Band 
Zweiter Theil.
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XXXI

ganzes Leben war eine fortlaufende Ausführung diesesBeschlusses; er schwieg, aber sein Schweigen war beredterals die geläufigste Zunge eines Meisters der Redseligkeit;er scbwieg, wo es zu schweigen galt, aber er sprach auch,wo es zu sprechen galt, doch auch sein Sprechen hatte denCharakter der Schweigsamkeit, er sprach, wie der Römersich ausdrückt, multmn, sscl von mults, d. h. zu deutsch:viel, aber nicht vieles, seine Rede war reich an Gedanken,aber arm an Worten.

Das aber war es eben, was Tacitus zum Rednerstempelte, und der Beruf eines Redners war es, zu wel-chem sich der Jüngling hingezogen fühlte. Dieser Be-ruf aber, vor wenigen Jahrzehnten noch der glänzendste,den man wählen konnte, indem er Demjenigen, der ihngehörig zu handhaben wußte, den ganzen Staat m dieHände gab, wie denn auch Julius Cäsar demselben großen-thells seine ungeheure Macht verdankte — dieser Beruf,sage ich, beschränkte sich seit der Verwandlung der Repu-blik in die Monarchie lediglich auf Führung von Privat-sachen, aus die Advocatur oder Rechtsanwaltschaft, und diebefriedigte denn doch den großen Mann aus die Längenicht, mehr befriedigte ihn die öffentliche Wirksamkeit alsStaatsbeamter. Schon Kaiser Vespasian (69—79) be-kleidete ihn mit einem öffentlichen Amte, und sein SohnTitus (79—81), sowie dessen Bruder Domitian(81—96) beförderten ihn von Stufe zu Stufe. Aber un-ter der Herrschaft des Letztem wurde es immer unerquick-licher, dem Staate zu dienen, denn Domitian erkannte,wie in neuerer Zeit Ludwig XIV. von Frankreich, keinenandern Staat als seine eigene Persönlichkeit, und diesePersönlichkeit war eine giftige Natter; es war gefährlich,umer Domitian ein öffentliches Amt zu bekleiden, aber es