Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
Seite
639
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dau's Schwester machte dann jedesmal ihreweißlichen Bemerkungen über das Gehörte, derAlte wußte stets noch viel merkwürdigere Ge-schichten als Seitenstücke zu erzählen, wah-rend die Vorleser nach neuem Stoffe blätter-ten. Wenn Friedrich immer das las, waser gleich vorfand, so schien es bei Mathilde,als suche sie absichtlich nur das wunderlichstegespenstische Zeug aus und obwohl ihr GesichtLeim Lesen sich fast immer ganz gleich blieb, sotrug sie doch Altes mit einer Stimme vor, diedas scheinbar Geringfügigste bedeutend machteund da Schauer erweckte, wo ein gewöhnlicherLeser die Zuhörer ganz kalt gelassen hatte.Tiefe Stille herrschte unter den Andern, wäh-rend sie las und wenn sie eine Pause machte,hörte man nur das leise Rauschen des Laubesvor den Fenstern.

Blankensee, der sich immer bänger ge-stimmt fühlte, hätte sich längst gern entfernt;aber er fühlte sich unwillkürlich festgehalten,während sie las:

„ Herr Ritter Kurt vom SteineRitt durch den Taunenhag.

Fern hallt' im MondenscheineDer zwölfte Glockenschlag.

Da sah er in der MondennachtNah vor sich eines Schlosses Pracht,

Und lenkte durch die Pforte.

Es war so still im Hofe,

Wo Keiner ihn empfing.

Wo Knappe nicht noch ZofeDurch all die Hallen ging. —

Er lagert sich in's weiche Moos;

Sein Rößlein, schwerer Bürde los.

Fing wacker an zu weiden. —

Da sah er Lichter funkelnZn den Fenstern auf einmal. —

Er stieg treppauf im Dunkeln,

Trat in den hellen Saal —

Drin saß, bei einer Ampel Schein,

Ein schwarzgekleidet Mägdelein,

So bleich wie Mondenschimmer.

Er grüßt nach RittersitteDas Fraulein, schön und schlank.

Mit der bescheidnen BitteUm Rast und einen Trank.

Da deckte sie sofort den Tisch,

Trug Wildpret aus und Wein und Fisch,Doch Alles ohn' ein Wörtchen.

Doch, was da mochte stehen,

Was sie auch köstlich leiht, —

Kein Brod, kein Salz zu sehenWar Lei der Herrlichkeit,

Daß in dem stolzen UeberflußDas Edelste gebrechen muß;

Doch wagt.er nichts zu sagen. —

Des edlen Weines GeisterBewiesen ihre Gewalt,

Der Junker wurde dreister,

Der erst so still und kalt.

Und da sie ernst und traurig war.

Trat er zum stillen Fraulein dar,

Eins traut mit ihr zu kosen.

Sag, fragte sanft und milder,

Sag, wo die Eltern dein? —

Sie wies der Ahnen Bilder,

Gehaun in Marmorstein.

Zu sprechen auch begann sie jetzt:

Ich bin von meinem Stamm die letzt'

Und Alle sind gestorben. —> —

Es stoß des Weines FeuerHerrn Kurt durch Mark und Pein, —

Da sprach er: Fräulein theuer,

Darf ich so kühnlich sein.

Und hat's kein Andrer schon gethan,

So trag' ich Herz und Hand euch anUnd werd' um euch mit Züchten. —

Da ward sie bar von LeideUnd schmückte Hals und Haar,

Wand Perlen und GeschmeideSich durch die Locken dar —

Und durch die Thüre traten sachtZween Greise mit uralter Pracht,

Die winkten stumm, zu folgen. —

Herrn Kurt befiel ein Grauen,

Wie aus dem Saal sie gehn:

Zofen und KammerfrauenSah er da nirgend stehn.

Sie wallten, lautlos war ihr Gang,

Den düstern Corridor entlangZur hellen Burgcapelle.

Ein Pfaff, aus Erz bereitet.

Kniet an dem Hochaltar; —

Doch da sie zu ihm schreitet,^

Da trat er lebend dar;

Und wie ihm Alle lautlos nahn,

Da hub er auch zu reden an —

Gar seltsam war's dem Ritter.

Der Pfaff hub an zu sprechen:

Sagt, Ritter Kurt vom Stein,

Ob ihr euch wollt vermählenMit diesem Mägdelein? —

Kurt ward so heiß und bang dabei —

Da scholl von fern der HahnenschreiUnd Alles war zerstoben.

Kurt sank betäubt darnieder, —

Doch als die Ohnmacht wich,

Fand er im Hofe wiederAuf moos'gem Pfühle sich.

Da stieg er auf sein wiehernd RoßUnd eilte fürbaß von dem SchloßWaldein durch das Gehege.

Der Junker Kurt vom SteineRitt durch den Taunenhag.

Im hellen FrührothscheineGrüßt fröhlich ihn der Tag.

Er dacht' an Jungfrau, Schlossespracht,

An Burgcapell und Mondennacht,

Und spornte jach sein Rößlein." —

„Eine alte Geschichte," bemerkte Wal-tz a u, „ und wie man sie dutzendweis von jederKinderwärterin hören kann."

„Aber mir gefallen dergleichen Geschich-ten noch am meisten, wenn es einmal etwasWunderbares sein muß," antwortete Wal-dau's Schwester, „denn man kann sich dasGanze doch leicht erklären, insofern es nichtsals ein ganz gewöhnlicher Traum war."

„Ein Traum, ja!" sagte Mathilde,während sie in dem Buche weiter blätterte.„Aber es war ein Traum, der nur in jenemSchloßhofe geträumt werden durfte. Hätte derverwünschte Hahn im nächsten Dorfe nicht sofrüh gekräht, so wäre die Trauung vielleichtzu Stande gekommen — aber hier ist ein an-deres Mährchen, welches ganz und gar nichtgeträumt ward."

Sie las-:

„ Es knistert die Flamm' in dem trauten Kamin,Da sitzen am Nocken die Mädchen.

Und Lieder erklingen und Mährlein ziehnIn schäckernder Runde, daß schneller stiehnDie Stunden und rascher die Rädchen. —

Was waltet nun lastende Stille so schwer?

Was sitzen sie schweigend und spinnen?

Ein Sessel inmitten der Stub' ist leer —

Maria berichtet nicht Mährchen mehr.

Seit Monden schon ging sie von hinnen.

Und draußen am Fenster da sausest der SturmUnd treibet den plätschernden Regen,

Es pickt im Gemäuer der Todtenwurm,

Es tönet die Zwölfe vom Kirchenthurm —

Da hört man kein Wörtchen sich regen.

Still schwebet ein Schatten zur Thüre herein,Marien ist gleich er austs Härchen.

Sie nimmt den verlassenen Schemel ein,

Sie schaut in die schweigende Runde d'rein,

Beginnend ein seltsames Mährchen.

Erzählet da, wie sie von hinnen gemußtIn SaalstromS fluchende Wellen:

Erzählt von der fröhlichen Niren Lust,

Des Königs so eisiger feuchter Brust,

Korallen und Gold und Forellen.

Und wie sie der König im Strom sich erkiestZu seinem geliebten Gemahle;

Wie unten die goldene Quelle stießt,

Wie sinniger Lust der Elfe genießtIn blauer krystallener Saale-

Und draußen am Fenster da sauset der Sturm,

Daß innen die Mädchen erbeben:

Es pickt im Gemäuer der Todtenwurm,

Es tönet die Eins von dem Kirchenthurm —Maria muß leis nun entschweben.

Wie bange nun Alle die Rocken beschaun,

Was jedes gesponnen der Mädchen:

Sie mögen dem eigenen Blick nicht traun,

Sie sinden's und schauen's beinah mit Graun —Denn golden ist jegliches Fädchen.

Doch fürchten sie nimmer die Mitternacht mehr,

Sie singen, erzählen und spinnen.

Und lassen auch immer den Schemel leer,

Bereit für der Freundlichen Wiederkehr,

Daß golden Gespinnst sie gewinnen." —

L.