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Horizonts befinden; aber sie bedenken nicht,daß das bei jedem Andern auch der Fall ist.Außerdem sprechen sie mehr von ihrem Stand-punkte, als von dem, was sie von da aussehen. — Sie werden nicht minder eifersüch-tig , wenn der Gegner von der Wahrheit her-kommt, wo sie eben hinwollen, als wenn erbin will, wo sie eben herkommen. — Weilman es für unwissenschaftlich hält, herzlichzu sprechen, so spricht man lieber herzlos.
— Ueberhaupt werden Männer, wenn sie un-ter sich sind, entweder trunken oder stumm,oder grob. Trunken wird nun freilich ein Phi-losoph nicht leicht. Tränke er auch Wein, sobliebe sein Geist doch nüchtern. Ja ginge der-selbe einen Schritt weiter und rühmte sich, daßer, wie Tilly, nie ein Weib berührt habe, soglaube ich's ihm gern, ohne daß er schwört.Stumm aber wird der Philosoph, wenn ernicht mehr von der Gottheit, sondern von Gott,nicht mehr von der Natur, sondern von Na-turkunde, nicht mehr vorn Menschen, sondernvon der Geschichte reden soll. Grob ist er ge-gen Nichtphilosophen ohngefähr aus demselbenGrunde, aus dem es ein Thorschreiber wird,wenn er in die Körbe hineinsehen muß, ohneetwas herausnehmen zu dürfen. Unter sichwerden es die Selbstdenker, weil sie vergessenhaben, daß schon bei den Römern das Meer(und auch das Ufer desselben) in kein Pri-vate igenth um verwandelt werden konnte.
— Philosophen verstehen es am seltensten, wieder Apostel Paulus (nach dessen eigenen Wor-ten ) mit den Heiden ein Heide zu sein, um siezu überzeugen. Begegnen sie sich daher in ih-ren Hohlwegen, so giebt es Oedipusscenenund — im engen Zimmer ist am wenigsten anein Ausweichen zu denken.
Bringt man aber einen Philosophen vonFach an die frische Luft, um mit ihm zu sokra-tisiren, so bleibt seine philosophische Feuchtig-keit, ungleich der der Spinne, noch flüssig undes läßt sich dann am Ende ein Faden, wennauch kein Gewebe daraus entwickeln. — Manschneidet ihm auf diese Weise die Möglichkeitab, sich hinter gewichtige Citate zu flüchten.Will er etwas damit, so muß er sie hübsch imKopfe haben. — Stockt der Gedankengang,so schreiten die Beine desto besser aus und dasist eine gute Nachhülfe. — Sind unser Meh-rere, so können wir Lykurgs Gesetz befolgen,nicht zu lange gegen einen Feind zu kämpfen,sondern der Uebung halber den Gegner zuwechseln und fechten wir dann aeguo Älai-te,so darf sich ein Jeder, wenn auch zum Nach-theile der Philosophie, doch zum Vortheileunserer Freundschaft, den Sieg zuschreiben. —
In freier Natur ist der Mensch auch stets freu-diger gestimmt — wenn er der Freude über-haupt noch fähig ist — und seine Gedankengehen mehr aus einem unmittelbaren Geistes-bewußtsein hervor, als in der dumpfen Zelle.Der Mensch steht, oft ohne es zu wissen, derNatur auch innerlich näher, wenn dieselbe seineSinne frei berührt. Er beweist ihr mehr Ehr-furcht, mehr Hingebung, wie er auch die Men-schen mehr achtet und liebt, wenn er nicht inder Idee, sondern zugleich in der Wirklichkeitmit ihnen umgeht. Nur wenn er sich hinterBüchern und Papier verschanzt hat, wagt erdie Ausfälle auf die Menschheit, auf Naturund All, wie wir sie bei Misanthropen undSkeptikern finden.
Außerdem führe ich, wenn ich mit Philo-sophen rede, gern eine geheime Unterredungmit mir selber und bediene mich dabei mancherAllegorien, die sich draußen zweckmäßig be-werkstelligen lassen. Behauptet der Philosophetwas, worauf ich nicht antworten mag, soführe ich ihn an seichtes Wasser, oder inSümpfe. Wird er zu transscendent, so mußer sogleich bergan steigen. Ist er Spiritualist,so pflücke ich eine Distel und ersuche ihn vonZeit zu Zeit, einmal anzuriechen. — Auchbei manchen Phänomenen an der Landstraßekommt uns die Philosophie zu Statten. Hatmein Begleiter Herbart's Statik und Mechanikdes Geistes inne, so wird es leicht, uns überden Hemmschuh an einem vorüberfahrendenWagen zu verständigen und finden wir, an derSchwelle einer Gartenthür angelangt, dieseverscWsim, so lehrt uns der Satz von derSchwelle des Bewußtseins, daß hier eine plötz-liche Wendung im Gedankengange ein-treten müsse, nämlich eine Recapitulation desWeges nach Hause. — Mit Fuhrleuten, Hand-werksburschen und Bettelweibern zu sprechen,bitte ich mir vom Philosophen als Vorrechtaus, da es sich für diesen, wie für einen Für-sten nicht schickt, sich unmittelbar an dasVolk zu wenden. — Materialisten mögen al-lein laufen. Pantheisten sind mir aber lieb,weil ihnen das Lindenblatt, wie der Klee nochmehr bedeutet, als dem Minnesänger, demBeides schon so viel bedeutet. Vor ihnenbrauche ich mich nicht zu schämen, jede Blume,jeden Schmetterling und Wolkenflor zu betrach-ten und — jeder Holden nachzusehen.
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So trieb ich bei meinem Besuche in Jenazwei dortige Philosophen auf, um mit ihnenwährend der Mittagshitze einen peripatetischenCursus zu machen. Drollige Leute diese Eulen
der Minerva! Es war der Dr. pllil. Jäp undder Doctorandus Jünemann. Letzterem fehl-ten zum vollständigen Doctor nur zehn Fried-richsd'or und ich hatte ihm schon früher gera-then, eine Novelle des Bocaccio in Scenezu setzen, die ihm vielleicht das Geld ein-brächte.
Den Doctor Jäp hatte ich aus seiner Woh-nung abgeholt, weil er sich sonst nicht leichtaus seiner Tonne, wie er letztere nannte,herausbemühte; des Doctorandus wurden wirauf der Straße habhaft. Jäp wollte ihn mirvorstellen. Da ich es aber mit der Bemerkung:„ ich habe schon die Ehre u. s. w." ablehnte,bedauerte er, daß ihm der unschuldige Spaßverdorben werde, zwei Menschen in die Stel-lung zu bringen, als hätten sie Leibreißen.Er habe noch nie gesehen, fuhr er fort, daßselbst kluge Leute bei einer solchen Confron-tirung ein recht gescheites Gesicht gemachthätten: im Gegentheil, es habe ihm immergeschienen, als wenn sie absichtlich ein rechteinfältiges machten. — Jünemann wollte dieseAbsichtlichkeit nicht gelten lassen. — Da sehenSieden Philosophen, sagte Jäp zu mir, dermit Helvetius einen strengen Unterschied macht,zwischen einem Narren, der es wirklich ist undzwischen einem Narren, der sich nur närrischstellt. — Der Unterschied ist subtil, entgegneteich, aber er muß festgehalten werden. —
Uebrigens machte es mir Vergnügen, beideBegleiter im neuesten pariser Schnitt um michzu sehen, in tlrup de Tepllir und gelaschtenGlacehandschuhen und ich stach in meinemmittelalterlichen Rock gar sehr gegen dieselbenab, zumal da letzterer schon manchen polizei-lichen Blick ausgehalten hatte. Auch über„diese Schattirung des Außenmenschen" wußteJäp Auskunft zu ertheilen. Man muß, sagteer, dem Kerl nicht auf den ersten Blick anse-hen, weß Geistes Kind er ist. Deshalb schickeich mich in die Mode. Ginge es aber an, soließe ich mich in einen Sack einnähen, um ausdieser unsichtbaren Loge heraus mancheweltweise Anmerkung unter die Menschen zustreuen. — Wahrhaftig, fuhr Jünemann her-aus, wäre die Sache jetzt auch nicht publicirt,so würde ich doch, sähe ich einmal einen Sacküber die Straße schreiten, sogleich eine Wetteeingehen, es stecke Niemand darin, als derDoctor Jäp!
Wir waren am Thore und ich schlug vor,cinige Kirschen zu kaufen, um im vorkommen-den Falle nicht zu abstrakt zu werden, sondernuns auch gelegentlich an unsern concreten Gau-men zu erinnern. Jäp steckte die Taschen seinesFracks ziemlich voll. Ich selbst nahm nur für