Band 
Dritter Theil: Die neuere Geschichte.
JPEG-Download
 

Meistersanger und Sprcichgesellschaften.

191

Knapp, ehrbar, nüchtern und pedantisch, wie er ist, könnte man denMeistergesang vielmehr eine unbewußte und freiwillige Parodie desMinncgesangs, den in's Spießbürgerliche übersetzten Minncgesangnennen. Auch der Meistergesang hat anfangs fast nur religiöse Ge-genstände, namentlich den Mariencultus behandelt, aber grübelnd undkarrikirt; er sollte die Stelle der alten Ascetik vertreten, ohne denalten Heldcnmuth, der zur wahren Ascetik erforderlich, und so wurdeer sehr bald lediglich eine Arche der lutherischen Lehre. Den Ge-sängen durften durchaus nur Texte aus der Bibel, die bei ihremHauptsingen jederzeit auf einem Pulte aufgeschlagen lag, untergelegtwerden, und jede Abweichung, „alte Papistische" Gedanken und Stellenwaren als „falsche Meinungen" auf das strengste verpönt. Da hier-nach das Wesen des Minnegcsanges abhanden gekommen, so warfmau sich lediglich auf die Form desselben und übertrieb diese, dieohnehin schon bei den Nittcrsängern überkünstlich gewesen, bis in'sUnglaubliche. Da gab es 222 verschiedene Singstrophen, daruntermanche zu 100 Reimen, es gab einen blauen und rothen Ton, eineGelb-Veiglein-Weise, eine gestreift Safranblümlcinweis, eine kurzeAfsenweis, eine Fett-Dachsweis u. s. w. Alles durch die sogenannteTabulatur in unverbrüchliche Regeln gebracht. Dieses kindischeWesen, wo das Weberschiffchen des Reimes nach vorgeschriebenenMustern in tausend wechselnden Vcrschlingungcn hin- und herläuft,hat die meiste Aehnlichkeit mit der Leiueweberei. Und doch, indemes förmlich stndirt werden mußte, ist es auch wieder eine Art vonGelehrtenpoesic; um so verkehrter, da die Poeten nicht Gelehrte, son-dern Schuster, Schneider, Lohgerber und andere Handwerker sind,die allabendlich vvm Schusterschemel ihren hölzernen Pegasus be-steigen und nach der Tabulatur zureiten. Au den Sonntagen aber,nach dem Nachmittagsgottesdienst, versammelten sie sich mit Frauund Kindern in der Kirche, im Rathhause und zuletzt in den Hand-werkerherbergcn, um ihr Wochenfabrikat vorzulegen und „Schule zusingen." Obenan saß da feierlich der Vorstand, das sogenannteGemcrk; die Merker kritisirten und fällten das Endurtheil; diebesten Gedichte wurden in ein großes Buch zusammengeschrieben,das der Schlüssclmeister aufbewahrte, und wer so glücklich war,einen neuen Ton zu erfinden, ward vvm Kronmcistcr gekrönt,oder mit einem Kleinod belohnt.

Manche neueren Literarhistoriker halten dem Meistergesänge,wenigstens vom moralischen Standpunkte, eine auffallend warme Lob-rede. Wir aber können bloß deßhalb, weil er eine Erfindung der