Joscph's II. Reformen.
461
Seite gestellte Kriegsbefehlshabcr in so entgegengesetztem Sinne ge-handelt, daß der Statthalter alles Vertrauen verlor. So wurdendie Niederländer zu einem Aufstande gereizt zur Zeit, da in dembenachbarten Frankreich die bedenklichste Unruhe als Vorbote allge-meiner Umwälzung sich zeigte. Im Jahre 1788 kam es zu Gewalt-thätigkeiten, indem die Zöglinge der Seminarien, welche der Erzbischofvon Mccheln und der Bischof von Antwerpen gegen Joseph's Befehlbeibehalten hatten, mit Waffengewalt auseinander getrieben wurden.Die Spannung stieg so, daß nur die Wahl zwischen Nachgeben undäußerster Gewalt blieb. Die Unruhe steigerte sich dadurch, daß zuder Partei, welche das Recht der Provinzen gegen die Willkür desKaisers vertheidigte, eine andere sich gesellte, welche im Sinne derfranzösischen Umsturzpartei jenen Widerstand zum Ausgangspunktefür eine durchgreifende Auflösung nehmen wollte. Daß im Jahre1789 die Verfassung von Brabant und Hennegau aufgehoben wurde,wirkte entscheidend. Es bildete sich in Breda eine Behörde zur Leitungdes Widerstandes, und die Partei der Umwälzungsmänncr lieferteStreitkräftc durch ihre Ausgewanderten. Die Bewaffneten überschrittendie Gränze, im Lande kam es an verschiedenen Stellen zu Ausstän-den, und ein großer Theil der Truppen ging zu den Aufständischenüber. So hatte Joseph einen Aufstand zu bekämpfen, während ersich zugleich mit den Türken im Kriege befand. Die Sache des Auf-standes war in allen Provinzen, mit Ausnahme Luxemburgs, sieg-reich, und den Leitern der neuen einheimischen Regierung gelang es,der Umwälzungspartei, mit deren Hülfe sie den Sieg erkämpft hatte,Meister zu werden. Erst nach Joseph's Tode kehrten die abgefallenenProvinzen, da Joscph's Bruder Leopold ihre Rechte anerkannte, unterdie österreichische Herrschaft zurück.
Joseph selbst hatte das traurige Geschick, sich noch vor seinemEnde von der Erfolglosigkeit und Unzwcckmäßigkeit seiner Reformenüberzeugen zu müssen. Der belgische Aufstand war von ihm selbstherbeigeführt. Aehnliche Demüthigungen erfuhr er in Ungarn undTirol. In Ungarn mußte er durch Patent vom 30. Januar 1790alle seine Verordnungen zurücknehmen. Diese bittern Erlebnisse brachensein Herz. Er starb den 20. Februar 1790. Unter welchem Ein-drucke er den irdischen Schauplatz verließ, beurkunden die Worte, dieer sich als Gralffchrift wählen wollte: „Hier liegt ein Fürst, dessenAbsichten rein waren, der aber das Unglück hatte, alle seine Ent-würfe scheitern zu sehen." In der That hat Joseph II. allen An-spruch auf gerechte Beurtheilung, seine Absichten waren unzweifelhaft