Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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755
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lichen Persönlichkeit, ist umgekehrt auch Got-tes Arbeit; denn zugleich bewegt er sich zumir: ich bin kein passives Material der Gnade,würde aber ohne Gott nicht über mich hinauskönnen. Dies ist freilich dem blos moralischenStandpunkt Kant's und Fichte's entge-gen, wo außer mir eine Welt ist, die vonGott verlassen (?), darauf wartet, daß ich denZweck, das Gute erst hineinbringe." — Wasgeschieht dann, wenn physische Gegenständeauf menschenwürdige Weise, d. h. moralisch,bearbeitet oder behandelt werden? — „In derReligion hingegen ist das Gute an und fürsich selbst, kein nur Gefülltes (?!) und es han-delt sich blos um mich, daß ich meiner Sub-jektivität abthue und mir an diesem Werke,das sich ewig vollbringt (?), meinen Antheilnehme." Kant's Autonomie und Autoprarieschließen, recht verstanden, den religiösen Stand-punkt nicht aus; nur ein wissenschaftlicherMangel fand sich zugleich ein.

EinHauptgebrechen, als Folge der gedach-ten Nichtaufweisung des Ursprunges (der Ge-nesis) aller Religion, ist dieses: so wurde auchkeineswegs nachgewiesen, wie der Mensch(irgend Einer) zum Besitze der Wahr-heit, wovon die Seligkeit unzer-trennlich ist, gelanget und wie man da-her das Wesen der Religion von den Formenderselben, Confessionen oder positiven Reli-gionen als solchen, bestimmt unterscheiden muß.So geht die Religion in ihrer innern Verbin-dung mit der Sittlichkeit hervor. Und ebendiese Grundansicht steht dem Hyperkatholicis-mus in jeder Gestalt, bei dem bekannten Lehr-sätze von der „alleinseligmachendenReligion oder Kirche," direct entgegen.Will man hingegen jetzt die Religion selbst füreine Sache des Staats, sei es auch ein prote-stantischer, ansehen und kategorisch erklären:dann ist nicht abzusehen, wie man in folge-richtiger Denkweise den Gewissenszwang undhiermit der Despotie oder Tyrannei selbst ent-gehen möge. Nein, die Religion, wie solcheda nur als eine positive (in irgend einer beson-dern Form) gedacht werden kann, . ist keineSache des Staates, der Regierung; da giltvielmehr und nur, mit gutem Grunde, daslängst Bekannte und, wo die Humanität — dieechte Toleranz — nicht ausgeschlossen war, An-erkannte : „Alle Religionen" — Con-fessionen, Kirchen, — „welche nichts derallgemeinen, gesunden Moral Wi-dersprechendes lehren, müssen imStaate geduldet werden." Auch so er-hellt und bewährt sich der gedachte innere Zu-sammenhang des Religiösen mit dem Morali-

schen; derselbe war bei diesem Staatöariomewirklich, wenn auch nur ingeheim oder ohnediewissenschaftliche Ergründung und bestimmteAuffassung, vorausgesetzt: ein Ausspruch des(wahrhaft) gesunden Verstandes!

Mehr nach diesen wissenschaftlichen Grund-bestimmungen über das Höchste der Menschheitfindet sich in meinen beiden Lehrbüchern: „DieMoralphilosophie: der erste odernächsteHauptzweigderPhilosophieals Wissenschaft," und: „Die Reli-gionsphilosophie: der letzte oderhöchsteHauptzweigderPhilosophieals Wissenschaft" rc. (3. und 2. Anst.,München 182t.) Was die prüfende Theilnahmebesonders in Anspruch nehmen möchte, ist er-stens der Plan, wie da das Objective demSubjektiven zum Grunde gelegt worden —aber keineswegs nach der (leider!) noch immergeltenden und herrschenden Schulansicht von„Subject und Object" (d. i. Denken und Sein— dem Logischen und Physischen): ein Plan,welcher auch die auszeichnende Beistimmung desRecensenten in den göttingischen gelehrten An-zeigen, schon bei der 2. Auflage des erstern,erhielt; und zweitens die kritischen Bemerkun-gen über die Erklärung, die ein Norddeutscher(Kant), und die, welche ein Süddeutscher(Sailer, der ehemalige Professor zu Lands-hut) über das Verhältniß der Religion zurMoralität gab, indem K., wie schon bemerkt,in jener nur das Mittel zu dieser erkannte undS. jene als die Quelle, Mutter und Pflegerindieser eben so schlechthin aufstellte: es wird ge-zeigt, wie auf dem Standpunkte der religiösenReflerion, wo eben der Blick auf das weitereund äußere Leben gerichtet wird, beide Vor-stellungen Grund haben, wie aber, wenn beideschlechthin aufgeführt werden, oder für dasErste und Tiefste gelten sollen, erstere die Re-ligion und letztere die Moral aufhebt.

Vermischte Nachrichten.

* Hamburg, im December.Nachwirkungen von Liszt im Hamburger Publicum. —Das Nheinlied. — Der fliegende Holländer. —>Der Freischütz und sein musikalischer Referent. —Der Componist Eduard Marrsen. — Hebbel'sJudith.

Wenn man eben jetzt durch die GassenHamburgs geht, zur Zeit wo die Gassenschrei-hälse etwas ruhig sind und das Geträtsch desHandels schweigt, so hört man fast hinterjedem Fenster auf der modernen Lyra halsbre-chende Passagen, ein Herameron, eine chro-

matische Galoppade und andern Hexereienwirklich den Hals brechen, so daß Einem dasHerz weh thut, über alle die Verrenkungenund Verkrüpplungen, ehe es zur Katastrophekommt, und das arme Geschöpf verendet. —O Liszt, Liszt! — was hast Du in unsernalten ehrwürdig grauen verschimmelten Mau-ern angerichtet! — Wie ein hameln'scher Rat-tenfänger hast Du auf Deinem Instrumente ge-pfiffen, und alle die lieblichen, jungen blau-äugigen Kausmannstöchter sind von DeinenZauberklängen bethört hinter Dir hergelaufen,und wären Dir gern in einen offnen Berg, ineine dunkle Höhle gefolgt, nur nicht auf dasoffenbar helle Dampfschiff, das londoner, dasDich treulos hinweggeführt. Nun sind sie zu-rückgeblieben, die guten verliebten Mädchenund grübeln in Deinen Noten, und sehen injedem schwarzen Köpfchen derselben Deinblasses, ungarsches Gesicht, umflattert vonschwarzem, glattgescheiteltem Haar, in jedemAchtel-, Sechszehntel-, Zweiunddreißigstel- undVierundsechszigstelstrich sehen sie einen, zwei,drei oder vier Deiner wundersamen Zauberfin-ger, jede Achtel-Pause erscheint ihnen wieDein ungarscher Ehrensäbel, und das For-zando- oder Crescendo-Zeichen daneben alsdie rothen scharlachnen Ehrenhosen. — Glaubtman etwa dies sei Scherz! — mit Nichten! —es ist ein erschrecklich grauenhafter Ernst, wasich hier sage, ein Ernst im Sterbekittel, dennschon liegen zahlreiche Opfer dieses unmensch-lichen Virtuosen in Nervenfiebern, und mansollte die Sanitäts-Behörden der Städte war-nen vor solchen Zauberern, die zärtlicheJüng-linge ins Irrenhaus und liebesieche, blauäugigeblonde Jungfrauen aufs Sterbelager bringen.— Aber im Vertrauen, es ist lange nicht sozum Tollwerden, als die Leute sich anstellen.Der Mann ist ein Piano-Bosco, das ist wahr,und Meister Evard, der englische Pianoforte-Fabrikant, ist mit ihm im Bunde, und da hatLiszt Momente, wo er dem Hörer vergessenmacht, daß er am Piano sitzt, indem die im-mense Rapidität der Finger die Töne so in ein-ander verschwimmen macht, daß man ein Blase-instrument zu hören wähnt; das frappirt; hie-zu nun kommt der Ruhm und das schwärme-risch blaffe Gesicht, das hält kein zartes Frau-enzimmer aus, entweder es wird ein Gedichtoder ein Nervenfieber daraus. Man hat auchnun ernstlich beschlossen, nächstens den Platzzu einem Irrenhause abzustecken, woran esHamburg in dieser kunstvollen Zeit nun schonso lange gebricht. — Nebrigens ist der Piano-Mann wacker gerupft aus Hamburg aufsDampfschiff gestiegen, denn 6000 Mk., sein in