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Valmiki erblickte zwei Vögelchen, welche in stiller Einsamkeitihren Weibchen das Nest bereitet hatten. Plötzlich ergriff undtödtete eine böse Hand das Weibchen. Der Zorn, der ihn bei die-sem Anblicke ergriff und die Schmcrzensklagen, welche die Verwitt-wete auf dem Zweige anstimmte, schilderte Valmiki in Worten,die sich rythmisch fügten, und so entstand die Elegie und die Sloka,ein der indischen Dichtkunst eigenthümliches Distichon.
Dieser poetische Ursprung deutet scharf an, wie sehr die elegischeMelancholie in der indischen Literatur vorherrschen muß; selbe mußteauch wohl eine solche Farbe annehmen in einem Lande, wo die Weltnur wie eine Bußanstalt, alle Wesen wie gefangene Seelen, alleKörper als dem Schmerz und der Schuld verfallen betrachtet wer-den. Darum geht dieser Ton durch alle poetischen Formen, vonder flüchtigen Sloka an bis zu den riesenhaftesten Schöpfungen.
Dichtung.
Ganz eigenthümlich der Sanskritliteratur ist die innige Ver-bindung der Dichtung mit der Wissenschaft. Viele ihrer alten phi-losophischen Bücher sind in gebundener Rede geschrieben, ohne daßihnen darum die genaue Analyse und die dialektische Verbindung fehlte.Sogar daö Gesetzbuch des Mann ist in Distichen abgefaßt, ja selbstdas Wörterbuch des Amhara Sinha hat diese Form. Im Ba-gavad Purana spricht der König Parakiti zum Weisen Suka:„Meister, gerne wüßte ich, wie die Seele mit dem Körper vereinigtist, wie der Gott Brahma geboren, wie die Welt geschaffen ward,wie wir Wischnu und seine Eigenschaften erkennen könnten, was dieZeit sei, wie viele Geschlechter des Menschen es gebe und wie langedie Welt bestehe, wie die Seele zuletzt mit der Gottheit eins werde,welches die Größe und das Maaß des Weltalls, der Sonne, desMondes, der Sterne, der Erde sei, wie viele Könige auf derselbenherrschen werden, welches der Unterschied der Kasten sei, welche ver-schiedene Gestalten Wischnu annehme, welches die drei Hauptkräftcseien, was der Vedam sei, was man unter Tugend und frommenWerken verstehe, was Ziel und Zweck aller Dinge sei." Vermöchtenun ein Europäer sich ein Gedicht mit einem solchen Eingänge zudenken? Daher die Großartigkeit dieser Dichtung, im Vergleich zuwelcher Homer klein erscheint und welche weniger die Vernunftals die Einbildungskraft befriedigt. Man würde sich sehr getäuschtfinden, erwartete man, in diesem Werke der verwirrten Schwülstigkeitund dem phantastischen Bilderreichthum der Orientalen zu begegnen.