Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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611
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unsern mühsam errungenen Wohlstand unter-graben? ist auch bei uns die Tagesfrage, dieJeder an sich und an seine politischen Freundewiederholt und ernstlich stellt. In dem Zu-trauen zu unserm neuen Herrscher liegt haupt-sächlich der Grund, daß die so sehr drohendeLage der Gegenwart bis jetzt bei uns nicht sogroßes Unglück im Handel und Verkehr her-vorgebracht hat. Diese zuversichtliche Hoff-nung, die alle aufrichtige Freunde des Vater-landes durchgingt, wird auch durch gewich-tige Thatsachen unterstützt. Zu der allgemeinenEntlassung der Kriegsreserve kommt noch dervor einigen Wochen stattgefundene öffentlicheVerkauf der alten Cavalerie-Pferde, worun-ter noch so brauchbare waren, daß sie bis zufünfzig Thaler, obgleich der Winter vorderThüre ist, willig bezahlt wurden. Auch wirdjetzt eine allgemeine Reduktion der Armee eifrigbesprochen und untersucht, ein Umstand, deroffenbar beweist, daß die besonnene preußischeRegierung ihre Friedens-Ansichten nicht imentferntesten geändert hat. Nach dem neuernSysteme sollen künftig die Escadrons der Ca-valerie statt 120 nur 70 Mann hallen und Leiden jährlichen Manövres durch die in die Linieeintretende Landwehrcavalerie ergänzt werden.In gleicher Art soll es mit der Infanterie ge-halten werden. Hiernach würde die Landwehrals selbstständige Militair-Organisation ganzaufhören / wodurch die bedeutenden Gehalte derstehenden Cadres aufhören würden. Ohne denmilitairischen Werth dieser Maßregel zu unter-suchen, eine Aufgabe, die unsere Kräfte weitübersteigen würde, beweist die fortgesetzte Be-rathung derselben doch offenbar, daß man inenger Verbindung mit Oesterreich den Friedenfür Deutschland aufrecht zuhalten, fortwäh-rend entschlossen ist.

2 .

Die kommerziellen Conferenzen u.die Runk elrüben - Zuckerfabriken.

Die Deputirten zu den kaufmännischen Be-rathungen unter dem Vorsitz des Staatsmini-sters von S ch ö n, welcher seil langer Zeit demGang des Handels in Ost- und Westpreußenseine unausgesetzte Sorgfalt gewidmet hat, sindhier bereits eingetroffen. In erster Reihe käm-pfen die stett i ner K aufkeilte, die muthi-gen Vertheidiger der Eisenbahnen und unver-söhnlichen Gegner des Sundzolles und hoffenmit Zuversicht, daß der mit Holland geschlos-sene Handelsvertrag gekündigt und aufgehobenwerden wird. Auf jeden Fall wird man ihregewichtigen mit Freimüthigkeit vorgetragenenGründe in genaue Erwägung ziehen lind mil-der objektiven Sachlage ohne subjektive Recht-

haberei folgen. Die gewöhnliche Erscheinungder frühern Zeit, wo man bei einer einmalgetroffenen Maßregel nur deshalb beharrte,um sich keine Dementi zu geben, dürfte sichunter der neuen selbstständigen Regierung, de-ren Grundsatz es ist: alle Stimmen zu hören,wohl nicht mehr erneuern. Hätte man gleichAnfangs diese Grundsätze befolgt und Sach-verständige zu den Berathungen zugezogen, sowäre wahrscheinlich der Vertrag mit Hollandgar nicht zu Stande gekommen, da die Stet-tiner gleich auf das erste Gerücht, aber leiderzu spät, um Gehör baten. Indessen ist es nochZeit, alles wieder gut zu machen, da bis jetztunsere Runkelrüben-Zuckenfabriken noch nichtganz gestürzt sind und sich im Magdeburgischenwie in Altpreußen noch immer halten. DieserIndustrie-Zweig fängt Lei uns schon an, vongroßer Bedeutung zu werden und verspricht be-sonders den Ostsee-Provinzen theilweisen Ersatzfür den Mangel an Handelsverkehr nach demAuslande. Diese früher so blühenden Gegen-den, die eine so traurige Erfahrungszeit ge-habt haben, widmen jetzt ihren hauptsächli-chen Fleiß dem Landbau und hallen sich durchdie neuesten Getreidepreise etwas erholt, ob-wohl sie noch immer weit entfernt von demfrühern Glänze sind.

3.

Der preußische Getreidehandel nachRußland.

In direkte Handelsverbindungen mit Ruß-land lassen sich die altpreußischen Kaufleute inder Regel nicht ein und ziehen es lieber vor,für Rechnung von Hamburg, Amsterdam oderEngland dahin zu verladen. Dieser Grundsatz,den sie in neuer Zeit selten verließen, hat vonihnen bei der neuesten Ausfuhr nach Rußlandgroßen Nachtheil abgewendet. Als die Ge-treide - Schiffe, welche mit großer Eile befrach-tet worden waren, in Petersburg und in denandern russischen Häfen ankamen, waren nochkeine Magazine zur Unterbringung solcher gro-ßen Vorräthe errichtet worden, weshalb mansich genöthigt sah, zu einem verhältnismäßiggeringeren Preise, als man gehofft hatte, zuverkaufen. Der Verlust fiel aber nicht auf dieOstsee-Provinzen, sondern auf die reichen eng-lischen oder holländischen Spekulanten, die ihneher als unsere armen Mitbürger verschmerzenkönnen.

4.

Wahrscheinliche Veränderung der

Redaction der Staats zeitung.

Die preußische Regierung fühlt, besondersseit den Kirchenwirren, die stets steigende Wich-tigkeit der periodischen Presse in Deutschland.

Man will derselben ein Gegengewicht entge-gensetzen und scheint entschlossen, die Staats-zeitung zum Kampfplatz sich zu wählen. Die-selbe soll an das Ministerium des Innern undder Polizei übergehen und eine neue Redactionerhalten. Wir können diesem Plane, selbst imSinne der Regierung, unsere Billigung nichtertheilen. Das beste Mittel, die Macht derPresse, welche nur auf dem gesunden Verstandder Leser basirt ist, mithin keine materielle,sondern nur eine rein geistige Basis hat, zuvernichten oder wenigstens unschädlich zu ma-chen, besteht unstreitig darin, daß man einefreisinnige Stellung wählt und für die strengsteVerwirklichung des Vernunftsrechts, ohne An-sehen der Person, unablässig sorgt. Jede Op-position und mithin auch die der Presse hatnur dann Macht, wenn sie auf Verletzungendes natürlichen oder positiven Rechts fußenkann. Es war daher im tiefen Gefühl einersolchen Wahrheit, daß O'Connell begeistertausrief: „Lasset Irland Gerechtigkeit wider-fahren und sofort ist meine Macht vernichtet."

Demnächst scheint es auch angemessen zusein, daß die Regierung stets eine höhere Stel-lung als die Parteien nehme, oder wenigstensnicht von Amtswegen auf ihre Arena herunter-steige. Frankreich, England und Oesterreichhaben auch ofstcielle Zeitungen, aber niemals, wird in diesen den Parteien entgegnet; sondernimmer unter der Hand, in Privatzeitschriften,auf welche auch alle publicistische Widerlegun-gen zurückfallen. Eine officielle Zeitung darf,unserer Meinung nach, nur zur Berichtigungfalscher Thatsachen verwendet werden. Willman der Staatszeitung mehr Gediegenheit undHaltung geben, so sorge man für mehr wis-senschaftliche Artikel und theile namentlichdarin alle Gesetzentwürfe zur öffentlichen Be-urtheilung mit, denn es ist immer besser, wenndie Gesetze in ihrem Entstehen, wo sie nochabgeändert werden können, als nach ihrer Voll-ziehung von der Presse geprüft und angegriffenwerden. Auch könnte die Staatszeitung alserste Controls gegen die Handlungen der nie-dern Beamten und zu Anfragen von Seitender Staatsangehörigen in allen Fächern derAdministration nützlicher verwendrt werden,als zu publicistischen Klopfsechtereien, die nie-mals einer edlen Regierung würdig sind. Hältman dieselben zur Vertheidigung der eigenenStellung für durchaus nothwendig, so führeman sie, wie gesagt, nicht im eigenen, son-dern im fremden Namen.

Die Staatszeitung wird jetzt, besonderswas das Ausland betrifft, mit Gründlichkeitund redlicher Umsicht redigirt und Herr Ar-n old, den wir übrigens nicht einmal persön-