Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
Seite
609
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den Vorhang des Hintergrunds aufziehen, da-mit jeder die Größe der Gefahr ermessen könnte.Dicke Rauch- und Feuerarme schlugen dem Pu-blikum entgegen und nun wandte sich plötzlichdas Lachen in erblassenden Schrecken und einvielstimmiger Schrei des Entsetzens entfuhr derBrust von Taufenden, die noch eben von Fröh-lichkeit bewegt wurden. Krampfhaft ergriff Je-der, was er in der Menge liebte und Allesstürzte den Ausgängen zu. Dieser aber warenfür die Größe des Theaters nur sehr wenigeund nur sehr langsam machten die Vordermän-ner den Hintermännern Platz. Desto rascheraber griffen die Flammen in den harzigen Tan-nenbrettern um sich, schwangen sich schnell vonCoulisse zu Coulisse und leckten bald in dennoch mit Menschen gefüllten Theater-Raumhinein.

Ein unglücklicher Zufall, dessen Verhü-tung vielen Kindern ihre Väter und Brüdererhalten hatte, war es, daß einer der großenThürflügel des Eingangs, die nach Innen zuaufgingen, in dem Gedränge unvorsichtig zu-geschlagen war und weder nach Außen hin,noch nach Innen zu, wo der Hintermann,zum Wahnsinn geängstigt, den Vordermanndrängte, weichen wollte. Es konnte daher inder ganzen Zeit der Noth nur die eine Halsteder Hauptthür zum Retten benutzt werden undder Zug der Geborgenen sich nur äußerst lang-sam hervorbewegen.

Draußen mochte man auch mehr zusam-menlaufen, um die brennende Bretterbudezum Spaße anzusehen, als um zu retten undder Rettungseifer mochte daher Anfangs lausein. Denn wer versieht sich gleich auf demPlatze der Lustigkeit eines so argen Strafge-richts. Man lauft rasch in eine solche Budehinein. Wenn sie brennt, was ift's? so läuftman rasch wieder hinaus. Der wahre Schre-cken überfiel die Anderen erst, als sie das End-Nesultat dieses Spaßes erfuhren.

Die drinnen verlebten unterdeß einige Mo-mente, die so mit Angst und Noth gefüllt wa-ren, wie sonst Jahre kaum. Brust an Brustgepreßt erschwerten sie sich einander das Ath-men. Vergebens schrien die Hintermänner denVordern ihr wahnsinniges „Vorwärts" zu.Das Ganze stockte und stickte und die gierigeFlamme winkte schon drohend über ihren Häup-tern. Nur schwache dünne Bretter trennten sievon den freien heiteren Räumen, wo die Luftnoch lebendig thronte. Nur noch ein Paar Au-genblicke mehr Zeit, so könnten sie ihren schwa-chen Kerker wohl mit'den Händen und Zäh-nen zerreißen. Die Phantasie wagt sich nichtzu erheben zur Anschauung der Jammer-undGreuel-Scenen, die in diesen wenigen Mo-

menten mitten unter dieser stickenden und mitdem Tode ringenden Menschenmasse sich raschauf einander folgen mußten und nur eine Fe-der, die aus dem Aschenhaufen erstände, ver-möchte treu die Begebenheiten zu schildern, beidenen tausend Lebens-Saiten aus der größtenEntspannung der Lust plötzlich zum höchstenGrade der Angst und des Entsetzens gespannt,mit einem Male zerrissen.

Man kann sich denken, daß endlich dochauch die draußen auf der Straße allmälig innewurden, daß die Sache kein Scherz sei. DieSchreckenspost lief bald durch die Stadt, dasTheater Lehmann's brenne, und Tausende vonMitbürgern kämpften darin mit dem Tode.Da ergriff Alle die Angj^, es könne auch einesihrer theuern Häupter unter den Unglücklichensein. Man muß sich von den einzelnen Fami-lien die Scenen des Schreckens, des rührendenWiederfindens oder der furchtbaren Verzweif-^lung beschreiben lassen, um zu begreifen, inwelche Verwirrung Petersburg gerieth. Alsder Kaiser alsbald auf die erste Kunde desBrandes von seinem gegenüberliegenden Win-terpalais herbeieilte, liefen ihm Frauen entge-gen und schrien: „Herr rette! rette! MeinSohn ist darunter!" — „Rette, rette! MeinGemahl ging auch hinein." —- „ Ach und meinBruder kam noch nicht heraus." — „Seid ru-hig, Kinder," antwortete der Kaiser, „ichwerde retten, was ich vermcn;." —

Die Polizei wollte Anfangs keine Privat-leute zur Rettung zulassen, um die Leitungderselben selbst zu übernehmen. Dennoch ge-lang es, als die Flamme überhand nahm, ei-nem Kaufmann, mit einem aufgegriffenenSpaten auf der einen Seite des Theaters einBrett loszubrechen und durch diese Oeffnungnoch 60 Halberstickte aus der Narrenhölle her-vorzuholen, was es mit großer eigener Ge-fahr bewerkstelligte. Der Ehrenmann wurdefür diese eines Bürgers würdige That späterauf eine eines Kaisers würdige Weise von Ni-kolaus belohnt. Er bekam einen Orden und,da er arm war, eine Pension von 2000 Rubeln.

Als der Brand vorbei war, die Flammeund das Leben drinnen ruhte und Alles in ei-nem halb und ganz verbrannten und verkohl-ten Haufen dalag, machte man sich an das be-trübte Geschäft, die Todten hervorzuziehen.Der Anblick soll über alle Begriffe schreckhaftund schmählich gewesen sein, als sich nach Weg-räumung der zusammengestürzten Balken undBäume allmälig die Haufen der Erstickten zeig-ten. Man zog sie mit langen Haken hervor,wie die Brode aus einem Backofen. EinigeLeichname waren ganz verkohlt, einige nurangebrannt, viele nur mit versengtem Haupt-

haar. Viele waren bei gebrochenem Auge,Lei abgesengten Locken und schwarz verbrann-tem Angesichts mit den bunten Tüchern undGewändern des Festtags geschmückt, welche dieFlamme des dichten Gedränges wegen verschonthatte. Da, wo ein Theil des Gebäudes nochaufrecht stand, fand man auch die dicht ge-drängten Haufen der Todten noch aufrecht ne-ben einander stehen wie ein Heer von Schattenaus der Unterwelt. Ein Frauenzimmer warnoch mit dem Haupte über die Galerie geneigt,Hand und Taschentuch mit verbrannten Zipfeln^ vor dem Gesichte. Ein Herr, der diese Todten-^ Ausräumung mit angesehen, sagte mir, er! habe drei Tage hindurch keine Speise mehr an-rühren können, so greuliche Bilder hätten ihnnachher beständig verfolgt. Und eine Dame,die auch von weitem einen Blick hineingethan,

^ wäre bald über die ungeheuere Gemüthsbewe-! gung, die ihr der Anblick zuzog, wahnsinnig! geworden. Sie redete noch mehrere Tage nach-her im Schlafen und Wachen irre. —

Die Zahl der Umgekommenen wurde da-mals in den Zeitungen zu 300 angegeben.Doch soll sie bei weitem größer gewesen sein.Ein Herr sagte mir, er allein habe mit eigenenAugen 50 Wagen gezählt, von denen jedermit 10 bis 15 Leichen beladen gewesen. Vielebrachte man noch wieder ins Leben zurück.

' Doch starben auch noch Manche in den Hospi-tälern. Einen kleinen Jungen fand man nochfrisch und gesund unter einer Bank sitzen, un-^ ter die er sich verkrochen hatte, als die zusam-> menstürzenden Brennstoffe anfingen, auf die! Köpfe der Eingeschlossenen herabzufallen. Die^ über seine Bank hinfallenden Leichen und Bal-! ken legten sich so geschickt zusammen, daß sieein schützendes Dach bildeten, unter dem derKleine es still abwartete, bis man ihn hervor-zog. — Am folgenden Tage las man für diearmen verschiedenen Seelen, welche nicht mehrhatten beten können, auf dem Platze dieserGreuelscenen ein öffentliches Gebet. —

Eindrücke von Algier.

Von Heinrich Laube.

(Beschluß.)

-Am Morgen nach unsirer Rückkehr

— Algier war schon Heimath neben der Be-duinenfremde — weckte uns Kanonendonnervorn Hafen herauf, und wir sahen alle Schiffemit Flaggen bedeckt von unten bis oben. DasDampfboot, was den Herzog von Orleanstrug, war im Gesichtskreise der Bai erschienen,Soldatenreihen stellten sich auf vorn Hasenzum Regentschaftsplatze, Marschall Vallle, ein