Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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612
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lich kennen, braucht den Vergleich mit frühernRedactionen nicht zu scheuen. Sein neuestesBuch — Umrisse und Studien zu derGeschichte der Menschheit — beweisthinreichend, wie aufrichtig er es mit seinemBeruf meint und welche ausgebreitete theoreti-sche Kenntnisse ihm zu Gebote stehen. Hattederselbe eine ganz unabhängige Stellung undfrüher Gelegenheit gehabt, aus eigener An-schauung die praktische Verwirkli-chung des Rechts in der Justiz oderin der Civil-Verwaltung gründlichkennen zu lernen; so zweifeln wir dannkeinen Augenblick, daß er berufen sein würde,eine der ersten Stellen unter den PublicistenDeutschlands einzunehmen. Hierin mag auchder Grund wohl liegen, daß er die neuernfranzösischen Zustande viel zu flüchtig und ein-seitig aufgefaßt und weder auf die unglücklichedespotische Entwicklung ihrer Geschichte, nochauf die zahlreichen Intriguen des In- undAuslandes billige Rücksicht genommen hat.

Dessen ungeachtet halten wir ihn für einenausgezeichneten tiefdenkenden Publicisten, des-sen Werk Niemand ohne Belehrung aus derHand legen und seinem politischen Glaubens-bekenntnisse Jeder freudig beitreten wird. „Ha-ben wir bisher — sagt er wörtlich am Schlüssedes dritten Capitels—- die Wahrheit inErkenntniß und That, als die Aufgabe derMenschheit erkannt; haben wir sodann dasWesen des Menschen betrachtet und erse-hen, wie diese sich zu der Wahrheit verhalt;haben wir hierauf den Staat als das Mittelbegriffen, durch welches allein der Mensch,seiner Erfähigung nach, der Wahrheit — Tu-gend, Recht, Bildung — möglichst sich annä-hern kann: so tritt uns endlich die Geschichteentgegen, welche offenbart, wie sich die Men-schen durch den Staats-Verein immer mehrentfaltet und der Wahrheit als ihrer Bestim-mung sich genähert haben" *).

5 .

Die preußische Provinzial- Censur

und die stettiner Börsennach-richten.

Man war früher der Meinung, daß dieCensur in der Hauptstadt strenger als in denProvinzen sei. Jetzt scheint aber das umge-kehrte Verhältniß eingetreten zu sein. Wenig-

*) Sollte Herr Arnold, was wir in keiner Artwünschen, von der Redaction der Staatszeitung wirk-lich zurücktreten, so erinnern wir ihn an das in sei-nem Buche gegebene Versprechen: Plato'S Werkeauf eine populaire Weise zu bearbeiten.6r scheint uns ganz der Mann dazu, diese Aufgabe,ohne einer widerlichen Flachheit zu verfallen, glück-lich zu lösen.

stens mag mancher Provinzialredacteur nichteben auf Rosen gebettet sein. In der übelstenLage befindet sich wohl Hr. A. Altvater,Redacteur der Börsen - Nachrichten derOstsee, allgemeines Journal für Schifffahrt,Handel und Industrie jeder Art — welchesseit einigen Jahren in Stettin erscheint undallein in den Provinzen Pommern, Altpreußenund Posen tausend Abonnenten hat.Der fleißige und freisinnige Redacteur segeltelange Zeit mit gutem Winde und derSuper -cargo der Censurbehörde war wohlwollendund nachsichtig. Das schöne Wetter hatte zulange gedauert, es folgte ein heftiger Sturmund eine kolossale Bee, um in der Seemanns-Sprache zureden, hätte beinahe den literari-schen Zweimaster umgeworfen und den kühnenSteuermann vorn Verdeck herabgespült. Alleinein Pommer hält in der Regel fest, was erin Händen hat und verläßt, am allerwenigstenwenn es stürmt, das Steuerruder.

Die Veranlassung zu diesem anhaltendenCensursturm war folgende. Der Redacteurbesprach eine allgemeine in Deutschland ^ ge-wünschte Verbesserung, die mit dem Gedeihendes Handels in dem innigsten Zusammenhangesteht. Daß dieselbe sehr unschuldiger undfriedlicher Natur ist, geht schon hinreichenddaraus hervor, daß die allgemeine Augsbur-ger Zeitung mehrere Artikel darüber gelieferthat. Allein er hatte das Unglück, mit That-sachen und mit pommerscher Aufrichtigkeit auf-zutreten. Dies nahm eine hohe preußische Be-hörde, — die wir nicht öffentlich nennen wol-len, weil sie sich wirklich unsterbliche Verdiensteum die Civilisation Preußens erworben hatund wir sie auch nicht vor Deutschland für diemomentane Laune eines Decernenten verant-wortlich machen wollen — sehr übel und ver-klagte ihn bei den Ministerien. Zu seinemgroßen Schrecken erhielt er ein von drei Mi-nistern unterzeichnetes Rescript, in welchemihm sein Verfahren verwiesen und er in dieihm gesetzten Schranken zurückgeführt wurde.Von dem Schreck erholte er sich für seine Per-son gar bald; allein der Censor war vonStunde an ein ganz anderer Mensch geworden.Aengstlichkeit trat an die Stelle der früherenFreisinnigkeit. Er verlangte unter andern, daßihm das Blatt oder das Manuskript 12 Stun-den vor dem Erscheinen vorgelegt werden sollte.Von Politik und über die Verwaltung zu spre-chen , ward dem Redacteur gänzlich untersagt.Nun frage sich jeder deutsche Censor selbstaufrichtig, ob es möglich ist, ohne alle seineAbonnenten in dem ersten Jahre zu verlieren,alle diese Bedingungen zu erfüllen? Wennbei einem kaufmännischen Blatte eine einzige

Stunde der Coursbericht zu spät geliefert wird,ist bei der Kaufmannschaft auf immer allesZutrauen verloren. Ferner hängen Handelund Industrie mit der Politik und ihren neue-sten Entwickelungen nicht innig zusammen?Hat nicht schon jetzt der deutsche Zollvereineine viel wichtigere politische als kommerzielleBedeutung, die er anfangs gar nicht beson-ders im Auge gehabt hatte. Das Verbot, nichtüber die Verwaltung sprechen zu dürfen, istsowohl in rechtlicher, als staatswirthschaft-licher Hinsicht völlig ungerechtfertigt. KeinBeamtenstand der Welt darf ein solches Vor-recht genießen, am allerwenigsten der preußi-sche, dessen in jüngster Zeit abgeschlossene Han-delsverträge, weder die Probe der Wissenschaft,noch der Praris siegreich bestanden haben.Solche Debatten, welche am meisten zur Ent-wickelung des National-Reichthums beitragen,müßten eigentlich von Amtswegen, wenn siesich nicht von selbst einsenden, hervorgerufenwerden.

Herr Altvater kam nun nach Berlin mitdem Vorsätze, Erkundigung über das Verhal-ten der hiesigen Censur gegen die periodischePresse einzuziehen, und damit seine Beschwer-den näher begründen zu können. Als ihmvon besonnenen Publicisten Lemerklich gemachtwurde, daß er mit seiner Jmmediat-Vor-stellung noch anstehen und dem neuen Herr-scher, der für die Presse durchgreifende Er-leichterungen einzuführen und derselben Selbst-ständigkeit und Würde zu verleihen fest ent-schlossen sei, in diesem Augenblicke eine kost-bare Zeit nicht rauben möge, reiste er sofortnach Stettin wieder zurück, um seinem Berufsich von neuem gewissenhaft zu widmen.

Herr Altvater hat uns weder erlaubt,noch verboten, seine Verhältnisse zur Provin-zialcensur öffentlich mitzutheilen; wir glaub-ten aber im Interesse der ganzen deutschenPresse es thun zu müssen, um namentlich dar-auf aufmerksam zu machen, wie die Censurungleich wirkt und auch wirken muß, weil sienicht von einem Princip ausgeht, sondernlediglich von der Person abhängt. Ist es nichttraurig, daß in Preußen, wo jeder Schmugg-ler und Defraudant auf gerichtliches Verfah-ren provociren kann, ein Schriftsteller von einersolchen Wohlthat gänzlich ausgeschlossen bleibt?

Schließlich müssen wir jedoch zum Lobeder preußischen Behörden noch hinzufügen, daßsie ihm das Recht der Remedur und des Re-kurses in allen einzelnen Fällen nachgelassen,auch nicht gesucht haben, auf andern Wegen,wie durch Postverbote, sein Eigenthum zu- untergraben und zu vernichten.

Berlin, den 14 . Oct. 1840 .