Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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640
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612

„Ein artigesSpinnstubenmährchen!" sagteWald au's Schwester. „Schade daß derglei-chen so sehr außer Gebrauch kommt."

„Und daß die Zwölfund die Eins und derHahnruf ihre Bedeutung und Macht so sehrverlieren."

Blankensee, der zuletzt wenig auf Allesgehört, hatte um so mehr seinen eignen pein-lichen Betrachtungen nachgehangen und an denAndern Beobachtungen gemacht. Er war froh,als das alte Geschwisterpaar endlich Müdigkeitblicken ließ und damit das Signal zur Tren-nung der kleinen Gesellschaft gab. —

9.

Bleiern waren die Stunden des AbendsBlankensee vorübergeschlichen; aber auchnun, nachdem er allein auf seinem Zimmerwar, suchte er vergebens Ruhe; abgespanntwarf er sich auf's Lager, aber der Schlaf wolltenicht kommen. Eine Stunde nach der andernhörte er im Dorfe schlagen — endlich erbarmtesich der Schlaf seiner, aber nur, um ihn mitbösen Traumbildern zu quälen. Nach undnach regelte sich das Chaos seines Traumesund bestimmte Gestalten schwebten am Lagervorüber; endlich auch Friedrich, der beidem Träumenden stehen blieb und ihn anre-dete. „Es freut mich," sagte er, „daß Dugläubig geworden bist. Warum auch an derErscheinung eines Gestorbenen zweifeln? Sieh,Du schläfst jetzt, Du liegst im Traume, undgleichwohl siehst Du mich, redest mit mir undwirst Dich auf Alles dies besinnen, wenn Duerwachst; und dennoch bin ich jetzt auch nureine Traumgestalt, die mit Dir redet und dieDu siehst. Bedenke dies Alles und gesteh' amEnde, daß es etwas weit Wunderbareres ist,als die Wiederkunft eines schon Abgeschieduen.Freilich, sobald Du erwachst, wirst Du Dirdie Mühe nicht nehmen, über einen Traumnachzudenken, denn ein Traum wird verachtet,obwohl er das Wunderbarste ist, nur darumverachtet, weil er sehr gewöhnlich ist. Esbegreift ihn niemand; wie geht es damit zu?— „Ei, wen kümmert das! ein Traum hatnatürliche Ursachen, jedes Kind" — Ja, jedesKind träumt, aber all' eure Weisen und Klu-gen können mir doch nicht erklären, welche Be-wandtnis es mit Träumen hat. Gieb acht, ichwill Dir ein Zeichen geben, woran Du erken-nen sollst, daß ein Traum auch etwas zu be-deuten hat. Ich bin jetzt Nichts, Du träumstmich blos, aber ich will mich Dir jetzt in einemZustande zeigen, in dem Du mich bald wachendwiedersehen wirst." — Mit diesen Wortenzog Friedrich ein Pistol aus der Tasche,

setzte sich die Mündung auf die Stirn unddrückte los. Eine Dampfwolke umhüllte ihu.Aber mit eiskalter Hand faßte er jetzt Blan-kensee an, die Wolke theilte sich und derTräumende blickte schaudernd in das blutigezerschmetterte Gesicht.

Entsetzt fuhr er aus dem Schlafe empor.

Die Morgensonue stand schon hoch amHimmel und vor dem Bette Wald au, derden Schläfer geweckt hatte. Der Alte sah auf-geregt und verstört aus und rief dem hef-tig erschrockenen Blankensee mit bebenderStimme entgegen:

„Der Teufel hat sein Spiel, werthesterFreund — werden Sie es begreifen? eine ver-dammte heillose Geschichte!"

Blankensee dachte seines Traumes undfürchtete das Schlimmste zu hören. Sprachlosstarrte er den Alten an, der fortfuhr:

„Ich verliere den Verstand dabei! MeineNichte, Mathilde, ist rein und spurlos ver-schwunden und ebenso ist Friedrich nirgendszu finden. Niemand hat das Geringste vondem Entweichen Leider bemerkt. Ihr Zim-mer mußten wir gewaltsam öffnen, es war voninnen verriegelt, auch die Fenster verschlossen—- das Bette nicht berührt und von all' ihrenEffecten keine Spur vorhanden. FriedrichsZimmer war offen, das Bett aber gleichfallsunberührt, wiewohl er alle seine Sachen zu-rückgelassen hat, Geld und Uhr nicht ausge-nommen."

Blankensee, der seinen Ohren nichttrauen mochte, hatte sich, während der Alteberichtete, emporgerafft, kleidete sich eilig anund fand dann zu seinem nicht geringen Schre-cken alles bestätigt, wie es W ald au berichtethatte. Am heftigsten war des Letzter» Schwe-ster von Alledem ergriffen, deren Verstandvergebens nach einer Lösung des Räthselssuchte.

Noch standen alle drei wie betäubt undvon aller Geistesgegenwart verlassen einandergegenüber, da trat der Postbote ein und über-brachte an Wald au einen schwarzgesiegeltenBrief. Wald au erkannte schon an der Auf-schrift, daß der Brief von Mathilde ns Va-ter kam. Mechanisch öffnete er das Schreibenund las:

Z— , 5. Aug. 18—.

„Kaum vermag ich der traurigen Pflichtzu genügen, und Dir diesen Brief zu schreiben.Du hast die Ankunft meiner Mathilde ver-gebens erwartet. Ihre Genesung war scheinbarund der Himmel hatte den härtesten Schlag,der uns treffen konnte, nur auf kurze Zeitzurückgehalten. Die Krankheit, die vor we-

nigen Tagen heftiger wiederkehrte, warf sievon Neuem auf's Lager, das sie nicht mehrlebend verlassen sollte. Sie starb vorgesternin den Armen ihrer Mutter. Der Schmerzerlaubt mir nur in diesen wenigen Worten umDein Beileid zu bitten. Meine trauernde Gat-tin grüßt Dich. Dein u. s. w."

Wald au hatte den Brief laut gelesen undseine Schwester hatte ihm dabei über die Schul-ter gesehen. „Mein Gott!" sagte sie, „wersoll daraus klug werden? gestern war derneunte und das Mädchen war frisch und ge-sund bei uns, und doch ist sie dem Briefenach schon am dritten des Monats gestorbenund hatte die Heimath überhaupt gar nichtverlassen.-

„ Ein verdammter Zustand!" rief Wal -d a u. „ Was sollen wir beginnen? Wer kannda rathen und helfen! Blankensee, ge-trauen Sie sich das Räthsel zu lösen?"

Irr' ich nicht, bemerkte die Schwester jetzt,die äußerlich immer eine gewisse Ruhe be-hielt, irr' ich nicht, so äußerte diesen Morgenschon von den Dienstleuten jemand, man habeFriedrich in aller Frühe allein der Stadtzueilen sehen. —

Blankensee faßte jetzt den Entschluß,selbst dorthin zu eilen, denn eine Ahnung flü-sterte ihm zu, er werde den Freund da finden.Es war keine Zeit zu verlieren, in wenigenMinuten stand das Pferd bereit und er rittmit größter Eile. Die Bewegung in der fri-schen Morgenluft that seinem Zustande wohlund er war einigermaßen gesammelt, als ersein Ziel erreichte. Der Zufall war ihm über-dies günstig, denn kaum hatte er einige Stra-ßen durchlaufen, als ihm Friedrich begeg-nete. Dieser 'sah verstört aus, mit dem Aus-drucke des Wahnsinns im bleichen Gesichte.Als erBlankensee erblickte, kam er hastigauf ihn zu und zog ihn rasch mit sich fort inseine Wohnung. Unterwegs redete er keinWort und Blankensee selbst Waranfangsnicht im Stande, eine Frage zu thun.

10 .

Friedrich warf sich, sobald sie auf sei-nem Zimmer angekommen waren, erschöpftauf einen Stuhl und blieb geraume Zeit sprach-los sitzen.

Endlich richtete er sich langsam auf undsprach mit matter bebender Stimme: „Blan-kensee, Du bist jetzt der Einzige, dem ichmich vertrauen kann — ich habe ein schreck-liches Geheimniß, und mittheilen muß ich'sJemand, es ist mir dann vielleicht wenigerdrückend, so sehr mir auch die Erzählung