Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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608
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Jener Umstand beweist nichts; die Ver-hältnisse nöthigten ihn, Alles vereinte sich, ihnzu dem Duell zu zwingen.

„Nun, dann wollen auch wir Alles ver-einigen, ihn zu bekehren, d. h. fröhlich zu ma-chen. Bringen Sie ihn mir nur so bald alsmöglich; es ist mir auch der Nichte wegen lieb,wenn wir einige Gesellschaft hier haben: dennein achtzehnjähriges Mädchen verlangt mehrzur Unterhaltung, als einen Graukopf, wiemich, oder meine Schwester, die blos verstän-dig, aber nicht empfindsam sein kann. UndBerg und Wald, Garten und blauer Weihersind doch immer auch nur eine stumme Gesell-schaft, die nicht jedem genügt."

Der Alte schwatzte noch viel, und beschloßsogar, einige der obern öden Gemächer desHauses, wo Staub und Spinnweben seit denZeiten der Reformation in guter Ruhe ein Un-terkommen gehabt hatten, zur Bequemlichkeitder neuen Gaste in wohnlichen Stand setzenzu lassen. —

(Fortsetzung folgt.)

Der Brand des hölzernen Theaters inPetersburg.

Von I. G. Kohl.

Die Eisberge, deren in den festlichenOsterwochen in Petersburg eine große Anzahlaufgehäuft sind, gewähren dem Fremden dasneuste Schauspiel, sowie dem Volke das meisteVergnügen. Die Barrieren, welche sich anihren Bahnen hinziehen, sind immer von dich-ten Zuschauerhaufen besetzt, wie die Bahnenselbst von Acteurs. Den Fuß des Gerüstesumschwirren eine Menge Leute mit kleinen nie-drigen Schlitten ohne Lehne, die sie, zu einerFahrt einladend, den Vorübergehenden fastunter die Füße schieben. So wie Du nur Ei-nem einen beifälligen Wink giebst, springt ermit Dir die Treppe hinauf; Du arrangirstDich auf dem schmalen Schlittchen so gut Dukannst. Der Schlittenführer schwingt sich hin-ten auf und sausend stürzt Ihr Euch die Höheherab. Der Schwung, den man vom erstensteilen Absturz erhält, wirkt so stark nach, daßman ins Unendliche stiegen würde, wenn nichtam Ende der Bahn noch Sand und Asche ge-streut wäre, der dann die schon schwächer sichbewegenden Schlitten völlig hemmt. Die Schlit-tenführer haben starke lederne Handschuhe anden Händen, die sie über den Boden Hinschlei-fen lassen. Bald drücken sie damit rechts, baldlinks, um den Lauf des Schlittens zu lenkenund kleine Unregelmäßigkeiten darin zu cor-rigiren. — Um Mittag, wenn der Zudrang

recht groß ist, geht es wie aus einem Leucht-kugeltopfe. Ein Schlitten zischt hinter dem an-dern her. Dabei können allerlei kleine Mal-heurs nicht immer vermieden werden. Seltenpassirt ein großes, und jene, nur für einePerson ein bischen ärgerlich, sind für Tausendeamüsant. Der mit einer russischen Kaufmanns-frau beladene Schlitten schießt natürlich schnel-ler herab als der, auf den nur des Versuchswegen sich ein mageres junges elegantes Herr-chen gesetzt hat. Da giebt es denn nun oftgar spaßhafte Enterungen; besonders am Endeder Bahn im Sande, wo vielleicht ein jungesMädchen, die heute zum ersten Male fuhr,halb todt vor Schrecken, sich noch so schnellnicht erheben konnte, als schon ein flinker flot-ter Bursche mit gespreizten Beinen angesegeltkam, und so purzelt denn manchmal ein gan-zes Knäuel von Menschen und Schlitten in denSchnee. —

Equilibristische Künste auf der Bahn zuzeigen, ist eigentlich verboten und die Poli-zei sieht wegen der damit verbundenen Gefahrdarauf, daß man nur auf den gewöhnlichenSchlitten und mit den dazu bestellten Schlit-tenfahrern hinabgleite. Allein zuweilen wis-sen doch tolle Burschen, die Geschmack amHalsbrechen finden, sich durchzuschleichen undirgend ein Kunststück auszuführen. Der Einelegt sich, so lang er ist, auf den Schlitten,schließt die Augen und fährt mit verschränk-ten Armen so nonchalant in die Tiefe, alsthäte er's im Schlafe. Ein Anderer legt sichmit dem Kopf nach vorn, schneidet den Zu-schauern ein Gesicht und stürzt sich herunter,als thäte er es aus Verzweiflung, kopfüberin einen Abgrund. Zuweilen sogar fahren Ei-nige stehends auf Schlittschuhen herunter, kom-men wie Pfeile auf dem Ende der Bahn anund haben sich längst unter die Menge verlo-ren, wenn die Polizei ihnen ü'achläuft. Daßdies Rutschen kein gentiles Vergnügen ist, ver-steht sich wohl von selbst. Ausgenommen dieDamen, welche sich über den dicken Frauen derrussischen Kaufleute erhaben fühlen, versuchtes aber doch ein Mal alle Welt. Die Englän-der, die nichts unversucht lassen, am häu-figsten.

So äußerst amüsant es mir war, mich aufdiesem Theater der Katscheli, wo ein so Le-quemlich weiter Platz wie der Admiralitäts-Platz, die Bühne, und Paläste, wie das Win-terpalais, der Senat, das Kriegsministeriumu. s. w., die Coulissen, und viele Tausendevon Menschen die Acteurs, bei einem heiterenschönen Mittage — ein bischen Kälte ist dabeinicht unangenehm, sogar nothwendig, weilviele Vergnügungen darauf berechnet sind —

ein wenig umher zu flankiren, so höchst schmerz-lich ist doch die Idee, daß selbst diese Scenenausgelassenster Lustigkeit nicht ohne Intermez-zos der allertragischsten Natur waren. DieChroniken der Butterwochen-Katschelis zählenblos in der neusten Zeit zwei der betrübtestenVorfälle, welche ihre Freude störten. Der eine,wo das Wasser dazwischen trat und manchenHarlequin zu den Fischen gesellte. Der andere,wo die aufs Land sich Rettenden dem Vulkanin den Weg liefen, der mit einem flammen-den Anhauch ein halbes Publicum zum Erebossandte. Was die Newa verschlang, ist schonetwas langer begraben und vergessen, das An-denken des brennenden Holztheaters noch frischund wird bei jeden Katscheli's durch schrecklicheErzählungen wieder erneuert. Ich muß geste-hen, daß diese Erzählungen mich immer mitbesonderem Schauder und Schmerz erregten.Auf dem Kampfplätze mögen Tausende sterben,wir betrauern sie, aber ihr Tod erfüllt unsnicht mit Grauen, denn sie sielen ehrlich undbei einer ruhmvollen Anstrengung. Auf demKrankenbette mögen Hunderte enden, wir be-weinen sie, doch es ist der Lauf der Natur.Aber daß tausend Menschen so im Vorbeige-hen gelegentlich beim Scherze mitten im toll-sten Narrenspiel in einer lumpichten hölzernenHarlequins-Bude ihre ganze irdische Eristenz,diese große schöne Welt, und alle ihre Pläneund Hoffnungen einbüßen, das hat etwasGrauenhaftes. Denn es erinnert allzukraß andie schwachen Fundamente, auf denen unserDasein gestützt ist. Es ist dies der Tod derRatzen und Mäuse, die im brennenden Stroh-haufen ersticken. —

Die hölzernen Theater der Kat-scheli sind zum Theil sehr groß. Eins davonzeichnet sich gewöhnlich durch seine Größe vorallen aus und kann in Betracht dessen, daß esnur eine hölzerne Bude ist, ein Riesenbau ge-nannt werden. Es ist sehr hoch und hat wiedie steinernen Theater mehrere Galerien undRänge und soll 4000 Menschen fassen können.Dies Theater war es nun eben, was damalshinter den Coulissen Feuer fing. Es war ge-rade bei einer Feuerwerk- und Beleuchtungs-Scene. Die Zuschauer hielten Anfangs diedurch die schnell auflodernde Flamme entstan-dene Beleuchtung für prächtig und beklatschtendie Illumination. Da stürzte mit allen Anzei-chen des Schreckens der Bajazzo hervor undrief: „Wir brennen, wir brennen! rette sich,wer kann!" Das ganze Publicum lachte lautauf über den vom Bajazzo, wie es meinte,trefflich fingirten Schrecken. Darauf ließ derTheater-Director, weil Niemand mehr in denjubelnden Lärm hineinsprechen konnte, rasch