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Verehrung vor dem Alterthum die ungebildete aber energischeZeit/ in welcher die neue Civilisation gereift war/ für barba-risch. Leo X erläßt eine Bulle zum Schutz der Herausgabe desunsittlichsten Gedichts; Julius IH. umarmt den Aretin, derdie infamste seiner Tragödien dem Cardinal von Trient widmet;ein anderer Cardinal/ der nach der Tiara trachtet, schreibt die„Calendrä". Was verschlägt'S, daß alles dieß unsittlich, lüder-lich, mörderisch ist: eö ist schön, und das genügt; die Phantasieward davon entzückt, die Vernunft geblendet.
Weil aber das Band zwischen Herz und Geist stärker ist, alSManche zu glauben scheinen, hat das große lconinische Jahrbun.dert kein einziges selbstständigeö Werk hervorgebracht, welchesim Felde der Intelligenz eine neue Bahn gebrochen hätte, worinman, sei es in der Literatur, fei es in der Wissenschaft, sei eSin der Erkenntniß der Wahrheit, einen wahrhaften Fortschrittentdeckte.
Niemals erscheint der Aberglaube so mächtig als in der ZeitdeS Erlöschens des ächten religiösen Gefühls. Noch hatte dersystematische Zweifel nicht Eingang gefunden zu den Dogmendes Glaubens, aber schon löste sich derselbe vom Leben, woriner einer ganz heidnischen Sittenvcrwildcrung den Platz räumte.Damit ist übrigens nicht das eigentliche Volk gemeint, dessenFrömmigkeit sogar lebendiger als je erschien, als hätte eS tieferdas Bedürfniß empfunden, im Himmlischen Linderung zu suchenfür sein irdisches Elend. So wird auch von einer ganzen Reihevon Wundern und von häufiger Erscheinung der heiligen Jung-frau geredet. Selbst unter den Großen wird die Frömmigkeitdurch die Gottlosigkeit nicht völlig erstickt. AlS die Florentinerfürchteten, daß der Herzog von Bourbon mit den Landsknechtendurch toskanisches Gebiet kommen würde, unternahmen sie jedenFreitag unter erbaulichster Theilnahme der ganzen Stadt eineProzession mit dem Allerhciligsten*); Vitellozzo, vom Herzogv. ValentinoiS gefangen genommen, bittet ihn um Verwen-dung bei dem Papste, auf daß er ihm vollständigen Ablaß fürseine Sünden gewähre**). Ja, wer irgend eine Missethat vor-hatte, versah sich mit Jndulgenzen und Reliquien! Wir sehenhier natürlich ab von den Männern und Frauen, die sich die
*) Bericht des venezianischen Gesandten von 1S?7.
**) Machiavel.