Band 
Erster Band. Einleitung. Darstellung, Geschichte und Critik der bisherigen falschen Systeme.
JPEG-Download
 

425

Tugenden die Gerechtigkeit nothwendig Hinwegfalle».

Die Religion und die Furcht Gottes, sagt Lactantius,ist eS allein, welche die Gesellschaft der Menschen untereinander bewahrt. Auch hat nie und nirgendwo ir-gend ein Staat ohne alle Religion bestanden. Dar-aus läßt sich ferner ermessen wie ungereimt die Behaup-tung ist, daß die Religion nur zum Ruzen der Großen undMächtigen erfunden worden, oder daß sie nicht für diesesondern nur für das Volk bestimmt sey. Zwar ist sie frey-lich auch den Fürsten vortheilhaft: denn wem sollte sie nichtuüzen diese Tochter des Himmel- und Wohlthäterin derMenschen, dieses zarte heilige Band, welches sie wechsel-seitig an einander und an ehren gemeinsamen Schöpferknüpft! Sie sichert den Fürsten die Treu ihrer Unter-thanen, den freywilligen Gehorsam der durch keinenZwang zu ersezen ist; sie hindert die Verbrechen in ihremKeime und bringt gemeinnüzige Tugenden hervor; sie er-leichtert die Vollziehung aller Geseze, macht Aufseher undGewaltthätigkeiten überflüssig oder wirkt auch da wo diese«icht hinbringen könnten; sie flößt endlich den Fürsten je-nes Vertrauen, jene Ruhe des Gemüthes ein, welche dasLeben angenehm macht, das Herz erhebt und zu großmü.tbigen Gesinnungen stimmt. Aber wenn die Religion jewäre erfunden worden, wie e- nicht ist: so würde dieß»ffcnbar mehr zum Ruzen der Schwächeren geschehen seyn,

48) Pietate adversus Deum sublata , fides etiam et sotieta*Lumaui generis et una excellentissima virtus, justitiatollatur, necesse est. Cicero .

49) Religio et timor Dei solus est qui custodit hominum in-ter se societatem. Lactant de ira c. 12 .

§ 0 ) Nec unquam et usqaam respublica stetit sine specie aliquareligionis. Lipsius.