisheit und Entschlossenheitderjenigen ab, welchen die Vorsehung die Lei-tung des Glückes der Völker anvertraut hat.

Tageszettel.

— * Auf der königlichen Bühne in Ber-lin kommt nächstens der Prinz von Hom-burg, von Heinrich von Kleist, zurAufführung. Die getroffene Besetzung ist sogut, daß man sich eine würdige Darstellungdieses echt dramatischen Meisterwerks verspre-chen kann. Eine Aufführung von Schiller'sWilhelm Tell, an die man ebenfalls ge-dacht hat, ist wieder auf's Ungewisse hin ver-schoben worden. Es scheint, daß die freiereBewegung des berliner Repertoirs und seineEntfesselung von früher üblichen Rücksichtennicht sogleich eintreten soll. *—

—* Bei den Festen, welche die Ritter-schaft in Berlin zur Huldigung veranstaltet,hat Friedrich Förster das artistische Ar-rangement der Tafel übernommen. *—

—* Die mythologischen Fresken Schin -kel's, welche seit langer Zeit für die Säu-lenhalle des berliner Museums bestimmt warenund von deren Entwürfen Bettina eine sobegeisterte (im Gartenwerk des Fürsten Pücklermitgetheilte) Schilderung gegeben, sollen jetztzur Ausführung kommen. Früher soll ihnennur das Bedenken der Geistlichkeit entgegenge-standen haben, welche die Darstellung mytho-logischer Nacktheiten in der Nähe einer christ-lichen Kirche (hier des Dom's) für anstößighielt. *—

—* Fürst Pückler, der zu den Huldi-gungsfesten in Berlin eingetroffen, ist leideno