Band 
Sechster Theil.
JPEG-Download
 

30

ten die Gottheit hauptsächlich im Meere und lernten beimAnblicke des so häufig und dann so gewaltig tobendenElementes nur vor ihr zittern. Darum glaubten sie die-selbe durch alle Arten von Opfern, insbesondere aber durchMenschenopfer versöhnen zu müssen. Man schlachtete dieUnglücklichen, die durch das Loos dazu bestimmt wurden,entweder mit dem Schwerte ab, oder erhenkre sie an euremPfahle, oder setzte sie — und dies war das Gewöhnliche —zur Zeit der Ebbe auf die Dünen und ließ sie von derzurückkehrenden Fluth verschlingen. Wulsram, wenn er auchvorderhand nicht im Stande war, die Abstellung des ent-setzlichen Brauches zu bewirken, suchte wenigstens die Opferzu retten. Eines Tages wurde ein junger Mensch, dendas Loos getroffen hatte, mit Namen Ovo, in Gegen-wart unsers Heiligen zur Versöhnung der zürnenden Götteraufgeknüpft. Wulsram trat vor den König, der dem ent-setzlichen Schauspiel mit der gleichgültigsten Miene von derWelt zusah, und bat ihn, den Unglücklichen ihm zu schen-ken, auf daß er ihn dem wahren Gotte opfern, d. h. zueinem gottgefälligen Leben erziehen könnte. Der Königerwiderte, es sei ein urangestammtes Gesetz bei dem Fri-senvolke, daß, wer durch das Loos bezeichnet werde, denGöttern zu Ehren sterben müsse, er könne diesem Ge-setze nicht zuwiderhandeln. Der Heilige aber ließ nicht abmit Bitten und Flehen, und schon wankte der König inseinem Entschlüsse, da legte das Volk sich dazwischen undrief: «Nur wenn dein Christus ihn seiner Todesbandeentledigen kann, mag er dir und ihm gehören." Wulf-rain versetzte freudig: «Wohlan denn! Christus möge ent-scheiden!" und betete laut und betete heiß, und siehe, dieBande zerrissen, und der Jüngling, nachdem er bereits zweivolle Stunden gehangen, fiel unversehrt zur Erde. Das