Band 
Erster Theil.
JPEG-Download
 

99

schasten gestand, entließ er mich. .In der Unruhe meinesInnern wollte ich es nun mit den Platonikern (die derWahrheit am nächsten kamen, indem sie vor Allem aufdie Gottheit hinwiesen) versuchen. Diese Philosophen stan-den damals in großem Ansehen, und glücklicher Weisehatte sich Einer derselben, ein einsichtsvoller Mann, vorKurzem in unserer Stadt niedergelassen. Ich genoß seinenUnterricht täglich und machte bedeutende Fortschritte. DieErkenntniß des (Übersinnlichen riß mich hin und dasSchauen der Ideen gab mir Flügel, mich über mich selbstzu erheben. In Kurzem glaubte ich ein Weiser gewordenzu sein und trug mich in meinem Unverstände mit derHoffnung, nun bald die Gottheit zu schauen; denn dießist das Ziel, zu welchem die platonische Philosophie ge-langen will. Dieser Hoffnung voll kam ich auf den Ge-danken, mich vom Gewühle der Welt in die Einsamkeitzurückzuziehen, um mich in ungestörter Sammlung ganzmeinen Betrachtungen hinzugeben. Ich wählte die Nähedes Meeres. Hier begegnete ich einem Greise, aus dessenGestalt Sanftmuth und Würde leuchteten. Ich hielt mei-nen Schritt an und betrachtete ihn schweigend. Da kamer auf mich zu und knüpfte ein Gespräch mit mir an.Den Gegenstand desselben bildete das Wesen der Gott-heit, die Unsterblichkeit der Seele, die Belohnung derGuten, die Bestrafung der Bösen.« — Justin hatte sich alseinen Freund der Wissenschaft und der Betrachtung zuerkennen gegeben. Der Greis fragte ihn, warum er nichtvielmehr ein Freund des Wirkens, als des Betrachtenswerden wolle. Justin erwiderte, ohne philosophische Be-trachtung sei nichts Gesundes und Gottgefälliges amMenschen, Philosophiren sei das wichtigste und ehrwür-digste Geschäft, und alles Andere habe nur in so fern