472
der alten Gesellschaft gebornen Gewohnheiten eine bessere Rich-tung gegeben/ dieselben jedoch nicht gänzlich geändert. EinzelneHäuser besaßen noch immer 2 bis 300 Sklaven und eine reicheDame ließ ihre Dienerin eines Versehens wegen an das Bettfestbinden und vor ihren Augen geißeln *). In der Kirche warenMänner und Weiber strenge geschieden/ und ein anständiges Mäd-chen konnte nach Sonnenuntergang ihre Wohnung nicht verlassen.Einige Frauen nahmen die antike Prunklicbe mit in daS demüthigeChristenthum hinüber und ließen sich von vier Maulthicren ineinem goldstrotzenden/ von prächtig gekleideten Verschnittenen um-gebenen Wagen zur Kirche fahren; sie selbst strahlten von Dia-manten und die Stickereien auf ihren Gewändern stellten nichtselten Scenen aus dem Evangelium dar **). Diese und ähnlicheDinge boten, obgleich sie übrigens nur noch ausnahmsweise Vor-kommnisse waren/ nur zu reichlichen Stoff für die Ermahnungender Prediger/ welche zwar die Jungfräulichkeit sehr hoch stellten,doch aber, namentlich den jungen Leuten/ den ehelichen Standanempfahlen! In den großen Städten des Morgenlandes, wieAntiochia und Constantinopel / wurden die Kinder mit Sorgfalterzogen; die fünfjährigen Knaben lernten in den öffentlichen Schu-len lesen und die Schriftlichen auf Wachstafeln zeichnen; sodannlasen sie unter der Anleitung der Grammatiker Homer und dieübrigen griechischen Dichter / worauf sie unter den Lehrern derBeredsamkeit/ die häufig aus Pedanterie noch den heidnischenGlauben zur Schau trüge»/ ihre Bildung vollendeten.
Unter den vielen abergläubigen Gebräuchen, die sich erhaltenhatten, wollen wir nur hervorheben, daß selbst Christen häufigAmulette mit dem Bildnisse Alexander d. Gr. trugen, dessenRuhm zu einer Religion und selbst gewissermaßen zu einer mysti-schen Persönlichkeit geworden war ***). Einige trugen BlätterauS dem Evangelium als Amulette bei sich, oder hingen sie ihrenKindern um den Hals; bei deren .Geburt zündeten sie mehrereLampen an, legten jeder einen Namen bei, und gaben dem Neu-gebornen den Namen der Lampe, die am längsten gebrannt hatte.
') Chry so st. Werke. t. XI.
*') Xstsr., Horn. in aivitem st Imrarum.
**») Olli-^sost. I, 682, II, 243. Es zog sich diese Verehrung Alexandersiies in das Mirtelalrer hinein. Beweis die Alerandersagen bei denGermanen und Romanen.