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Wallenstein in kirchlicher Beziehung und Charaktcrzüge.
lagern Prädicanten öffentlich auftreten zu sehen, indeß einPriester in seiner Nähe kaum zu erblicken war, und es dem Über-zeugungstreuen Katholiken einen Laut ernster Bedenklichkeit ab-nöthigte, daß er den kirchlichen Anforderungen an einen sol-chen in vollem Jahreslauf bloß eiu einziges Mal Genüge that.Dabei sprach man von leichtfertigen Aeußerungen über kirch-liche Gegenstände. Strengere beurtheilten Wallensteins astrolo-gische Liebhabereien nach der Lehre der Kirche. Große Zuge-ständnisse, die er den Unkatholischen machen wollte, wie er dennden Herzog Franz Albert von Sachsen-Lauenburg in einemoffenen Brief versichert haben soll, in Religionssachen müssealles wieder in den Stand des Jahres 1612 zurückversetzt wer-den, konnten sie am wenigsten billigen"). Diesem und demaus Wallensteins gesammtem Walten hervortretenden Geist ge-mäß, wird die Angabe zu beurtheilen seyn, daß ein calvinischerLieutenant seines Heeres kaum halb so viel Sold erhalten habeals eiu katholischer oder lutherischer"). Ist auch dieselbe hin-länglich beglaubigt, so können wir darin bloß einen besondernFall, nicht eine allgemeine Uebung erkennen; eine solche würdemit Wallensteins Charakter und stets beobachtetem Verfahrenallzusehr in Widerspruch treten.
So vieles, was in dieser Schrift bisher mitgetheilt wor-den ist, zeigt, daß Wallenstein eine unbeugsame, herrische Na-tur war. Wir haben gehört, wie der Churfürst von Mainzvon „einem nnerträglichen Joch des Friedländischen Dominats"sprach. Daß sein Oberster Feldhauptmann zu einem solchen „Do-minat" sich aufgeschwungen, hätte der Kaiser längst wahrnehmen,
>8) Das im ersten Capitel dieser Schrift angeführte Votum des Gehei-men Raths, welches jedenfalls genaue Kenntniß von Wallensteins Wesen undThun verräth.
>9) Keller die Drangsale des uassauischen Volkes S. 20l.