460
IH. Zeitalter Friedrichs des Großen.
hatte, auch noch die erfahren, daß er den Kaiser jetzt so wenig, alsim Verlaufe der späteren Verhandlungen zu irgend einem Nachgebengeneigt fand. Dazu kam, daß während seiner Anwesenheit in Wieneine-Fluch von Schriften zur Herabwürdigung und Verspottung desPrimates sich ungehindert über das Volk ergoß. Ja, der MinisterKaunitz war, während der Kaiser seinem Gaste wenigstens mit denFormen der Ehrerbietung begegnete, gemein genug, denselben durchungeziemendes Benehmen zu kränken. Joseph aber bildete seineNeuerungspläne so weit aus, daß er sich zu einer förmlichen Los-reißung der Kirche seiner Staaten von der Leitung des Papstes ent-schloß, und nur durch das bei ihm viel geltende Urtheil Azara's,des spanischen Gesandten zu Rom, den er noch im Jahre 1783 beieinem dortigen Aufenthalte zu Rathe zog, darauf verzichtete, eineösterreichische Landeskirche nach dem Muster der englischen Hochkirchezu bilden. Während Joseph, der sich persönlich nie gegen die Lehrender Kirche erklärte, als Kaiser unter dem Einflüsse von Ungläubigenzu Gunsten unbedingter Herrschergewalt die Kirche zu erniedrigen be-strebt war, konnte er sich dem Wahne hingeben, daß deren Dienerin solcher Erniedrigung noch fähig sein würden, den Geist des Ge-horsams in dem Volke zu Pflegen. Wie wenig er ein Verständnißder Kirche hatte, zeigte sich daran, daß er von den Geistlichen mitUmgehung der Glaubenslehre nur die Sittenlchre gepredigt haben,und außerdem das Volk in der Kirche mit den Regeln der Diät, derHauswirthschaft u. s. w. bekannt gemacht sehen wollte. Nach derAnsicht derjenigen, die ihn leiteten, sollte die Kirche in eine derPolizei dienende Anstalt umgewandelt werden.
Den stärksten Widerstand fanden Joscph's Neuerungen in denniederländischen Provinzen Oesterreichs. Die im Jahre 1786 erfolgteAufhebung aller von den Bischöfen geleiteten theologischen Lehr-anstalten, die im Jahre 1787 erlassene Bekanntmachung einer ohneRücksicht auf Abgrenzung und Verhältnisse der Landschaften neu ge-bildeten Eintheilung und Verwaltung, verursachten nicht allein Gährung,sondern auch den Versuch des Widerstandes. Der Herzog Albrechtvon Sachsen, ein Bruder des Kurfürsten von Sachsen, sah sich alsösterreichischer Statthalter außer Stande, den Willen des Kaisers imWidersprüche mit der Anhänglichkeit der Niederländer an ihr so langgeachtetes Recht durchzuführen. Der Kaiser berief ihn zurück undordnete kriegerische Zwangsmaßrcgeln an. Noch wäre vielleicht demStatthalter, der mit großer Vorsicht und Schonung auftrat, die all-mählige Ausführung des Planes gelungen, hätte nicht der ihm zur