192
er wußte, wie Konstantin, bloß von einer Staatskirche; aberer war dessenungeachtet in der That Katholik, er wußte nichtsvon einer Landeskirche, er wußte nur von einer Weltkirche;diese Weltkirche stand ihm unter der Leitung des Bischo-fes von Rom als des Nachfolgers und Statthalters Petri,allein diese Leitung schien ihm zumal in seinen Zeitläufeneinen starkem Arm zu erfordern, als der Arm eines Geist-lichen war, und wenn diesen auch die ganze Christenheitals ihren Vater verehrte, sie erforderte den Arm einesWeltlichen, dem die Macht eines Weltreiches zu Gebotstand, und dieses Weltreich war Karl dem Großen seinFrankenreich, und als Oberhaupt dieses Weltreiches fühlteer sich auch zum Oberhaupte der Weltkirche bestellt, derPapst hatte ihn in der Regierung dieser Kirche nur in derEigenschaft eines Hohepriesters als untergeordneter Mit-regent mit Rath und That zu unterstützen. Allein schondiese Anschauungsweise mußte den heiligen Vater mitbanger Besorgniß erfüllen, doch er vertraute dem hohenSinne und großen Geiste seines königlichen Freundes undließ ihm stillschweigend die Doppelgewalt, welche die frän-kischen Herrscher schon längst, wenn auch nicht rechtsgültig,so doch thatsächlich besessen; denn sie konnte das Größtewirken in der Hand eines Mannes, welchem die Verwirk-lichung des Christenthums im Staate als Aufgabe seinesLebens galt. Nur Eine Fürsorge traf er, er übergab demKönige eine Sammlung der bestehenden Kirchengesetze,den Hinsort sogenannten Hadrianeischen Codex, um durch dieErhebung dieser Kirchengesetze zu Reichsgesetzen, zu wel-cher er sie empfahl, die römische Kirchenordnung und da-mit auch das päpstliche Kirchenregiment und m ihm danndie Selbstregierung der Kirche auch noch im fränkischenReiche wieder zur Geltung zu bringen.