Band 
1840, Juli-Dezember.
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Seite
621
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Bon dieser Zeitschrifterscheinen wöchentlich2 Nummern oder2 Druckbogen. AlleZusendungen werdenmit der Bezeichnung:

„An die Reda-ction des Piloten"unter Adresse derBuchhandlungE. F. Steinacker inLeipzig erbeten.

Allgemeine Revue der einheimischen und ausländischen

Literatur- «nv Völkerzirstäu-e.

Herausgegeben von der Redaction-es Freihafens.

Man abonnirtaufdenPiloten für den jährli-chen PränumerationS-PreiS von 8 Thlr.,halbj. mit 4 Thlr.,viertelj. mit 2 Thlr.Pr. Cour. bei allenwohllöbl. Postämternwie in jeder solidenBuchhandlung. Inse-rate werden gegen Ver-gütung von l Gr. fürdie Petitzeile aufge-nommen, Beilagenmöglichst billig be-rechnet.

NIL 62.

(Ausgegeben am 2. November 1840.)

Verlag von I. F. Hammerich in Alton«. ^

184 «

^ Druck von B. G. Teubner in Leipzig.

Inhalt: Der Philosophengang, von A. Bock. — Ueber den Staatöcredit. Von einem russischen Staatsmann (Beschluß). — Aus Hamburg: Debattenüber die Herabsetzung der Steuern. Wünsche für die Gasbeleuchtung. Ein Bankerott um 17 Thlr. — Tageszettel: Untersuchungen im GroßherzogthumPosen. Hitzig's Arbeiten zu einer preußischen Preßgesetzgebung. Die Anwendbarkeit der preußischen Amnestie auf die Schriftsteller-Verbote. Das Rit-terschaftsfest in Berlin. Franz. Theater in Dresden. — Neuigkeiten der Literatur.

Der Philosophengang.

Von A. Bock.

Der Geist ist viel, doch Alles nicht.

Byron.

1 .

Wenn ich mit Philosophen zu sprechenhabe, so suche ich dieselben ins Freie zu lo-cken , selbst wenn ich sie in einen französischenGarten führen müßte. Denn obwohl mir einsolcher seiner Geschorenheit wegen sehr verhaßtist, so ist es mir ein logisches Gespräch nochmehr, schon aus dem Grunde, weil ein sol-ches am leichtesten unlogisch wird. Im Zim-mer aber, hinter der Lampe beabsichtigenPhilosophen ein solches unwillkürlich, wäh-rend man es auf einem Spaziergange fast ebenso unwillkürlich vermeidet.

Bei einer mystischen Tasse Kaffee habe ichhäufig zugehört, selten mitgesprochen, wennüber die prästabilirte Harmonie, oder den ka-tegorischen Imperativ nach Hörensagen geur-theilt wurde. Denn wenn sich nicht einige Witz-bolde bei den Sitzungen eines solchen Spruch-collegiums befinden, die den Klepper der Phi-losophie mit dem Sporn in der Seite kitzelnund ihn zu einigen abnormen Sprüngen ver-leiten, so giebt sich derselbe gar zu leicht dasAnsehn des trojanischen Pferdes, das hierdann statt der Menschen Systeme im Baucheführt, aber nach wenig Minuten den Schwin-

del bekommt, sich im Kreise dreht und wie dieTänzerin, von der einst Walter Scott erzählte,in einen — Aschenhaufen zusammenschrumpft.— Aus einer philosophischen Societät auf derAkademie, in die ich eigentlich nur getretenwar, um ihren Untergang mit herbeizuführen,habe ich nichts entwendet, als die Bemerkung,daß Kant in den königsberger Damengesell-schaften sehr beliebt gewesen sei, weil er sich soschön über die Küche habe unterhalten können.Während man sich bemühte, philosophischeKunstausdrücke wie das Wild auf einer Treib-jagd zusammenzuhetzen, um die Begriffe, diejenen, wie Setzlinge der Ricke folgen sollten,bei dieser Gelegenheit einzufangen: konnre ichmir in meiner Angst nicht anders helfen, alsdaß ich hinter dem Kampfe, der sich, gleicheinem Salzwerke langsam hin und her bewegte,darüber nachdachte, warum sich so wenig sagenließ. Ich kam auf Folgendes.

Kant schrieb erst, als er hochbetagt warund die Philosophie ist nicht das Geschäftjunger Köpfe, sondern alter; wenigstensmüssen jene schon früh grau geworden sein.Denn die Thatsache, daß im Völkerleben dieZeit der Poesie und des Handelns der der Phi-losophie vorausgeht, wiederholt sich auch imLeben des Einzelnen. — Wollte die Geschichteder Philosophie nach Resultaten forschen,so würde sich zeigen, daß die Philosophie we-niger solche ergeben hat, als vielmehr selbst

ein solches i st. Dichter und Staatsmänner ha-ben selten etwas aus der Philosophie gelernt;diese ungeheuer viel aus jenen. — Nichts wi-dersinniger als ein begeisterter Philosoph. Seiderselbe aber zugleich Dichter und er darf be-geistert sein und wird begeistern. Es trifft sichdabei freilich häufig, daß der Dichter den Phi-losophen abseits führt und ihn von der Heer-straße der abstrakten Wahrheit auf die Wald-wege und Wiesenpfade der Schönheit leitet.Dagegen ist jedoch wenig einzuwenden, wennman bedenkt, daß dies oft die Richtewegesind, die weit schneller zum Ziele führen, wäh-rend die breite Heerstraße gewaltige Bogenmacht.

Unsere Philosophen darf das indeß wenigkümmern. Sie glauben vor allen Dingen denSatz des Widerspruchs beispielweise an-schaulich machen zu muffen. — Sie lassen sichlieber Kantianer, Hegelianer nennen, als daßsie das Kind auf eigenen Namen taufen ließen.Sie meinen, wenn sie die Goldbarren die-ser Denker ausmünzen, so brauchen sie dasGepräge nicht zu verantworten. Aber dieHauptsache ist, daß sie, wie Tabacksfabrikan-ten thun, eine namhafte Firma vorsetzen, umihre eigenen kleinstädtischen Erzeugnisse an denMann zu bringen. — Sie haben nicht dieWahrheit im Auge, sondern ihre Meinung.Sie haben Recht, daß sie sich, wo sie auch ste-hen, stets im Mittelpunkte des philosophischen