Mirabeau und Sieyös.
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Beziehung entgegengesetzter Charakter war der des Abbe Sieyüs,der, obgleich ein Geistlicher, sich zum Deputirten des dritten Standeshatte wählen lassen. Dieser Mann trat im ersten Anfange und gegendas Ende der Revolution bedeutend auf, während er in deren Mittefast verschwand. Sieyüs hatte bisher sehr ruhig von dem Ertrageeiner Pfründe in Chartrcs gelebt, sich aber nicht mit den Wissen-schaften seines Standes, sondern mit der Politik und dem öffentlichenLeben beschäftigt, wozu vorzüglich durch Montesquieu und I. I.Rousseau in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Frankreich auf ein-mal eine so große Anregung gegeben worden. Er hatte die Grund-sätze der Revolution mit großem Eifer aufgefaßt, und trug zu ihrerVerbreitung in der allerersten Zeit mehr als selbst Mirabeau bei,der ihm erst, als es zum Handeln und Wagen kam, den Rang ab-lief. Eine Flugschrift, von ihm über die Stellung des Tiers-Etatund das, was er zu fordern berechtigt sei, während der Wahlen zuden Reichsständcn bekannt gemacht, hatte eine ungeheure Sensationhervorgebracht'). Sicyäs war ein eben so kalter und methodischer,als Mirabeau ein feuriger und stürmischer Geist. Er hatte sich langsamund in der Stille entwickelt, und besaß nichts von der Welt- undMcnschcnkenntniß seines großen Nebenbuhlers. Er war verschlossen,unverträglich und einzig mit der Ausbildung seiner politischen Principienbeschäftigt, und galt, im Gegensatze zu Mirabeau, nur durch seineIdeen, da er durch seine Persönlichkeit zu keiner hervorragendenRolle irgend einer Art geschickt gewesen wäre. Da diese Ideen abermit denen seiner Zeit zusammenfielen, ihnen sogar in mancher Be-ziehung vorauseilten, und es ihm nicht an Geschmack, sie mitzutheilenund anzuordnen, fehlte, so mußte er in jener Krise zu einer großenBedeutung kommen, die aber nur so lange dauerte, als seine Talenteausreichten und die Wirkung einer bedeutenden Persönlichkeit nichtnöthig war. Er hatte im Anfange der Revolution Mirabeau vor-gearbeitet, der ihn alsbald ganz ausstach, sowie er am Ende desDirektoriums Napoleon vorarbeitete und ihm den Weg zur Herrschaftbahnte. Sicyüs Wortkargheit, sein verschlossenes und dabei unzu-friedenes Wesen, seine Kälte und Ruhe, imponirten übrigens seinenLandsleuten, denen diese Art zu sein meist fremd ist, und die deßhalbseinen politischen Spekulationen und seinem Talent überhaupt einezu hohe Stelle anzuweisen verleitet worden sind. Er besaß übrigenseinen richtigW Blick in die Bewegung seiner Zeit, den Verfall des
1) „Ha'sst vo guo 1s tisrs 6tat?" Die kurze Antwort lautete: Alles.