Band 
Achter Band.
JPEG-Download
 

1012

von reinen Äußerlichkeiten, von dem engeren Anschließen an dieeinmal angenommenen Formen; man zwang armselige Gedankenin mühevoll zusammengeflickte Stollen und Gegenstollen mit ihremAbgcsange; wer so ein hölzernes Gedicht regelrecht und wohlge-schnitzt vollendet hatte, der trug es singend vor; die „Mcrker"saßen und sahen wohl auf die zweiunddrcißig Regeln; griff derTon in den eines andern MeiflerS nicht ein, so weit vier Silbensich erstreckten, so ward er abenteuerlich benamset und der Singerunter seltsamen Ceremonien zum Meister gekrönt... ES läßt sichrecht gut reden vom lieben vergnüglichen Handwerköstand mitdem freien Wandern in die Welt hinaus, und wie beim Haupt-singen in St. Lorenzi oder Scbaldi (zu Nürnberg) die Merkeram Tische vor einem Pulte saßen und der älteste Luthers Bibelauf dem Pulte vor sich hatte und die vom Sänger angegebeneund behandelte Stelle aufsuchte und fleißig Acht gab, ob daS Liedwohl mit dem Inhalt der Schrift und auch mit Luthers Spracheübereinkomme: — daS Alles läßt sich ganz schön hören, ist aberder einzig poetische Firniß am Ganzen, und Jeder, der sich eiu-mal weiter durch diese mcistersängerischen Wortklaubereien, VerS-schmiedercicn und Reimspielercien hindurcharbeitete, wird wohlwenig zu erzählen und zu berichten wissen. — Von Westen nachOsten war diese Anfangs noch edle Kunst des Meistergesanges ge-gangen, bis sie im 16. Säeulo ihren glorreichen Einzug mit garergötzlicher Burgcrlust undPcilschcnmeisterei in RegenSburg, Ulm,Steiermark,Mähren,BreSlau, Görlitz biö nachDanzig gehalten"*).

Satire.

Als die fruchtbarste und poetisch bedeutsamste Form derLehrdichtung beginnt nun im Geiste der Zeit die Satire sich auf-zuthun und cS ist eigentlich nur ein scheinbarer greller Gegen-satz, den die dancbenstehendcn düstern Todtentänze und dergl.bilden: daS Mittclalter liebte es in eben dem Maße an den Toderinnert zu werden wie die Gegenwart, diesen Gedanken von sichfern zu halten. I» Bild und Wort die Sterblichkeit und Ver-gänglichkeit des Menschen darzustellen, war in jenen Zeiten fastzur Leidenschaft geworden. Was nun die Satire betrifft, sobilden die Fabel und „Bispil"-Sammlungcn den Uebergang dazu,

») Hyac. Holland, Geschichte der deutschen Literatur rc. Vd. l, Mittel-alter. Regensburg 1853. D. B.